Ottos Runde von Susanne Kowalsky

Er liebte die Donnerstagnachmittage. Punkt 15 Uhr trafen sie sich im Kaminzimmer der Seniorenresidenz. Otto, Alfred und Heini. Eigentlich hieß er Heinrich, doch sein Gesicht wirkte trotz der vielen Falten wie das eines 11-jährigen Kindes. Pausbäckig, schelmisch, als wäre er einem Bilderbuch aus den Dreißigerjahren entsprungen. Heini war mit 89 Jahren der Jüngste des wöchentlichen Treffens. Alfred, ein pensionierter Lehrer, der bis vor kurzem noch Nachhilfeunterricht gegeben hatte, nahm die Skatrunde außerordentlich ernst. Immer war er es, der die Punkte penibel aufschrieb und sich über winzige Kleinigkeiten aufregte. Doch Otto mochte ihn. Otto mochte alle, die noch übrig waren. Viele hatte er zu Grabe tragen müssen, Freunde, Verwandte, sogar einen seiner drei Söhne. Kein tragischer Unfall. Auch keine tückische Krankheit. Ottos ältester Sohn war ganz friedlich eingeschlafen.

Mit 80. «Es macht heute keinen Spaß. Ihr seid nicht bei der Sache.» Alfreds übliches Gemeckere ließ Heini normalerweise kalt. Jetzt machte es ihn nervös. Er starrte auf seine Karten. Was ist eigentlich Trumpf? Karo? Pik? Er hatte die Frage eben erst in die Runde geworfen und traute sich nicht, erneut nachzufragen. Ottos Gedanken kreisten um seinen 100. Geburtstag am übernächsten Mittwoch. Der Oberbürgermeister würde zur Gratulation erscheinen, salbungsvolle Worte von sich geben, einen viel zu großen Blumenstrauß überreichen, nicht einmal von ihm besorgt, sondern von seiner Sekretärin. Otto wünschte, er würde nicht kommen. Die Urenkel maulten wahrscheinlich bereits heute, weil ihnen der langweiligste Mittwochmorgen ihres Lebens bevorstand und weil sie einen wertvollen Urlaubstag verplempern würden. Er sah in ihre Gesichter, als stünden sie vor ihm. Sollten sie doch wegbleiben. «Was ist jetzt? Mach schon. Du bist dran. Wir warten auf dich.» Heini blieb nur, direkt ins offene Messer zu rennen: «Was ist denn Trumpf?» Entsprechend scharf fiel Alfreds Reaktion aus. «Schluss! Heute gibt das nichts mehr. Ich zähle jetzt die Punkte.» «Ist die Runde denn schon zu Ende?», wollte Otto wissen. Ohne zusammenzuzählen griff Alfred nach seinem Rollator. Er drehte sich nicht mal mehr um, als er das Kaminzimmer verließ. «Ich bin müde», meinte Heini zu Otto, der allein am Tisch zurückblieb.

Er drehte seine Runde um den kleinen See, wie jeden Tag nach dem Frühstück. Mit Rollator zwar, doch ohne Begleitperson. Den Zettel hatte er bei sich. Es war ihm schwergefallen, ihn in die Jackentasche hineinzufummeln, den Reißverschluss hochzuziehen, der dauernd damit drohte, im Stoff hängen bleiben zu wollen. Auch das Anfertigen seiner Nachricht an die Skatrunde: eine einzige Strapaze. Eine Brille nutzte kaum noch etwas. Seine Hände zitterten fast immer, nur die Intensität änderte sich. Der Druck, den er auf den Kugelschreiber hatte ausüben müssen, glich einer Extremsportaufgabe.

Otto fütterte die Enten mit der Schnitte Brot, die er heimlich beim Frühstück eingesteckt hatte. Er genoss die Sommerwärme, obwohl er schwitzte, genoss den Spaziergang, obwohl der Rücken schmerzte. Er blieb stehen, kratzte sich an der rechten Hand, dann an der linken. Ans Bein kam er nicht heran. Also setzte er sich auf seinen Rollator. Doch kaum, dass er saß, juckte es im Nacken. Seine Arme konnte er nicht mehr so weit heben, um den Hals zu erreichen. Arthrose und ein Sehnenanriss machten ihm schwer zu schaffen, doch viel schlimmer noch belastete ihn der Juckreiz selbst. Seit Jahren. Seit einigen Monaten heftiger, seit ein paar Wochen unerträglich, begleitet von entzündlichen Pickeln, gegen die weder Zinksalbe noch Kortison half. Otto beschloss, wieder Ablenkung bei den Enten zu suchen. Schon als Kind hatte er sie gern gefüttert. Da war es noch nicht verboten. Sie schnatterten, kamen näher. Otto freute sich. Einen Moment. Er schleppte seinen Körper ein Stück weiter. Bis hin zu den Bäumen. Er hoffte darauf, dass der Schatten, den sie spendeten, seinen Juckreiz lindern würde. Obwohl ihm klar war, dass das überhaupt nichts nutzte. Otto war eben ein Träumer. Aus dem er immer öfter allzu schnell erwachte.

Der Schweiß rann seinen Rücken herunter. Nicht nur wegen des heißen Sommertages. Auch weil Otto heute dicke Socken anhatte und einen Pullover anstelle eines Hemdes. Wegen der Winterschuhe hatte er mit der Pflegekraft diskutieren müssen. Doch Otto wäre nicht Otto, wenn er sich nicht durchgesetzt hätte. Natürlich auf die freundliche Art, die alle so sehr an ihm schätzten. «Wegen der Blasen, die ich in den dünnen Schuhen bekomme. In den dicken ist es bequem. Schweißfüße kann man waschen. Blasen entzünden sich.» Letztendlich hatte die Pflegekraft seine Argumente akzeptiert, denn sie wusste, dass Otto klaren Verstandes war. Trotz seiner beinahe einhundert Jahre. Daher ließ sie ihn auch gewähren, als er auf dem gefütterten Anorak bestanden hatte. Er war schließlich mündig und konnte seine eigenen Entscheidungen treffen.

Mühsam verließ er den schattigen Platz. Der Rollator bockte auf dem unbefestigten Weg, entwickelte ein Eigenleben, gehorchte dann doch wieder seinem Nutzer.

Es juckte. Im Kreuz. Im Nacken. An den Schultern. In den Waden. Auf der Glatze. An den Zähnen und im Gaumen nicht. Der Juckreiz raubte ihm jede Nacht den Schlaf. Kurz mal einnicken? Ja. Durchschlafen? Nein. Tagtäglich und nächtlich diese elende Quälerei. Ohne Ausnahme. Kein Urlaub vom Kratzen, keine Minute Ruhe, keine Sekunde Wohlfühlen. Wie lange noch? Das Leben machte ihm einfach keinen Spaß mehr. Die Pusteln übersäten mittlerweile seinen Körper. Nein, nicht nur im Gesicht. Ja auch unten rum.

Otto war an seiner Lieblingsstelle angekommen. Ein seichtes Ufer, etwas Schilf, nicht zu dicht, links und rechts von einer Einstiegsstelle, die Jugendliche an den Wochenenden nutzen, um im See schwimmen zu gehen. Verboten. Wie das Füttern der Enten. Na und? Sie genossen eben das Leben. Otto nicht mehr. Er kramte den Zettel aus seiner Tasche, prüfte die Umgebung, hoffte, er bliebe unbeobachtet. Den Zettel mit der Nachricht legte er auf den Rollator. Er ließ die Griffe los. Unsicher setzte er einen Fuß vor den anderen. Seine Füße juckten. Er missachtete das Jucken, die Füße, ging weiter, zum Wasser, ins Wasser, das Jucken, damit verbunden die Sicherheit, das Richtige zu tun, noch einen Schritt und noch einen. Es wurde immer anstrengender. Er fiel nach vorne. Ließ es geschehen, dachte an seinen ältesten Sohn, an dessen Grab, an die Trauer. Die Wintersachen zogen ihn nach unten. Langsam. Otto blieb ruhig. Sein Herz ebenso. Seine Lunge ächzte nach Luft. Er strafte sie mit Ignoranz. Dann doch Panik. Er widerstand mit allerletzter Kraft dem Überlebenskampf seines Körpers. Otto gewann. Knapp.

Heute wäre Otto 100 geworden. Sie pilgerten zum See. Ohne Oberbürgermeister, ohne frustrierte Urenkel, ohne seine Söhne. Heini und Alfred spielten keinen Skat mehr. Otto fehlte. Sie liefen auf dem unbefestigten Weg zum Ufer, setzten sich an die Stelle, an der die Polizei seinen Rollator gefunden hatte, seinen Abschiedsbrief und zum Schluss seinen kalten Körper. Sie starrten auf den See, auf einen Teil seiner geliebten Runde. Auf dem Wasser spiegelte sich das Sonnenlicht. Eine Ente schwamm ziellos umher. Ein paar Halme aus dem Schilf bewegten sich in der lauen Sommerluft. Ottos Freunde schauten auf die seichten Wellen am Uferrand. Auf dem Grund glaubten sie, einen Schatten zu sehen. Nie wieder danach empfanden sie dieselbe innere Ruhe wie an jenem Mittwoch.

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