Um 3.25 Uhr öffne ich die Haustür und trete in die Dunkelheit. Kühle Nachtluft streicht neugierig durch meine Haare, tiefe Stille liegt über dem nächtlichen Dorf. Angestrengt versuche ich, irgendwo ein Motorengeräusch zu verorten. Wenn ich verreise, wünsche ich mir ein pünktliches Taxi. Beinahe lautlos biegt es um die Ecke, hält vor meinen Füßen und entlässt einen dicken, grinsenden Fahrer aus dem geräumigen Transporter. Mit geübtem Griff entwindet er mir meinen Koffer und bedeutet mir, auf der Rückbank Platz zunehmen.
Auch wenn es draußen selbst nachts noch spätsommerlich warm ist – der Klimaautomatik gelingt eine Idee mehr Behaglichkeit und ich schmiege mich schläfrig in eine Ecke. Der Fahrer brieft das Navi und verwundert sehe ich, dass es keineswegs die Route über die Autobahn gewählt hat, sondern den Weg zum Flughafen durch die Stadt. „Natürlich können wir auch durch den Elbtunnel fahren, aber wenn da mal wieder jemand die Höhenkontrolle auslöst, können Sie Ihren Flieger vergessen. Keine Sorgen – um diese Zeit ist die Stadt leer, da sind wir sicher nicht langsamer“, versichert mir der Fahrer. So geistern wir durch die menschenleeren Straßen und je weiter ich mich von meinem Zuhause entferne, desto mulmiger wird mir. Mist. Ich hatte gehofft, diesmal würde es anders sein, diesmal würde ich mir erfolgreich klarmachen können, dass mir nirgendwo Gefahr von irgendwem oder durch irgendwas droht. Aber es ist nicht nur genauso wie immer, es ist schlimmer. Langsam wird mir heiß. Noch kann ich es einfach abbrechen. Ich könnte am Flughafen meine Familie anrufen und ihnen sagen, dass ich leider krank geworden sei, wie schade, aber genießt die schöne Sonne Süditaliens, wir sehen uns dann übernächste Woche. Mein Magen zieht sich zusammen, ich muss aufstoßen. Ich sehe aus dem Fenster, die Häuser fliegen vorbei und mein Blick wandert bedrückt auf und ab, als plötzlich vor meinem inneren Auge das Auf und Ab durch geschwungene Telegraphendrähte erzeugt wird, die ich aus einem offenen Viehwaggon heraus betrachte.
Eine tiefe Hoffnungslosigkeit erfasst mich beim Anblick der endlosen Weite riesiger Felder, es ist laut, der Waggon kracht über die Schienen, takkatatakkatatakkata, frierend halte ich meinen Tuchsack umklammert, wir sind viele, wir lagern auf unseren Pritschen, müde, aber aufgeregt, wohin würde es heute gehen, würde ich es wirklich irgendwann bis nach Hause schaffen und gibt es mein Zuhause denn noch, es ist doch alles kaputtgebombt, aber: Bis hier hatte es geklappt, der Trick mit der gegessenen Seife, um einen epileptischen Anfall vorzutäuschen, damit in die Invalidengruppe zu kommen und dann, skoro domoi, bald zu Hause zu sein, aber war das alles wirklich wahr, war es kein Traum, wie so oft, aus dem man erwachte, nur um immer noch im Lager zu sein…sechs Jahre Krieg und zehn Jahre Gefangenschaft in Sibirien haben eine Wirklichkeit des Grauens geschaffen, aus der es unmöglich scheint, wieder in die frühere Welt zurückzukehren. Der Zug wird langsamer, ohrenbetäubendes Quietschen der Bremsen, der Gestank der heißen Radlager steigt mir in die Nase – die polnische Grenze, bald ist es geschafft…dann wechselt das Bild, ich schwanke müde mit meinem Rucksack durch zerbombte Straßen, in einem Hauseingang sitzt eine Mutter und singt mit ihren beiden Kinder alte Lieder, ich muss stehenbleiben, mir laufen die Tränen, ich denke an meine Kameraden, die immer noch im Lager hungern und frieren, mit welchem Recht bin ich jetzt hier und sie nicht…dann stehe ich vor unserer alten Haustür, mit klopfendem Herzen poche ich, da öffnet mir Emmi, meine Frau, sie starrt mich fragend an, erkennt mich nicht, ich öffne meinen Mund, aber kein Wort findet heraus – da kommt sie langsam auf mich zu, legt mir sanft ihren Finger auf die Lippen, schließt kurz die Augen, tritt einen Schritt zurück und nimmt mich an der Hand mit in die Wohnung.
Sie schließt behutsam die Tür und führt mich in die Stube. Emmi nimmt mir den Mantel ab, wirft ihn über einen Stuhl, drückt mich aufs Sofa und setzt sich daneben.
Wir schauen uns an. Ihr Gesicht ist unbewegt. Ihre Augen leuchten in meine, dringen ein, sehen sich um und steigen hinab in die Tiefe. Sie suchen, sie finden, sie sammeln, dringen tiefer, durchschwimmen schwarze Höhlen voller Tränen, stoßen an Barackenwände, rollen erfrorene Gesichter zur Seite, sehen hellrote Rinnsale in den Schnee laufen, sie schauen in die Endlosigkeit grauer Tage und wimmernder Nächte, dann drehen die Augen um und gehen den langen Weg zurück, wollen alles dem Herz übergeben, aber das Herz flüstert: „Bitte nicht – Das kann ich nicht halten.“ Es weiß, dieser Anfang wird bald ein Ende haben, denn dass, was meine Augen gesehen und meine Hände getan haben, können wir nicht miteinander teilen, unsere Seelen wissen, dass sie den Rest des gemeinsamen Weges nebeneinander her gehen werden, unerreichbar für das Versprechen, dass wir einmal einander gegeben haben, nur meinen Schmerz werde ich weitergeben, an sie und an unsere Kinder und an deren Kinder, in der Hoffnung, dass irgendwann einmal eines von ihnen den Schlüssel findet, der unser aller Seelen erlöst.
Fragend sieht mich der Taxifahrer an. Er hat die Seitentür geöffnet und wartet, dass ich aussteige. Benommen klettere ich in die Neonwelt des Flughafens, nehme meinen Koffer entgegen und schiebe mich in die Eingangshalle. Ich falle in eine der Sitzecken und schließe noch einmal kurz die Augen. Ich höre eine Stimme in mir sagen: Fühl genau hin, diesen Augenblick wirst du nie vergessen. Dann hole ich tief Luft und mit dem Ausatmen verlässt mich die dunkle Wolke des Grauens, das mich mein Leben lang begleitet hat als namenlose Furcht vor der Verlorenheit, als Bedrückung und Beklemmung ohne jeden Anlass, als tiefe Traurigkeit inmitten einer liebevollen Welt, als sprachloser Ruf nach Halt, nach Hilfe, nach Frieden, der nie kam, weil er nie von außen kommen kann.
Ich taste nach meinem Telefon und wähle die Nummer meiner Frau.
Hallo, ja, es geht mir gut, gleich checke ich ein, ich freue mich auf euch, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr…