Kate war die interessanteste Frau, die Joni bis dahin kennengelernt hatte. Vegetarierin – beim ersten Treffen in ihrer Friedrichshainer Wohnung aß sie ein ganzes Glas grüne Bohnen, kalt, direkt aus dem Glas. Der Essigduft stand in der Luft. Die Altbauwohnung war groß und spartanisch eingerichtet; Kate und ihr Freund Roxy lebten praktisch mit gepackten Koffern. Sie warteten seit Jahren auf ihre Ausreise. Roxys Vater, ein hohes Tier in der DDR-Armee, blockierte diese. Während Jonis Freundschaft zu Kate wuchs, plante diese mit Roxy heimlich ihre Republikflucht. Joni und Kate nähten gemeinsam Hippiekleider und -blusen aus farbigen Bettlaken und verkauften sie in Warnemünde für viel Ostgeld an Urlauber, die die graue Einheitsware der DDR-Läden satt hatten. Die bunten Stoffe flatterten im Seewind wie Fahnen über ihrem Stand neben der Mole. Das Leben war gut, und Joni genoss es, endlich eine Freundin zu haben. Mit Kate machte alles Spaß. Joni konnte sich nicht vorstellen, sie schon bald wieder zu verlieren. Doch später, in Berlin, stiegen Kate und Roxy ins Gummiboot – Training auf der Spree für die Flucht in den Westen. Während sie mit anderen lachten und spielten, reiften im Hintergrund ihre Pläne.
Der letzte große Ostsee-Klamottendeal endete in einem Interhotel mit viel Gin Tonic. Kate und Joni hatten Unmengen an Geld verdient und gaben es großzügig wieder aus. Betrunken und übermütig sprang Joni in die spätherbstliche Ostsee – das Wasser schlug ihr wie Nadeln in die Haut. Aus dem anschließenden Kälteschock kam sie nur mit heißem Grog. Es war ihr letztes Zusammensein.
Wenige Tage später tauchte Kate bei Joni auf, übergab ihr ihre zwei Katzen, das geliebte Stones-Album „Tattoo You“ und 200 Ostmark. Sie murmelte etwas von einer Hochzeit in Thüringen – und verschwand. Für immer. Am Nachmittag danach war der Himmel schwarz, Regen kündigte sich an, als es an Jonis Tür klopfte. Sie wusste sofort, dass es zwei Stasibeamte waren, die da mit ernsten Blicken im Hausflur standen. Mit unbewegten Gesichtern überbrachten sie eine Einladung. Langsam, tonlos, wie auswendig gelernt.
„Worried About You“ drehte sich gerade auf dem Plattenteller – der Text schwappte in den Raum wie eine Vorahnung. Joni wusste, dass etwas passiert war, konnte es nur noch nicht greifen. Dann lag eine Postkarte in ihrem Briefkasten – Kates Handschrift: Wir sind in Westberlin. Joni war fassungslos. Da stand sie nun – mit zwei Katzen, Mick Jagger und in Erwartung eines Stasi-Verhörs.
Sehr viel später, nach dem Fall der Mauer, bekam Kate ihre Stasi-Akte zu Gesicht. Dort war ihre Freundschaft in kleinen Fragmenten festgehalten. Jeder Kontakt – ein Vermerk. Es las sich wie das Skript einer absurden Komödie: Die M bringt der S das Kaninchen. Mit dem Fahrrad. Die Katzen sind gerade bei der M. Die S ist nicht zu Hause, also fährt die M wieder weg.
Kaum zu glauben, wie banal diese Ausführungen waren. Und doch hatte sich eine ganze Maschinerie von Menschen damit beschäftigt. Ihr tägliches Brot: harmlose Alltäglichkeiten zu Papier bringen. „Die Banalität des Bösen“ – Joni denkt an Hannah Arendt. Denn das Komische war nicht lustig. Als sie es später las, traf es sie wie ein Schlag ins Gesicht. Eine andere Art von Vergewaltigung. Diesmal durch Unbekannte. Oder waren sie doch nicht unbekannt? Wer waren diese Menschen, die über Jahre hinweg Buch führten? Auch Jonis Verhör war in der Akte verzeichnet. Kate hatte es gelesen. War das eine Art Wiedergutmachung? Dass Kate gesehen hatte, was Joni durchmachen musste? Dass sie das alles erlebt hatte, weil Kate geflüchtet war? Weil sie eine Verbindung zu ihr hatte? Joni hatte das gern für Kate getan. Sie hatte sich der Stasi entgegengestellt, weil sie an dasselbe glaubte, wie Kate: an Freiheit.
Wenige Zeit nach dem Verhör bekam Joni plötzlich ein Telefon – etwas, worauf andere zehn Jahre warteten. Der Apparat war knallrot und es war offensichtlich, dass die Stasi dahinter steckte. Sie rief Kate in Westberlin an, machte sogar gefährliche Witze, weil sie wusste, dass jemand mithörte. Sie wollte mit Kate über alles reden. Doch Kates Freund Roxy bügelte das Gespräch mit einem Satz ab: er müsse die Lottozahlen checken, und legte einfach auf. Joni war fassungslos. Sie fühlte sich verraten. Plötzlich sah sie das Verhör in einem anderen Licht. Plötzlich war sie furchtbar wütend.
Der endlos lange Gang mit kahlen Wänden und ohne Türklinken wirkte wie aus einem Albtraum. Kein Laut, kein Zeichen von Leben. Nur die hohlen Schritte des Mannes hinter ihr, der sie zu einem Zimmer führte. Joni hatte bisher keine Vorstellung vom Inneren des Universums, das Freddie so lange bewacht hatte. Eine Tür ohne Klinke, ein Raum mit Tisch und Fenster. Sie schaute sehnsüchtig nach draußen – sie wollte einfach nur wieder zurück.
Die erste Vernehmung war sachlich, scheinheilig. Ob sie Kate und Roxy kannte. Natürlich – deswegen hatten sie sie ja eingeladen. Es folgten harmlose Alltagsfragen. Joni betrachtete den Mann: starre Augen, papierdünne Haut, schlecht rasiert – seine biedere Erscheinung wirkte erbärmlich. Lebten diese Männer tatsächlich da draußen unter ihnen? Gingen sie einkaufen, auf Elternabende, in die Sauna?
Dann wurde sie allein gelassen. Stundenlang. Ohne Wasser. Sie brauchte eine Zigarette. Sie musste aufs Klo. Vor ihr lag eine dicke Akte. Warum ließen sie die dort liegen? Wollten sie sie testen? Joni wusste, dass sie beobachtet wurde, obwohl niemand zu sehen war. Sie fühlte sich wie ein eingesperrtes Tier – gefangen in einem Vakuum, allein in diesem riesigen Gebäude, abgeschnitten von ihrem eigentlichen Leben. Nichts daran schien real, und doch saß sie mittendrin. Sie konnte kaum begreifen, dass so etwas in ihrer Welt existierte. Angst kroch langsam in ihr hoch. Würde sie hier überhaupt wieder rauskommen?
Dann kam der Zweite. Schmierig, freundlich, aufdringlich. Er bot ihr einen Deal an. Sie hatte keine Ahnung, wofür. In diesem Moment begriff sie, wie sehr ihre Freunde sie geschützt hatten, indem sie ihr nichts erzählt hatten. Denn sie wusste tatsächlich nichts – auch wenn die Stasibeamten das nicht glaubten. Erst später verstand sie: Sie hielten sie für die Nächste. Glaubten, Kate und Roxy wären mit Fluchthelfern über die Grenze gekommen und Joni würde ihnen folgen. Durch sie wollten sie an die Fluchthelfer kommen. Dabei war alles ganz anders: Kate und Roxy waren mit dem Gummiboot über die Ostsee nach Dänemark geschwommen. Unglaublich, aber wahr. Nur wusste das damals niemand – weder die Stasi noch sie.
Zum Schluss kam der Aggressive. Er brüllte sie pausenlos an, behauptete Dinge, die nicht im Entferntesten stimmten, drohte, ihr alles zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war Joni bereits innerlich abgeschaltet. Sie hörte die Worte nur noch wie durch Wasser. Ihr war nach diesen langen Stunden alles egal geworden. Sie war in irgendetwas hinabgesunken, eine Art dritte Haut hatte sich über sie gelegt und sie unangreifbar gemacht. Je lauter der Stasibeamte wurde, desto tiefer versank Joni in diesem Paralleluniversum.
Dass das Verhör irgendwann zu Ende war, traf sie wie ein Schock. Als er sie gehen ließ, wusste sie nicht mehr, wer sie war. Alles hatte sich aufgelöst. Wie sollte ihr Leben jetzt aussehen? Nach diesem Verhör? Als sie aus dem Gebäude trat, hatte der Regen aufgehört. Ihre Ohren rauschten, wie nach einem zu lauten Konzert. Alles war gedämpft, als läge dichter Nebel über ihrer Wahrnehmung. Die Stadt war noch dieselbe – aber sie war eine andere geworden.