Morgens gab es Kipper – kleine rote Heringe mit Butter obendrauf, geschmolzen, herzhaft, ein Genuss, den eigentlich kein Kind lieben würde. Aber ich tat es. Ich liebte die Kipper. Vielleicht liebte ich sie umso mehr, weil sie von meinem Großvater zubereitet wurden, von meinem Zeidi. Und weil ich sie im Haus von Oma und Zeidi aß, in einer Küche, in der es nie an Essen mangelte, neben einer Spülküche, in der Oma Gefilte Fisch oder Kompott aus Gartenfrüchten vorbereitete.
Meine Großmutter, so wurde mir erzählt, war in London geboren – gerade so. Doch Zeidi, dessen Anzug, Hosenträger und Krawatte ihn durch und durch englisch erscheinen ließen, war es keineswegs. Er war in Armut geboren worden, in Mogilew. Was wusste ich über Mogilew? Fast nichts: Dass es in Russland lag – eigentlich in Weißrussland – weit entfernt und ein Ort war, aus dem man fliehen musste. Zeidi hatte das Land mit zehn Jahren verlassen und war in einem London angekommen, dass aus Mietskasernen und Fischmärkten bestand, aus Cockney-Geplänkel, und Pfund und Schilling als Währung. Sein Vater starb kurz nach der Ankunft, und Zeidi wurde zum Mann der Familie; fünf jüngere Geschwister waren zu versorgen, sieben Münder zu stopfen. Er fegte die Böden in einem Friseursalon; Haarbüschel – lockig, glatt, dick und dünn – sammelten sich in seiner Blechschaufel. Er schnitt mir die Haare, meine Rattenschwänze, wie er sie nannte, bis er achtzig war und ich neun, auch wenn seine Hände die Spitzen kaum noch gerade hielten.
Zeidi, das wussten wir alle, hatte seine drei jüngsten Geschwister gerettet, als seiner verwitweten Mutter nicht lange nach der Ankunft in London ein Antrag gemacht wurde. Der Mann sagte, er würde niemals eine Tochter – in diesem Fall die einzige – von ihrer Mutter trennen und sei bereit, die beiden älteren Jungen aufzunehmen. Die drei kleinen Brüder jedoch müssten zur Adoption freigegeben werden. Zeidi flehte sie an, die Familie nicht auseinanderzureißen, und bestand darauf, für sie zu sorgen – auch wenn das bedeutete, mit elf Jahren den Boden dieses Friseursalons zu fegen. Und er tat es. Er sorgte für sie fast ein halbes Leben lang.
Nach dem Fegen wurde er Schneider – Herrenanzüge, zugeschnitten, genäht und gebügelt, bis Stoff und Hand eins wurden. Seine großen, breiten Finger – so behutsam mit der Nadel – wirkten beinahe elfenhaft und brachten auch meinen Kinderfingern bei, den seinen zu folgen; ich nähte, seit ich denken konnte.
Einmal wurden diese Finger verletzt.
Zeidis andere Leidenschaft war nämlich der Garten – ein während des Krieges aus Notwendigkeit angelegtes Gemüsebeet, das sich später in einen Steingarten verwandelte, aus dem winzige Blüten hervorlugten. Es gab auch einen Rasen und mehrere Hecken, alles sorgfältig gestutzt, so wie er einst Herrenhaare geschnitten hatte. Nur dieses Mal hatte er vergessen, den Stecker des Rasenmähers rauszuziehen. Da lernte ich, dass nicht nur Kleidung zusammengenäht werden konnte, sondern auch Finger. So wie er nie seine Stimme gegen uns erhob, hatte er keinen Laut von sich gegeben. Das Blut erschreckte mich kaum, auch wenn mein Herz etwas raste. Bis zu seinem Tod habe ich Zeidi nie unbeherrscht gesehen.
Wenn ich bei Oma und Zeidi blieb, schlief ich in dem kleinen Zimmer gegenüber dem Treppenabsatz. Es hatte einst der Bubbe gehört – meiner Urgroßmutter, der Mutter meiner Oma. Ganz weißes Haar und Falten; ich kannte sie kaum. Und doch spürte ich sie: ihre Gegenwart in jeder Ecke dieser kleinen Nordwest-Londoner Welt. Sie war aus Galizien gekommen, hatte man mir erzählt; eine Kettenmigration – viele waren vor ihr gegangen, viele würden nach ihr kommen.
Jeden Morgen nahm Zeidi zwei kleine schwarze Würfel aus einer Schachtel. Sie waren an Riemen befestigt, die er erst um seinen Arm wickelte, dann um die Hand, dann um die Finger – straff und doch leicht, gestreifte Gliedmaße. Dann sang er, verbeugte sich rhythmisch vor und zurück, das Gebetbuch in der Hand, und ich fühlte mich sicher, hielt seinen Arm fest oder ließ los, wenn er die Seiten umblättern musste.
Nach dem Aufwachen durfte ich den Flur entlang hüpfen und zu meinen Großeltern ins Bett klettern. Oma bewahrte neben ihrem Bett eine Blechdose auf, gefüllt mit kleinen bunten Wundern: magischen Perlen, die ihrem Herzen halfen zu schlagen oder ihr Blut verdünnten. Mehr weiß ich nicht mehr. Ich kuschelte mich zwischen sie und Zeidi in diesem großen Bett mit seinen ordentlich eingeschlagenen Ecken, eingehüllt in eine Decke aus Liebe.
Am Freitagabend brannten Kerzen, und Oma trug ein Tuch. Es wurden Worte gesprochen und gesungen, die ich nicht verstand. Wir sangen alle zusammen. Die Männer trugen kleine runde Kopfbedeckungen, Kippot genannt, und ich fragte mich, ob sie in irgendeiner Weise mit den Kippern verwandt seien, die ich so gerne aß. Dann servierte Oma Lockschensuppe und Kneydlach, schwammige Klöße, getränkt in einer dampfenden, nudelreichen Brühe. Samstags kochte Oma nicht, aber es gab gehackte Leber, Ei in Aspik und später Rosinenbrötchen, die sie am Tag zuvor vorbereitet hatte. Die Gerüche klangen wie ein Gong – ein Zeichen dafür, dass dieser Tag etwas anders war.
Diese anderen Tage, die mit der Dämmerung des Freitags begannen und mit der Dämmerung des Samstags endeten, hießen Schabbat, und es gab besondere Regeln. Licht wurde nicht angeschaltet, der Fernseher blieb aus, Gebete begleiteten tägliche Handgriffe, Hände wurden nicht unter fließendem Wasser, sondern mit besonderen Kannen gespült. In der Synagoge – wir nannten sie Shul – durfte ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr unten bei Zeidi sitzen, bei den Männern. Die Frauen waren oben, blickten hinab, in feinen Kleidern und Hüten. Still war es selten. Weinende Babys und Gemurmel – doch alle wussten, dass sie dazugehörten.
Nach der Synagoge und dem Mittagessen spielte ich leise, manchmal allein, auf dem Teppich im Wohnzimmer, der mit unterschiedlich großen Quadraten lockte. In meinen Händen sprachen Puppen miteinander, später traten Miniaturautos gegeneinander an, ihre kleinen Räder trieben sie voran.
Einmal fand ich Buntstifte – gelb, rot, blau und noch mehr; Kritzeleien und Strichmännchen entstanden auf Papier, so weiß wie Schnee. Tief in meine Skizzen versunken, entfaltete sich eine bunte kleine Welt unter meinen Fingerspitzen.
„Weißt du, Becky“, sagte Zeidi in diesem russisch-jiddischen Akzent, der ihn nie verließ, als er sich von hinten an mich heranschlich. „Am Schabbat soll man eigentlich nicht zeichnen.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
„Wird Gott böse sein?“ Die Worte flogen einfach heraus.
„Bist du glücklich?“, fragte er, eine Hand sanft an meiner Wange.
Ich nickte, ruhig und sicher.
„Dann zeichne weiter. Gott wird dann auch glücklich sein.“
Ich lächelte und machte weiter.
Als ich zwölf war, hörte ich von den Pogromen, vor denen meine Großeltern geflohen waren. Ich erfuhr von Diaspora und Verfolgung. Ich wusste von einem zornigen Gott, von Auge um Auge. Doch es war dieser eine Moment als Kind mit meinem Großvater – seine beruhigenden Worte, sein verzeihender Blick, diese Fähigkeit, Licht statt Dunkelheit zu sehen –, der für immer das Verständnis meines Glaubens prägte.