Bea Jost ist eine praktisch denkende Frau. Was nicht heisst, dass sie keine Träume hätte. Oder keinen Zorn in sich.
Der Mieter- und Mieterinnenverband hat seine Mitglieder eingeladen zu überprüfen, ob sie eine Mietzinssenkung zugute hätten. Bea Jost gibt die verlangten Daten ins Berechnungsformular auf der Internetseite ein und stellt erfreut fest, dass sie eine Zinssenkung beantragen kann. Von allein geschieht da nämlich nichts. Die Hausverwaltungen sind nur prompt, wenn es um Mieterhöhungen geht.
Einige Zeit nach Absenden des Antrags erhält sie von der Verwaltung die Mitteilung, sie könne ab Februar des kommenden Jahres zwanzig Franken pro Monat weniger bezahlen. Sie merkt eine satte Genugtuung, rätselt aber am Datum herum. Ab Februar? Jetzt ist September – warum erst ab Februar? Sie greift ins Regal und blättert durch die Kartonmappen, bis sie die richtige findet. Eine gelbe. Sie enthält alles, was die Wohnung betrifft, in der sie nun seit zwei Jahren wohnt. Bea Jost nimmt den Mietvertrag heraus. Er umfasst sechzehn Seiten. Drei davon individuell-konkret, der Rest kleingedrucktes Generelles. Punkt sieben des Papiers: „Mietende und Kündigungsfrist“.
Eben noch war sie froh und erleichtert, nun stockt ihr der Atem. Das Blut rauscht ihr in den Ohren, sie hofft, den Augen nicht trauen zu können. Der Mietvertrag ist befristet! Und endet „auf jeden Fall“ – in drei Monaten! Das kann und darf nicht wahr sein! Sie schüttelt den Kopf wie eine Hündin, die versehentlich in kaltes Wasser fiel und nur mühsam an Land gekraxelt ist, sie schliesst die Augen und öffnet sie wieder. Nützt alles nichts, es steht da, schwarz auf weiss: „Auf jeden Fall.“ Das Haus soll abgerissen werden. Wann, steht allerdings noch in den Sternen.
Wie konnte sie das übersehen? Wie kann es sein, dass eine gestandene Frau einen Vertrag unterschreibt, ohne ihn richtig zu lesen? Sie ist fassungslos, aber gleichzeitig seltsam ruhig. Was sie irritiert. „Kann mich nichts mehr ganz und gar erschüttern, so dass ich nicht mehr wüsste, was hinten und vorne ist? Bin ich abgebrüht, unerreichbar für das, was geschieht, selbst wenn es mich ganz direkt betrifft?“
Es bleiben ihr drei Monate. Bea überlegt. Sie ist, wie geschrieben, eine praktische Frau. Was nun? Was tun? Etwas unternehmen, das ist klar. Und nachher die Fragen beantworten! Zwecks Selbstvergewisserung.
Sie schreibt einem Juristen, mit dem sie befreundet ist. Betreff: „Ein kolossaler Irrtum.“ Weiter: „Ausnahmsweise ersuche ich dich formlos um einen Rat.“ Sie weiss, dass er es nicht mag, wenn die Leute ihn dauernd als Anwalt ansprechen. Verständlich eigentlich, auch Ärztinnen klagen darüber, dass alle ihnen bei jeder Gelegenheit mit Wehwehchen kommen. Aber jetzt ist Ausnahmezustand! Er erbarmt sich. Betreff: „Ein Jahrhundertfehler.“ Nicht eben hilfreich, aber sie kennt ihn ja. Destruktiv ist sein zweiter Name. Immerhin zeichnet er Leitplanken, an die Bea Jost sich hält: Ganz sachlich bei der Verwaltung nachfragen, wie eigentlich die Lage sei. Die Vertragsklausel „die Mieterin verzichtet darauf, die Schlichtungsbehörde beizuziehen“ ignorieren. Wenn nötig alles beiziehen! Verwirrlich – aber gleichzeitig beruhigend –, dass die angekündigte Mietzinssenkung im Februar des Folgejahres in Kraft treten soll. Also in fünf Monaten. Etwas geht da zeitlich nicht auf. Bea hofft, dass das Rätsel sich in ihrem Sinn lösen wird.
Es dauert, wie immer, bis Antwort von der Verwaltung kommt. „Wir wissen noch nichts Genaues. Aber Sie können bleiben. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“ Aha. Merci. Interessant. Nach zwei Wochen fragt Bea nach: „Erhalte ich einen neuen Vertrag?“ Wieder mit Verzögerung: „In den nächsten Wochen werden Sie einen neuen Vertrag erhalten.“ Tönt gut … Was er wohl beinhalten wird, der neue Vertrag? Bea weiss, sie wird ihn haargenau lesen, bevor sie ihn unterschreibt.
Soweit so blöd. Doch das vielleicht Wichtigere ist noch nicht erzählt.
Die Fragen. Bea befasst sich auch mit ihnen, in von einer Freundin einst monierter gründlicher Manier. Und kommt zu folgenden Schlüssen: Ich habe ungeschaut unterschrieben, weil ich überglücklich war, nach dem Rausschmiss am alten Ort die schöne Wohnung zu erhalten. Ich unterschrieb, weil die Liebe blind macht – das behauptet jedenfalls der Volksmund. Ja, ich liebte die Wohnung und liebe sie noch! Ich unterschrieb ungeschaut, weil ich im Umgang mit Hausverwaltungen unerfahren bin. Ich wohnte bisher in alten Häusern mit direktem Kontakt zur Vermieterin oder zum Vermieter. Die hätten schon im Titel des Vertrags den Hinweis „befristet“ angebracht und nicht erst so nebenbei auf Seite zwei unter Punkt sieben.
Diese Erkenntnisse verhüten, dass Bea zu hart mit sich ins Gericht geht. Und es wird ihr etwas bewusst: Da war Schrecken, aber da war keine Panik. Nicht wie beim letzten Mal. Als hätte sie damals alles durchlitten, was es punkto Zuhause beziehungsweise den Verlust desselben zu durchleiden gibt. Jetzt war da ein Erschrecken, aber da ist auch Trotz. Und Kraft und Stärke und Mut. „Ich lass mich nicht unterkriegen! Ich finde einen Weg und den gehe ich, so oder so oder so!“ Sie denkt an ihre Freundin Leila, die ihre Möbel einstellte, nachdem sie die Wohnungskündigung erhalten hatte und weit und breit keine neue bezahlbare Bleibe in Sicht war. Leila haust nun in einer Mansarde. Bea fragt vorsorglich nach der Adresse des preisgünstigen Möbellagers. Sie denkt an Mireille, die seit einigen Jahren auf einem Campingplatz wohnt. Sie berechnete ihre finanziellen Verhältnisse und lebt nun ziemlich sorglos auf vier Rädern. Klein und fein. Bea stattet ihr den längst überfälligen Besuch ab. Und sie fängt endlich mit Aufräumen an und kann sich plötzlich von vielen Dingen trennen, als wär’s das Einfachste der Welt.
„Dieser eine kleine Moment“, so denkt sie, „wirkte wie ein Weltuntergang. Und wurde zur Geburtsminute neuer möglicher Welten. Verwandlung. Zuvor nie Gedachtes wird zur verlockenden Perspektive. Nichts wie los!“ Mit Mut, Eigenwille und einer scheuen Freude am Abenteuer.