Vita Brevis von Boris Uscherenko

Es lebte einmal der Oligarch Gutkin. Besser gesagt der Ex-Oligarch und sogar Ex-Gutkin. Dem waren nämlich die nach seinem Blut dürstenden Agenten von Interpol auf den Fersen. Ihr Durst manifestierte sich unter diversen Deckmänteln und ganz unverblümt. Daher verwandelte sich Gutkin zunächst in eine elegante Plastik und nahm dann das Antlitz des chinesischen Prof. Dr. der Entomologie[1] Gou Kin an. Er legte sich die entsprechenden Dokumente zu, die man unter der Leitung seines Sicherheitschefs Smirnoff hatte anfertigen lassen. Dann ließ er sich in dem abgelegenen deutschen Örtchen Kleinfurt nieder.

Das Leben kroch schiedlich-friedlich voran. Der Professor zündete den Kaminofen an und labte sich an aufreizenden, kostspieligen Getränken. Zudem blickte er in die elfenbeinfarbenen Augen seines Elitespaniels Bruno. Er streichelte sein schokoladiges Fell, nachdem er sich vergewissert hatte, dass unter seinem Halsband keine Mikrofone angebracht waren, und besprach die Wettervorhersage und die Aktienkurse mit ihm.

Eines Tages wurde im Fernsehen mal wieder von der Festnahme eines Bankiers berichtet. Man hatte ein Netz von Agenten über ihm ausgeworfen, die sich als Sommeliers, Psychotherapeuten, Dorische Kolonnen und philippinische Ladyboy-Masseure ausgegeben hatten.

Die Führung von Interpol versprach, dass ihnen keiner der Oligarchen, die in kriminelle Geschäfte mit einem korrupten Regime verstrickt seien, durch die Lappen gehen würde.

Gou Kin drückte die Fernbedienung und schaute auf den Kalender. Heute war wie jeden Sonntag der Besuch des Gottesdienstes in der kleinen Dorfkirche geplant. Normalerweise kamen dort alle Dorfbewohner zusammen.

In der Kirche waren tatsächlich schon fünfundzwanzig der sechsundzwanzig Plätze besetzt. Als Gou Kin eintrat, machte der Bürgermeister von Kleinfurt den herbeigereisten Pastor mit der Kirchengemeinde bekannt. Nachdem er den Prof. Dr. vorgestellt hatte, übergab er das Mikrofon dem Gast.

Gou Kin machte während dem gleichmäßigen Gemurmel des Redners sein gewohntes Nickerchen. Doch nach wenigen Minuten veranlasste ihn etwas dazu, die Augen zu öffnen.

Der Mensch am Rednerpult sah ihn direkt an. Stierte ihn an. Seine Rede plätscherte wie gehabt belanglos vor sich hin. Seine Augen aber glühten wie Kohlen. Es war, als wollte er etwas fragen. Etwas besonders Wichtiges. Als der Prediger den Blick des Professors bemerkte, geriet er ins Stocken. Die Augen wendete er jedoch nicht ab. Dafür legte er auf seltsame Art die Stirn in Falten, hob die Arme gen Himmel und jaulte auf: „Weder im Abgrund noch im Himmel wirst du dich davor verstecken können …“ Gou Kin war sofort alles klar. Wie ein Fuchs wand er sich aus seinem Sitzplatz und schlüpfte durch die Saaltür.

Eine halbe Stunde später hatte er das Wäldchen in der Nähe von Kleinfurt erreicht. Er schob die „Cessna“ aus der unscheinbaren kleinen Scheune, brachte sie auf der verödeten Rollbahn auf Touren und hob ab. Währenddessen erteilte er per Telefon detaillierte Anweisungen.

Bis das Flugzeug die Flughöhe und das Meeresufer erreicht hatte, hatte man die Vermögenswerte restrukturiert, das Geld auf Offshore-Konten transferiert, das Haus verkauft und den Bungalow auf der kleinen Tropeninsel entkonserviert.

Der Flug des nun bereits ehemaligen Gou Kin war nicht von langer Dauer. Seine Pilotenlizenz hatte man nämlich ebenfalls unter der Leitung von Smirnoff angefertigt. Die „Sessna“ geriet schon bald ins Strudeln und entschwand an einen Ort, zu dem sich keinerlei Agenten Zugang verschaffen können.

In diesem Moment ebbte in der kleinen Kirche von Kleinfurt der deutsche, mit den Fingerknöcheln auf Holz erzeugte Applaus ab. Der Saal leerte sich. Der Bürgermeister beugte sich zum Ohr des Pastors hinab und beweihräucherte es. „Verzeihen Sie“, blickte der Gast unentwegt auf den Platz in der letzten Reihe, „dieser … Doktor … worauf ist der spezialisiert?“ Der Bürgermeister geriet einen Moment lang in Verlegenheit: „Er ist Doktor … irgendeiner Endo … Logik. Warum fragen Sie?“

Der Pastor seufzte. „Schade … Sehen Sie … Im Hotel herrscht eine solche Zugluft. Im Schlaf habe ich mir den Hals verkühlt. Seit dem frühen Morgen kann ich nicht den Kopf drehen.“

[1] Insektenkunde.

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