Anfang und Ende von Marianne Apfelstedt

Herzlichen Glückwunsch, Ihr Antrag vom 20.01.2187, zur Fortpflanzung wird hiermit bewilligt.
In diesem Jahr wird eine Reproduktion von 117 Leben im Bereich Eurasien gestattet.
Die Überwachung und Geburt des neuen Erdenbürgers wird im Quadranten 13/5 erfolgen.
Bitte finden Sie sich dort spätestens bis zur SSW 35 ein.

 

Ich nehme das bunte Tuch und streiche ihr den Schweiß von der Stirn. Die Zeit ist ein Tunnel, an dessen Ende meine geliebte Frau festhängt. Ihr feuchtes Haar ringelt sich. Die Sommersprossen auf der Nase verlieren sich unter den katzengrünen Augen, die jetzt von Fältchen umringt sind. Die nächste Wehe lässt sie die Augen zusammenkneifen, bis auf ihrer Stirn ein Grat entsteht. Sie mobilisiert all ihre Kräfte, ich stütze ihren Rücken und spüre, wie ihre Muskeln zu Drahtseilen werden. Novalee, meine zierliche Frau, entwickelt Bärenkräfte.

„Pressen, dass Köpfchen kommt“, verkündet die Hebamme. Seit wie vielen hundert Jahren hat dieser Satz Frauen angefeuert, ihre letzten Kräfte zu mobilisieren?
Das Köpfchen ist geboren und kurz darauf das ganze Kind. Ich sehe ein kleines Wesen, das strampelt und schreit. Ich weiß, es will leben. Eine Welle von Stolz flutet mich an, doch ich muss der Liebe meines Lebens beistehen.
„Du kannst dich einen Moment ausruhen, ich halte dich.“ Zärtlich streiche ich ihr Haar aus dem Gesicht.

„Ich spüre das Zweite. Es will nach draußen.“
Die Hebamme ist zurück und gemeinsam unterstützen wir Novalee. Unsere Nummer zwei lässt auf sich warten. Nach jeder Wehe sackt Novalee zusammen, ihrer Kraft beraubt.

„Trink. Das wird dich stärken. Du brauchst jedes bisschen deiner Kraft.“ Ich halte ihr den Becher hin und sie trinkt ihn aus. Wehe um Wehe brandet über Novalee, in den immer kürzeren Pausen kommt sie kaum zu Atem. Endlich schaut das Köpfchen heraus und bald ist unser zweites Kind geboren. Ich umarme sie und will sie niemals mehr loslassen.

„Du hast es geschafft, ich liebe dich so sehr.“ Gierig trinkt sie aus der Wasserflasche, die ich ihr reiche. Dann lässt sie sich erschöpft in meine Arme sinken. Ihr Duft und die vertraute Wärme ihres Körpers an meiner Brust spinnen einen Kokon, den die Hebamme mit ihren Worten zerreißt.

„Beide Mädchen sind gesund. In einer Stunde komme ich zurück, bis dahin müssen Sie entscheiden, welches Kind Sie behalten werden. Das andere übergeben Sie mir für die Rückführung.“ Sie legt jedem ein Kind in die Arme. Zwei Paar Babyaugen sehen uns wach an. Ich helfe Novalee, jedes Mädchen an eine Brustwarze anzulegen. Beide trinken und sie sieht mit entspanntem Lächeln zu mir. Dieses glückliche Bild will ich für immer konservieren. Ich sauge diese kostbaren Minuten ein, wie meine Töchter die Muttermilch.

„Sind sie nicht wunderschön? Welche Namen sollen sie bekommen?“, frage ich leise, um die friedliche Stimmung zu erhalten.

„Wir nennen sie Nova und Lee.“

„Dann bewahren sie beide etwas von dir.“ Krampfhaft versuche ich, mein Lächeln beizubehalten, und sehe in ihren Augen, dass es mir misslingt. Ich schlucke und bemühe mich noch mehr. In ihrem Blick liegt so viel Liebe.

„Wir haben alles besprochen. Schau, Nova ist schon eingeschlafen. Willst du sie nehmen?“ Sie reicht mir unsere winzige Tochter und ich bemerke fasziniert, wie sie im Schlaf ihr Näschen kräuselt, genauso wie ich es bei Novalee so oft gesehen habe. Auch Lee schläft. Langsam rutscht ihr die Brustwarze aus dem Mundwinkel und ihre Fäustchen öffnen sich entspannt. Ein Blick auf mein Handgelenk holt mich schlagartig ins Hier und Jetzt zurück.

„Uns bleiben noch 13 Minuten bis zur Rückkehr der Hebamme.“

„Dann sollten wir die Zeit nutzen.“

Ich hole eine Kapsel aus der Hosentasche, Novalee rutscht mit Lee auf dem Bauch zur Seite, ich decke die beiden zu und lege

mich mit Nova ebenfalls auf das Bett. Ich küsse meine Geliebte, dann gebe ich ihr die Kapsel. Sie nimmt sie und schluckt sie mit dem letzten Rest Wasser aus der Flasche hinunter. Sie küsst zuerst mich, dann Nova und zuletzt Lee.

„Ein Leben für ein Leben“ sind ihre letzten Worte, bevor ich zusehe, wie sie die Augen für immer schließt. Ein Teil meines Herzens wandelt sich zu Stein, wird so kalt, wie der geliebte Körper neben mir bald sein wird. Tränen rinnen meine Wangen hinab, ein Schluchzen kämpft sich aus meiner Kehle. Hart schlucke ich meinen Schmerz, verliere mich in ihm. Irgendwann bemerke ich die winzige Hand, die meinen Daumen kraftvoll umschließt. Mein Blick wandert von der Toten zum Leben. Eine Aufgabe wartet auf mich, es gilt, ein Versprechen einzuhalten. Ich verschließe meinen Kummer im hintersten Winkel. Der lebendige Herzschlag von Lee tröstet mich ein wenig über den Verlust des Herzens, das jetzt für immer schweigt.

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