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Ungelenk liest sie ein Ahornblatt auf, lässt sich dann schwerfällig auf die Parkbank sinken. Ihre Fingerspitzen reiben das lederne Rotbraun, Relikt des Herbstes im letzten Winterweiß am Wegrand. Tränen tropfen darauf. Tränen, deren Ströme sie längst versiegt glaubte.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie blickt ins besorgte Gesicht einer älteren Frau. „Nein danke, alles in Ordnung. Es geht schon wieder“, antwortet sie mit mechanischem Lächeln. Müdes, verbrauchtes Lächeln, fürs Umfeld in Monaten eingeübt. Die Frau geht weiter, schaut sich noch einmal um.

Nichts ist in Ordnung! Er ist tot, tot, tot! Und sie muss weiterleben. Leben? Von einer Sekunde zur anderen ist ihres zerbrochen. Ein unachtsamer Autofahrer, ohrenbetäubendes Krachen, alles verschlingende Finsternis. Er ist tot! Warum nicht auch sie? Der Wille zum Weiterleben harsch erstickt.

Monatelang hatte man sie zusammengeflickt, dann die Reha. Liebevoll umsorgten sie Ärzte, Schwestern. Freunde und Familie bedachten sie mit Trost, halfen ihr, regelten für sie die notwendigen Dinge. All das hatte sie abgestumpft über sich ergehen lassen, hatte zum Schein brav mitgespielt. „Es geht mir schon viel besser“, hatte sie ständig beteuert. Gleich einem Mantra, begleitet von dem unechten, aufgesetzten Lächeln. Geheuchelte Gefasstheit am Grab. Die ihr gereichten Hände, die tröstenden Worte nahm sie mit tränenlosem Nicken entgegen. Doch ihr Wunsch, zu ihm in die Gruft zu springen, mit ihm begraben zu werden, war magnetisch stark. Verlockend zog die ausgehobene schwarze Erde an Herz und Gliedern.

Geduld müsse sie haben, wurde ihr wieder und wieder von den Ärzten versichert. Zwar würde ihr Bein nie mehr vollkommen tauglich werden, doch wenn sie fleißig trainiere, würde es sich erheblich bessern. Als Antwort zeigte sie stets das vorgetäuschte, vermeintlich dankbare Lächeln, kaschierte so die abgrundtiefe Verzweiflung. Ihre Gedanken jedoch kreisten und kreisen beharrlich nur um das Eine: Er ist tot und ich muss ungefragt weiterleben!

Ein endlos sich wiederholender Kehrreim.

Die Trümmer ihres Lebens noch einmal zusammenfügen? Ein neues aufbauen? Für wen? Für was? Wozu? Er ist tot, tot, tot! Nur das hämmert beharrlich in ihrem Kopf, lässt sie jeden Morgen aufs Neue schaudern. Jeder Tag eine sinnlose Herausforderung.

Ein behagliches Heim hatten sie sich geschaffen. Und um ihre tiefe Liebe zueinander zu krönen, planten sie nun, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Noch waren sie jung.

Der Traum jetzt zerbrochen! Unerfüllt zerstört! Zerplatzt! Mit leeren Händen und leerem Herzen durchwandert sie rastlos Tag für Tag die leeren Räume. Sie verhöhnen sie unerträglich hartnäckig, ohne jedes Mitleid.

Sie stiert auf das Herbstblatt in ihren Händen, reibt es ruhelos ohne Unterlass. Wischt über das Tränennass.

„Als meine Oma gestorben ist, habe ich auch ganz, ganz doll geweint!“ Sie blickt in ein vertrautes Kindergesicht. Woher kennt sie es? Kleine Hände legen sich sanft auf ihre Knie.

„Im Kindergarten haben sie uns erzählt“, fährt das Kind fort, „warum du nicht mehr zum Vorlesen kommst. Das ist ja schrecklich schlimm! Wir sind alle mit dir ganz furchtbar traurig. Aber kommst du trotzdem wieder? Wir warten so, so sehr auf dich!“

Ihre Vorlesekinder! Natürlich! Mit ihnen hatte sie stets unendlich viel Spaß, so große Freude! Tief waren sie ihr ans Herz gewachsen … damals … Inzwischen sind sie ihrem Gedächtnis entglitten.

„Meine Mama ruft schon nach mir.“ Das Kind zeigt auf eine junge Frau am Ende des Parkwegs, die die Arme lachend schwingt. „Ich muss jetzt weg“, sagt das Kind.

Sie antwortet nicht.

„Kommst du wieder?“, fragt das Kind erneut. Sie zuckt apathisch mit den Schultern, bringt dann ihr hartes einstudiertes Lächeln zustande: „Vielleicht…“

„Bitte! Wir kitzeln dich dann alle auch ganz lange ganz feste. Dann musst du wieder lachen“, ruft das Kind flehentlich.

Für einen Augenblick herrscht Stille. Während das Kind sie unentwegt eindringlich anblickt, widmet sie sich mit gesenktem Kopf erneut dem Herbstblatt.

„Ja“, erwidert sie plötzlich entschlossen, „ich komme bald zu euch!“. Dieses Mal mit einem ehrlichen, weichen Lächeln. Sie weiß, dass sie ihr Wort halten muss, die Kinder nicht enttäuschen darf. Und das wird sie auch tun. Gleich wenn sie nach Hause kommt, wird sie nach neuen lustigen oder verzaubernden Kinderbüchern im Internet surfen und in den nächsten Tagen im Buchladen herumstöbern.

Sie spürt, wie ein winziges Glimmen von Mut in ihrem zersplitterten Herzen aufflammt.

Das Kind springt winkend davon: „Wir kitzeln dich dann ganz, ganz dolle! Versprochen!“, ruft es noch einmal zurück.

Da entringt sich ihrer Brust unerwartet ein kleines, scheues Lachen, fast nur ein Glucksen. Das erste seit unermesslich langer dunkler Zeit…

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Es kann natürlich sein, dass diese Geschichte anders ausgegangen ist. Dass die beiden nicht über die Gleise, dann aus der Stadt hinaus, durch Dickicht und schmutzige Straßen immer weiter südlich gelaufen sind, um dann in der Nähe von Rom gemeinsam eine Strandbar zu eröffnen. Kann sein, dass sie ihr Ende schon 1980 in den sanften Schwüngen des Schatt al-Arab, des Grenzflusses zwischen Iran und Irak, gefunden haben, hilflos und alleine. Kann sein, dass sie sich erst Jahre später gegenüberstanden, irgendwo unter glühender Sonne in irgendeiner Wüste, längst vom Hass zerfressen, und vergessen haben, was sie eigentlich wollten. Ich kann’s nicht sagen, denn ich war nicht dabeiund wirklich kennengelernt habe ich die beiden eigentlich auch nicht.

1980 war das Jahr, in dem wir zu viert das erste Mal in die Freiheit aufbrachen. 17 Jahre, Interrail-Ticket in der Tasche, Sommerferien und den Rucksack auf den Schultern. Abenteuer in überfüllten Bummelzügen ohne jeglichen Zeitdruck. Man lernte Leute im Vorübergehen kennen, tauschte sich aus, lachte zusammen. Unser Ziel war Griechenland, für uns lag das eine Ewigkeit entfernt, und die Strecke war voller Orte, die wir nicht kannten. Paris – ich habe Fotos, auf denen meine Freunde auf dem Blechdach der Notre Dame liegen, erschöpft, in der Sonne dösend. Venedig – die erste Dusche am Bahnhof nach vier Tagen und das erste Mal das Blau des Meeres. Von Venedig aus führte die Route nach Jugoslawien, vor uns lag ein Land in Unruhe. Tito war gerade gestorben, der Sozialismus zog seine eigene Barrikade, verschärfte Grenzkontrollen verursachten leichtes Kribbeln im Bauch und Unruhe vor dem, was vor uns lag. Es dämmerte längst, als der Zug Triest erreichte. Der letzte Bahnhof vor der Grenze sorgte für Unruhe, Reisende stiegen aus, beladen mit Koffern und Taschen, um am nahen Meer ihren Urlaub zu verbringen. Wir blieben in unserem Abteil, unser Ziel lag noch in weiter Ferne, also warteten wir darauf, dass es weiterging. Der Bahnhof leerte sich, die Zeit verging, dann auf einmal Rangierarbeiten auf unserem Gleis, hektisches Treiben, welches wir nicht erklären konnten. Der Zug bewegte sich und verschwand. Wir nicht. Wir blieben stehen. Unser Waggon war abgekoppelt und stand verlassen.

Es dauerte nicht lange, und es klopfte an unserer Abteiltür. Großraumwaggons gab es noch nicht, jedes Abteil bestand aus zwei Reihen mit vier sich gegenüberliegenden Sitzplätzen. Eine Schiebetür und Vorhänge zum Gang sorgten für ein wenig Abgeschiedenheit. Zwei arabisch aussehende junge Männer standen davor und fragten, ob es bei uns noch Platz für sie gebe, und ob wir wüssten, was mit diesem Zug passiert sei. Sie setzten sich zu uns und wuchteten ihre Reisetaschen auf die Gepäckablage über ihren Köpfen. Es gab keine peinliche Stille, wie man sie erlebt, wenn Fremde den Raum betreten. Wir waren neugierig, wollten wissen, wie das Leben an anderen Orten der Welt funktioniert. Die beiden waren freundlich und sympathisch, und so kamen wir bald ins Gespräch. Wir erzählten, lachten, waren stolz auf unseren Mut, die Welt zu erkunden. Dann haben wir die beiden nach ihrem Weg gefragt. Die Antwort darauf traf uns unerwartet. Tatsächlich habe ich erst viel später verstanden, wenn ‘verstehen’ ein nicht zu anmaßendes Wort dafür ist.

Sinan (Hieß er Sinan? Der Name würde gut zu ihm passen.) studierte BWL in London. Er war 23 Jahre alt, seine Familie, auf die er sehr stolz war, hatte zusammengelegt, um ihm sein Studium zu ermöglichen. Er hatte eine britische Freundin, die Ellen hieß, und die er schon jetzt vermisste. Geboren war er in Teheran und dorthin war er nun unterwegs. Ihre Reise würde weitere vier Tage dauern, und bis Athen würden wir gemeinsam unterwegs sein. An seiner Seite saß Kaya, er kam aus Paris und studierte Medizin. Er war etwas älter als Sinan, schweigsamer, und er lebte seit zwei Jahren in Frankreich. Sein Vater war Arzt in einem Krankenhaus in Bagdad, und er hatte viele Geschwister. Auf die Frage, wie lange sie schon befreundet seien, erklärten beide, sie wären erst seit Paris gemeinsam auf Reisen. Später begannen sie leise, sich in arabischer Sprache zu unterhalten. Die Nacht war warm, das Abteil stickig, der Bahnsteig öde und verlassen, und so erwarteten wir den Morgen. Das Gespräch der beiden war ernster geworden und riss schließlich ab. Ich sah zu Sinan herüber, der mir schräg gegenüber saß. Er sah sehr bedrückt aus. ‘Everything okay?’, flüsterte ich in das Halbdunkel hinein. Jetzt war es Kaya, der leise zu sprechen begann, der uns erklärte, warum die beiden unterwegs in ihre Heimat waren, und dass es nicht freiwillig geschah. Seine Stimme brach ab, mitten im Satz, er griff nach seiner Tasche und zog ein Schreiben heraus. Sinan tat es im gleich und sie reichten uns die Papiere herüber. Wir hielten zwei offizielle Dokumente in der Hand, Stempel, Unterschriften. Beide waren in arabischer Schrift verfasst. Sie zeigten uns ihre Einberufungsbefehle. Einer trug die iranische Flagge im Briefkopf, der andere kam aus dem Irak.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, eingeschlafen zu sein, ich weiß auch nicht mehr, worüber wir in den letzten Stunden dort in diesem Zugabteil gesprochen haben. Ob ich überhaupt etwas gesagt habe, ob ich in diesem Moment ahnte, was das für die beiden bedeutete. Fakt ist, am nächsten Morgen waren sie nicht mehr da. Der Waggon wurde wieder angekoppelt, ein neuer Zug setzte sich in Bewegung, ohne dass sie darin waren.

Vier Wochen später, am 4. September 1980 begann der erste persische Golfkrieg, in dessen achtjährigem Verlauf über eine halbe Million Menschen starben. Irak und Iran standen sich erbittert gegenüber. Es folgte der zweite Golfkrieg und unzählige Scharmützel mit vielen weiteren Toten, nicht nur in der arabischen Welt.

Wenn ich heute über irgendeinen Krieg nachdenke, kommt mir fast wie ein Reflex diese Begegnung in den Sinn. Sie visualisiert für mich den Anfang dessen, was jeder Auseinandersetzung vorausgeht: Die Entscheidung teilzunehmen. Oder es zu lassen. Worüber haben diese beiden gesprochen auf der Fahrt in ihr ‚Abenteuer’? Wussten sie, was kommen würde? Sie waren sich der Spannungen im Land bewusst. Hatten sie Angst? Ganz bestimmt. Freund und Feind nebeneinander. Man mag sich das nicht vorstellen. Ich nicht. Meine Hoffnung ist, dass dieses Abkoppeln des Waggons für die beiden ein Zeichen war, ein Signal, welches auf einmal ‘Halt’ geschrien hat. Sie umdenken ließ. Ich wünsche mir so sehr, dass wir vier an genau dieser Stelle in ihr Schicksal eingefügt wurden, und unsere Freundschaft eine winzige Rolle spielte, bei der Entscheidung den letzten Rest Bedenken fallen zu lassen. Dass wir ihnen die Tür aufgehalten haben, sie über die Gleise und raus aus der Stadt sind, durchs Dickicht und immer den schmutzigen Straßen entlang, bis nach Rom, wo sie heute in einer Strandbar sitzen und jeden Tag dankbar sind, damals einfach ausgestiegen zu sein.

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Es wird wieder passieren. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich weiß es ganz genau. Sie ist weg. Und wir sind allein. Er und ich. Wie jedes Mal. Er wird es wieder tun. Wie jedes Mal. Und ich kann nichts dagegen tun. Mich nicht wehren. Sonst gibt es wieder Schmerzen. Schmerzen, die ich verdient habe. Weil ich kein braves Mädchen war. Er kommt zu mir und ich möchte etwas sagen, ich möchte schreien, nach Hilfe schreien, nach meiner Mama schreien, doch ich kann nicht. Denn sie ist nicht da. Hat mich allein gelassen mit ihm. Ich möchte wegrennen, doch ich darf nicht. Er ist schneller, er holt mich ein. Und dann gibt’s wieder Schmerzen. Ich möchte flehen, dass er es nicht tut, möchte sagen, dass ich das nicht möchte, aber das bringt nichts. Denn mein Willen hat keinen Wert. Ich bin egal, ich bin nur ein Spielzeug, das er haben möchte. Ich bin nur da, um benutzt zu werden.
Und plötzlich ist er da und er ist überall. Überall Hände, Hände dort, wo ich sie nicht haben möchte, Hände, Hände, überall Hände. T-Shirt und Strumpfhose scheinen verschwunden zu sein, denn plötzlich ist es kalt und er ist überall. Ich habe Angst, ich wage kaum zu atmen, bitte hör auf, bitte, bitte hör auf, aber er tut‘s nicht. Alles in mir verkrampft, ich bin ohnmächtig. Ich kann nichts tun, nichts dagegen tun, überall sind Hände, ich nehme kaum noch wahr wo, ich spüre sie überall, als wäre er überall gleichzeitig. Er ist über mir, er will immer mehr. Immer und immer und immer mehr. Und es reicht ihm nicht, an mir dran zu sein. Es reicht ihm nicht, alles an mir anzufassen, alles an mir zu besitzen, nein, er will auch in mich hinein. In mich eindringen, um mir alles zu nehmen, was je mir gehört hat. Ich gehöre ihm. Mein Gehirn packt alles in einen Nebel, doch es reicht nicht, um all das nicht mitzubekommen. Wie er sich auszieht, wie er in mich hinein dringt. Wie er auf mir liegt, mich mit seinem ganzen Gewicht gegen den kratzigen Teppich drückt. Wie er mir befiehlt, zu tun, was er will. Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Spielzeug. Sein Spielzeug. Und ich muss tun, was er sagt. Sonst gibt es Schmerzen. Und noch Schlimmeres. Ich muss tun, was er sagt, immer und immer wieder. Dinge, die ich nicht tun will. Dinge, die ich nicht zulassen will. Aber das ist egal. Was ich will, war schon immer egal. Es tut weh, so weh, dass ich schreien will, aber das darf ich nicht. Ich möchte weinen, aber das ist auch nicht erlaubt. Keinen Mucks machen, keinen einzigen Mucks. Ganz leise sein. Und aushalten. Irgendwie. Der Nebel wird dichter, der Nebel will mich beschützen, aber er ist nicht stark genug, er ist stärker. Er wird immer stärker sein.
Und irgendwann ist es vorbei. Er lässt mich los, seine Hände verlassen meinen Körper, er ist weg. Weg. Endlich weg. Vorbei. Endlich vorbei. Er geht raus. Ich liege da und kann mich nicht rühren. Alles verkrampft, alles tut weh. Mein Herz schlägt so laut, dass ich Angst habe, dass man es durch die geschlossene Tür hört, und er reinkommt und mich schlägt. Aber er hört es nicht. Langsam kann ich mich wieder bewegen. Es ist vorbei. Aber nur für heute. Nicht für immer. Ich wünsche mir jedes Mal, dass es für immer vorbei ist. Aber das wünsche ich mir schon ganz lange. Meine Mama sagt, wenn man eine Wimper verliert, dann darf man sie wegpusten und sich was wünschen. Ich wünsche mir jedes Mal, dass das aufhört. Dass er aufhört. Aber es hört nicht auf. Ich hoffe, es funktioniert bei der nächsten Wimper.
Später holt mich Mama ab. Es ist schon spät, und ich muss ins Bett. Ich würde gerne sagen, was er macht, aber das darf ich nicht, sagt er. Weil er sonst Mama und Papa und Oma wehtut. Und mir auch. Und er sagt, dass ich das verdient habe. Weil ich ein böses Mädchen bin. Vielleicht hört es auf, wenn ich ein besseres Mädchen bin. Oder vielleicht nach der nächsten Wunschwimper.
Wie man sich denken kann, hat all das nichts geholfen. Kein Hoffen, kein Bangen, keine Wunschwimpern. Es ging weiter so. Jahrelang. Und keiner hat es gesehen. Keiner wollte es sehen. Nach einigen Jahren sind wir umgezogen, und damit hatte diese Hölle endlich ein Ende. Vorerst. Mein Gehirn blendete es komplett aus. An nichts konnte ich mich erinnern. Es war einfach zu viel, zu viel für ein kleines Kind, das all das nicht versteht. Deshalb ließ mich mein Gehirn vergessen, damit ich nicht zugrunde ging daran. Doch irgendwann hörte mein Kopf auf, sich davor zu verschließen, und ließ die Erinnerungen wieder rein. In mein Bewusstsein. Sie kommen überfallartig auf mich, wie ein riesiger Tsunami, der mich überrollt und ertränkt. Ich falle um, mein Körper zuckt und krampft, was das Zeug hält, und ich sehe all das wieder. Was er getan hat. Was er an mir getan hat. Was er in mir getan hat. Was er gezwungen hat, mich zu tun. Es ist, als würde es immer und immer wieder passieren, wobei es schon lange vorbei ist. Die Erinnerungen suchen mich heim bis heute. Er schickt mich jeden Tag durch die Hölle, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Das ist das Schlimme an einem Trauma: Es lässt dich nicht los. Es lässt dich nicht vergessen. Es sucht dich heim und erinnert dich immer wieder an diese Hölle. Diese Hölle ist ein Teil von dir und wird es immer bleiben, und damit musst du dich arrangieren – für den Rest deines Lebens. Man sagt nicht umsonst, egal was die Täter für eine Strafe bekommen – die Opfer haben lebenslänglich.
Er hat keine Strafe bekommen. Ich habe mich nicht getraut. Zu groß ist die Angst, die Angst vor ihm, vor den Erinnerungen, der Polizei, den Befragungen und davor, ob man mir überhaupt glaubt. Ich versuche vorerst, überhaupt mit mir selbst klarzukommen. Ich wollte so oft all dem ein Ende setzen, springen, den Strick schnüren, die Tabletten nehmen, um all das nicht mehr sehen zu müssen, nicht mehr fühlen zu müssen. Doch das Leben wollte mich nicht loslassen, ich überlebte jedes Mal.
Und ich gab ihm noch eine Chance. Ich habe endlich adäquate Hilfe bekommen. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die mich lieben, so wie ich bin, mit all meinen Macken und Problemen. Ich habe mir etwas aufgebaut, was langsam annähernd einem Leben gleicht. Ich muss immer noch jeden Tag kämpfen, gegen die Erinnerungen, die mich einholen, die Flashbacks, die Krampfanfälle, die unaushaltbaren Gefühle und Gedanken, und oft schleicht sich der Gedanke ein, dass es einfacher wäre, alles einfach zu beenden. Aber nein. Das will ich nicht. Ich bin dabei, die schönen Seiten des Lebens kennenzulernen. Ich möchte Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe und die mir das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Ich möchte lachen, Spaß haben und endlich das Gefühl haben, frei zu sein. Sterben wäre einfacher, ja, aber dann hätte er gewonnen, er hätte mich vernichtet. Aber das wird er nicht schaffen. Er wird nicht gewinnen. Denn ich will leben.

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Lilo sieht mich und lächelt – das ist der Moment, auf den ich mich jedes Mal freue.

„Hi Patrick.“ Sie kommt zu mir herüber. „Schön, dich zu sehen.“

„Lügnerin.“ Ich zupfe an ihren Haaren. „Neue Frisur?“

„Ja, gefällt sie dir?“ Lilo dreht sich einmal um sich selber.

„Absolut. Das Silber bringt das Blau deiner Augen perfekt zur Geltung.“

Die Lametta-Perücke knistert leise, als sie lacht und dabei den Kopf bewegt. „Weißt du, was das Beste ist?“

„Dass du sie Weihnachten an den Tannenbaum hängen kannst?“

„Quatsch“, sie sieht mich tadelnd an. „Der Besitzer vom Secondhandshop versucht, mir noch eine in Gold zu besorgen.“

„Hervorragend.“ Ich grinse und führe sie zu ihrem Stuhl. „Wenn´s einer tragen kann, dann du.“

„Ganz mein Reden.“ Sie streift ihre Schuhe ab und setzt sich. „Wenn schon Schicksal, dann wenigstens mit Style.“

Chic-sal, sozusagen?“ Zufrieden bemerke ich, dass sich ihr Gesicht aufhellt.

„Exakt.“ Lilo krempelt ihren Ärmel hoch. „In Gold dann sogar Chic-sal de luxe.“

Ich lache und ziehe mir den kleinen Hocker heran. „Sänger hoffen auf die Goldene Platte, du auf die Goldene Matte.“

„Ha, ha“, äfft sie, aber ihre Augen leuchten.

„Ok.“ Ich streiche über ihren Arm. „Kann es losgehen?“

Lilo schluckt, nickt aber.

 

Jetzt kommt der Moment, den ich jedes Mal hasse: Ich ziehe Handschuhe an, desinfiziere die Haut über ihrer Vene und lege den Zugang. Wie immer lässt Lilo das Prozedere wortlos über sich ergehen, aber ich spüre, dass es ihr heute schwerfällt: Sie hat die Augen geschlossen und beißt auf ihrer Unterlippe herum.

„Hey?“ Ich ziehe die Handschuhe aus und zupfe wieder an einem der Lamettafäden. „Was geht dir durch den Kopf?“

„Nichts.“

„Komm schon, Lilo: Raus damit.“

Sie öffnet die Augen und fragt leise: „Meinst du, du könntest heute noch mal den Steward spielen? So wie beim ersten Mal, als ich hier war?“

„Für dich? Immer.“ Ich räuspere mich und sage in bester Flugbegleiter-Manier: „Herzlich Willkommen an Board der Screw-Cancer-Airlines. Da bei einer ambulanten Chemotherapie jederzeit Turbulenzen auftreten können, bleiben Sie bitte so lange auf Ihrem Stuhl sitzen, bis die Infusion vollständig durchgelaufen ist. Die Spuckschale befindet sich zu Ihrer Linken“, ich mache eine entsprechende Handbewegung, „Tee und Bonbons zu Ihrer Rechten. Ich bin jederzeit Ihr Ansprech-, bei Bedarf auch gerne Ihr Anbrechpartner.“

„Danke, Patrick.“ Sie lächelt, aber in ihren Augen schillern jetzt Tränen.

„Was ist los, Lilo?“ Ich greife nach ihrer Hand.

„Meine Freunde tragen sowas zu Karneval oder Uni-Partys.“ Sie reißt die Perücke herunter und streicht über ihren kahlen Kopf. „Dieses Chic-sal ist ätzend. Es ist ungemütlich und kratzt.“

„Ich weiß.“ Mein Herz bricht für diese liebenswerte, junge Frau. „Aber ich weiß noch etwas, Lilo: Kratzen ist immer noch besser als abkratzen. Meinst du nicht auch?“

„Doch.“ Sie seufzt, lächelt dann entschlossen und setzt die Perücke wieder auf.

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Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.

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Es ist kalt. Es ist grausam. Es ist scheinheilig. Es lässt mich Dinge sagen, die ich nicht sagen will, Dinge tun, die ich nicht tun will. Der Name: Anorexia Nervosa. Das Opfer: ich.

Sechsundsechzig Kilogramm – okay, aber mehr sollten es nicht sein, überlegte sie im November. Sie gefiel sich wie sie war, aber es war ja allgemein bekannt, dass man über die Weihnachtsfeiertage zunahm. Also beschloss sie, ein paar Kilo müssten runter. Viermal die Woche ein kleines Workout, keine Süßigkeiten mehr zwischen den Mahlzeiten, und nicht mehr als zwei Portionen beim Abendessen. So würde es klappen, hoffte sie.

Es ist kalt.

Zweiundsechzig Kilogramm – es funktionierte tatsächlich, sie nahm vier Kilo ab und genau dieses Gewicht über Weihnachten auch wieder zu. Noch an Silvester fasste sie den Beschluss, es noch einmal zu probieren – aber diesmal das niedrigere Gewicht zu halten. Denn etwas in ihr sagte ihr, sie sei nur schön, wenn sie wieder abnehme und diesmal die Kontrolle behielt.

Es ist grausam.

Vierundfünfzig Kilogramm – ihr Ziel war inzwischen die Fünfzig. Jedes Kilo, das sie verlor, machte sie stolz und glücklich, sie arbeitete hart dafür: Nicht mehr als 900 Kalorien am Tag, mindestens zwei Stunden Sport. Keine Ruhetage. Doch mit jedem Kilo, das sie verlor, hasste sie sich mehr. Immer mehr Fett fiel ihr auf, sie konnte kaum noch in den Spiegel sehen. Wie ein hässliches Schwein kam sie sich vor. Weniger Essen, mehr Bewegung, nahm sie sich vor, um endlich schön zu sein.

Es ist scheinheilig.

Fünfzig Kilo – ihr Ziel hatte sie damit erreicht, zufrieden war sie noch lange nicht. Ihre Eltern bemerkten, dass sie ein Problem hatte, immer öfter wurde sie auf ihren Gewichtsverlust angesprochen. Sie nahm sich vor, nur noch zwei Kilo abzunehmen, weil sie von einer Frau gelesen hatte, die bei diesem Gewicht in eine Klinik für Essstörungen gekommen sei. Dann müsste sie ja dünn sein. Aber auch das reichte ihr nicht. Noch ein Kilo, dann höre ich auf. Es reichte nicht. Noch ein Kilo, dann erlaube ich mir zu essen. Aber sie erlaubte es sich nie.

Es lässt mich Dinge sagen, die ich nicht sagen will.

Sechsundvierzig Kilo – danke, ich bin satt. Ich habe keinen Hunger. Ich esse zu Hause. Ich habe in der Schule gegessen. Mir schmeckt kein Ei. Ich vertrage keine Milch. Ich bin Vegetarierin. Für mich nur einen Salat. Sie log viel, aber eine Lüge überragte alles: Mir geht es gut.

Dinge tun, die ich nicht tun will.

Sechsundvierzig Kilo – ihre Mutter machte ihr jeden Morgen ein Schulfrühstück, das routinemäßig seinen Weg in den Mülleimer fand. Sie nahm Essen aus der Küche und deponierte es unter ihrem Bett, damit es den Anschein hatte, sie würde etwas zu sich nehmen. Morgen esse ich, nahm sie sich jeden Abend vor, aber mehr als 400 Kalorien am Tag schaffte sie nie. Vor dem Wiegen trank sie, ihre Therapeutin und Eltern belog sie. Ihren Freund quälte sie mit ihrem Verhalten, aber sie konnte es nicht lassen. Sie war süchtig.

Der Name: Anorexia Nervosa.

Fünfundvierzig Kilo – das erste Mal sah sie die Diagnose auf Papier gedruckt und das erste Mal nahm sie wahr, dass sie krank war. Magersucht, sie kannte den Ausdruck. Aber sie, magersüchtig? Dafür müsste sie doch dünner sein. Sie wollte es nicht glauben. Jeder wollte sie überreden, in eine Klinik zu gehen. Sie sei krank. Sie sei tödlich krank. Aber sie wollte es nicht glauben.

Das Opfer: ich.

Vierundvierzig Kilo – sie war schwach. Die Krankheit hatte eine lebende Leiche aus ihr gemacht. Jeden Tag schleppte sie sich müde in die Schule, schaute zu, wie ihre Freundinnen lachten und ihre Pausenbrote aßen, ging wieder nach Hause. Sie lächelte jeden an, ihr Gesicht war verzerrt und grau. Ihre Haare dünn und strohig, ihre Gedanken verschwommen, ihre Augen müde, ihr Lebenswille am Ende. Sie hatte Angst einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, aber essen konnte sie trotzdem nicht. Sie wollte erst dünn sein.

Der Mut: in mir.

Dreiundvierzig Kilo – 100g weniger und sie würde zwangseingewiesen werden. Ihre Mutter kaufte ihr Flüssignahrung, 800 Kalorien am Tag sollte sie trinken. Aus Angst vor der Zunahme stellte sie das Essen daraufhin ganz ein. Aber irgendwoher – und sie verstand nie, was es war und wie es passierte – kam ein Funke Wille zurück zu ihr. Sie begann, drei kleine Mahlzeiten am Tag zu essen. Nahm sich vor, jeden Tag auf 1200 Kalorien zu kommen. Dann 1500, dann 1800. Langsam konnte sie akzeptieren, etwas Gewicht zuzunehmen. Sie weinte tagelang, schrie und tobte, hasste sich selbst und alles, was sie tat, aber sie gab nicht auf. Etwas in ihr wollte leben.

Die Heldin: ich.

Fünfundvierzig Kilo – sie entschied sich, nicht länger das Opfer ihrer Sucht zu sein. Zu kämpfen, als ginge es um ihr Leben. Und langsam begriff sie, dass es tatsächlich ihr Leben war, das auf dem Spiel stand. Sie aß, sie nahm zu, sie ging raus, versuchte normal zu sein. Sie weinte noch immer viel, aber sie begann zu bemerken, dass es besser wurde. Und sie schwor sich selbst, nie aufzugeben.

Das Leben: es wartet.

Dreiundfünfzig Kilo – heute kämpft sie immer noch. Und mit jedem Tag wächst die Zuversicht, dass sie es irgendwann geschafft haben wird. Die Krankheit wollte ihren Tod und sie ließ die Krankheit zu ihrer Identität werden. Jetzt will sie leben. Und herausfinden, wer sie wirklich ist.

Es ist kalt. Es ist grausam. Es ist scheinheilig. Ich lasse mich nicht mehr dazu bringen, Dinge zu sagen, die ich nicht sagen will, Dinge zu tun, die ich nicht tun will. Die Krankheit: Anorexia Nervosa. Der Mut: in mir. Die Heldin: ich.

Das Leben: es wartet.

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„Hätt´st dir halt ´ne andere Mutter ausgesucht! Wir suchen uns unsere Eltern doch selber aus, hätt´st ja nich mich nehmen müssen!“ Die Frau, die mich mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, verzog ihr Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Ich war 18 und diese Aussage hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass sie glaubte, was sie von sich gab. Und ich wusste, mit ihr reden konnte man nicht.

Die ersten 18 Jahre meines Lebens waren … nun, dafür fehlen mir auch heute noch die passenden Worte. Nach meiner Geburt hatte mich meine Mutter so schwer vernachlässigt, dass ich fast gestorben wäre, doch ich wurde gerettet. „Gerettet“ – das ist ein schönes Wort, ein tröstliches. Es feiert das Überleben, das I n-Sicherheit-Sein. Es verleiht die Hoffnung, dass es besser wird, dass die schlimme Zeit vorbei ist. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, dann sage ich es lieber so: Ich überlebte.

Die zwei Jahre, die folgten, verbrachte ich bei meinen Großeltern – bis meine Großmutter starb. Mein Großvater war überfordert mit den eigenen noch jugendlichen Töchtern und dem dreijährigen Enkelkind – und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages fuhr eine fremde Frau in einer verrosteten roten Ente vor, sprach kurz mit meinem Großvater, verfrachtete mich ohne Erklärung ins Auto und startete den Wagen. Ich weiß noch, wie mein Großvater in der Tür zum einzigen Zuhause stand, das ich kannte, und sich die Hände an seiner Bäckersschürze abwischte, während er mir nachsah und in der Heckscheibe kleiner und kleiner wurde.

Aus der fremden Frau, die meine Mutter war, war in den Jahren, die ich bei meinen Großeltern leben durfte, kein neuer Mensch geworden.
Sie ließ mich meine Kindheit hindurch ganze Tage und Nächte allein. Wenn ich, wie so oft, von einem Albtraum schweißgebadet aufwachte, schrie und weinte, kam Niemand. Nein, „Niemand“ ist nicht falsch geschrieben. Diese Leere, dieser „Niemand“, wurde fast zu Jemand, jemand, der immer da war, wenn meine Mutter es nicht war. Zuerst versuchte ich diesem „Niemand“ zu entgehen, suchte bei Kuscheltieren Trost und Zuwendung und weinte so lange weiter, bis schließlich nichts mehr in mir war – keine Verzweiflung, keine Sehnsucht, keine Hoffnung. Wieder überlebte ich – und lernte, dass Stofftiere eben doch nur Dinge waren, in ihnen kein Leben, keine Wärme, keine Fähigkeit zur Bindung. Ich war allein.
Zu essen bekam ich nur, wenn meine Mutter für sich kochte. Den Rest der Zeit musste ich mich selbst versorgen – auch, wenn das bedeutete, „ihre Sachen zu klauen“, wie sie das nannte. Nachdem sie mich dessen zum ersten Mal beschuldigt hatte, nahm ich nur noch geschnittenes Brot aus der Plastikpackung und einen möglichst kleinen Löffel Gelee aus dem Marmeladenglas, weil ich hoffte, meine Mutter würde die Scheiben nicht zählen und das Glas nicht wiegen. Zur nächtlichen Einsamkeit gesellte sich die Angst, die sich mir tagsüber an die Fersen heftete.
Meine Mutter schlug mich, schrie mich an, benutzte Schimpfwörter statt meines Namens, lachte mich aus. Einmal warf sie einen Topf mit kochendem Essen von der heißen Herdplatte nach mir, ein anderes Mal zerrte sie mich in ihr Zimmer, schubste mich herum und brüllte mich nieder.

Fürs Leben habe ich von meiner Mutter wenig gelernt – fürs Überleben viel. Heute, fast 30 Jahre später, erzähle ich nur noch selten von dem Schlimmen. Ich habe aufgeräumt, habe das Bedürfnis nicht mehr. Und doch war es mir wichtig, hier und heute noch einmal zurückzuschauen in mein Gestern und Vorgestern. Denn an diesem Abend, an dem mir meine Mutter abermals sagte, ich hätte sie mir ja nicht aussuchen müssen, veränderte sich der Lauf der Welt.

Damals lebten wir in einer klitzekleinen Wohnung. Darin konnte ich den Blicken meiner Mutter nicht entgehen, egal wie sehr ich es auch versuchte. Und so wunderte es mich nicht, als ich an diesem Abend auf dem Weg in die Küche plötzlich von meiner Mutter am Arm gepackt wurde. Sie riss mich herum und schrie mich an: „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst meine Sachen in Ruhe lassen!“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, schoss eine Hand auf mein Gesicht zu. Und da passierte es: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich wütend! Diesmal wendete ich meinen Blick nicht ab, ich hielt dem ihren stand! Diesmal fiel ich nicht in mich zusammen, ich richtete mich auf! Eine Kraft, die ich nicht kannte und die doch aus den Tiefen meiner selbst zu kommen schien, schoss hinein in jede Faser, jede Zelle meines Seins. Mir war, als würden sich meine Schutzmauern, die beim Anblick meiner Mutter zu bröckeln begonnen hatten, wieder zusammensetzen, jedes Staubkorn, jedes Steinchen den Weg zurückfinden an seinen ureigensten Platz.
Plötzlich schnellte mein Arm nach oben. Ich bekam das Handgelenk meiner Mutter im Flug zu fassen. Meine Finger umklammerten es, gaben keinen Millimeter nach. Und für den Bruchteil einer Sekunde stand die Erde still.
Ich atmete tief und gleichmäßig, blinzelte nicht. Das linke Augenlid meiner Mutter zuckte, ihre Pupillen weiteten sich. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Sie zitterte.
Ich lockerte meinen Griff, gab ihr Handgelenk frei. Ihr Arm fiel leblos nach unten, baumelte an ihrer Schulter.
Ich hob meine Hand und holte aus. Meine Mutter kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite, duckte sich. Als nichts geschah, öffnete sie die Augen einen Spalt breit und sah sich um, meine Hand noch immer neben ihrem Gesicht in der Luft. Sie atmete flach.
„Wenn du mich noch einmal schlägst“, sagte ich mit klarer, fester Stimme und betonte dabei jedes Wort, als wäre es ein eigenständiger Satz. „Wenn du mich noch einmal schlägst, schlag ich zurück.“ Meine Mutter schluckte. „Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Woher diese Kraft so plötzlich kam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber eines wurde mir an diesem Abend glasklar: Meine Mutter konnte ich mir zwar nicht aussuchen, aber die Welt anhalten, das konnte ich! Und sie in neue Bahnen lenken! Und seitdem gehört mein Leben mir!

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Hübsch ist sie, groß und schlank, Modelmaße, die Beine gefühlt endlos. Der Teint ist ebenmäßig, das ganze Jahr über leicht gebräunt. Es ist ihr Erscheinungsbild, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht und doch ist es nicht ihr genormter, kommerziell umworbener Typus, der sie unvergesslich macht. Es ist diese ganz besondere, taffe Art, die charakteristische Kreativität, welche ihr eine unverblümte Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit ermöglicht. Scheinbar perfekt, unbekümmert und sorglos.

Erst kürzlich hat er seinen Dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Die ganze Dorfgemeinde lobt allgemein seine Sportlichkeit, noch so fit in dem Alter, das finden sie fantastisch! Wie er morgens um acht, direkt nach dem Frühstück, mit dem Elektrobike seine tägliche Runde an der frischen Luft dreht, mindestens fünf Kilometer legt er dabei zurück. Oftmals dehnt er die Fahrt noch in das nächstgelegene Dorf aus, um im Supermarkt Einkäufe zu erledigen. Schon seit Jahren verfolgt er den gleichen Speiseplan. Und donnerstags wird gebacken, Vollkornbrot.

Hier im Ort kennt man sich, man grüßt sich auf der Straße. Sein Haus hat vier Stockwerke und einen Wintergarten. Seit der ersten Knieoperation seiner Frau vor sechs Jahren hält diese sich fast ausschließlich im Erdgeschoss auf. Im Untergeschoss befindet sich eine selbstgezimmerte Sauna. Gerne schwitzt er hier im 15-Minuten-Takt, um anschließend im Kneipbecken des Nebenraumes unterzutauchen. Diesen Vorgang wiederholt er täglich mehrmals, die revitalisierende Wirkung erfreut ihn.

In der Schule war sie stets beliebt, die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin förderte die soziale Veranlagung. Sie hatte viele Freundinnen, manche naiv oder faul, doch fast ausschließlich immer gut gelaunt. Oberflächliche Erzählungen in den Pausen als begleitende Routine bis zum Abschluss vor ein paar Jahren. Dieses letzte Zeugnis war ein Erfolg.  Nun, mit ihren vierundzwanzig Jahren, blickt sie mit Stolz, jedoch ohne Wehmut zurück. Den gewünschten Job im auserwählten privaten Kindergarten hat sie bekommen und begeistert die Kinder mit ihrer unerschöpflichen, gut durchdachten Auswahl an Spielen.

Niemand kann ahnen, wie gebrochen sie innerlich einmal gewesen ist. Er war es, der sie gebrochen hatte. Er hatte ihr die Kindheit genommen.

Die Wochenenden, die sie stets bei den Großeltern verbringen sollte, waren dazu prädestiniert, ihren Puls zwei Tage lang vor Angst rasant ansteigen zu lassen. Niemand konnte wissen, dass die Verweigerung, den Großvater bei seiner täglichen Radtour zu begleiten, zur Bestrafung führen würde. Ein Schlag ins Gesicht, der die Wange der damals Fünfjährigen bereits zum Glühen brachte. Das vertraute Gefühl der salzigen Tränen, die in Strömen die Wangen nässten, das eigene durchdringliche Schluchzen, dass er unterband. Die zornigen Worte, die er ihr entgegenschleuderte, die Fragen, warum sie bloß seinen Lebensstil nicht teilte und das darauffolgende Auflachen, mit dem er sein verachtendes Unverständnis für sie ausdrückte.

Niemand konnte ahnen, dass er, als sie sechs Jahre alt war, das erste Mal in der Sauna ihre Beine auseinander gedrückt hatte. Sieh hin, hatte er gesagt, als er sie anfasste. Wie die Angst sie packte. Wie sie den Mund hielt, wie die Verzweiflung die Lippen zusammenschnürte und sie still leiden lies. Er sagte ihr, sie müsse ihn ebenfalls anfassen. Niemand konnte nachvollziehen, dass sie den unerträglichen Zwang verspürte, alles über sich ergehen lassen zu müssen. Weil er beliebt war, weil er ihr Großvater war, weil niemand etwas gesagt hatte. Weil ihre Eltern es befürworteten, wenn er sie mit in die Sauna nach unten nahm, weil sie nichts Unangenehmes daran zu sehen schienen. Monatlich tätigte er Überweisungen auf ihr Konto, variierend je nach Folgsamkeit. Bestrafung und Belohnung.

Es hatte vier Jahre gedauert, bis sie zusammengebrochen war. Bitte, ich will nicht hinfahren. Bitte, Mama.

So brach der Kontakt ab. Die Überweisungen endeten, das Taschengeld sei ja ohnehin hoch genug. Bei darauffolgenden Besuchen, nun höchstens zweimal im Jahr, sperrte er sich im Arbeitszimmer ein. Sie weinte, Unverständnis und Furcht vor der ganzen Welt fanden zu diesem Zeitpunkt den Platz in der Kindesseele.

Oft schreckte sie die darauffolgenden Jahre nachts hoch, die Albträume kamen und gingen.

Es gab auch bessere Phasen. Beziehungen, die tiefer gingen als oberflächliches Gerede, baute sie nur schwer auf. Die Umarmungen der Freundinnen in der Schule ertrug sie, ihren ersten Kuss ließ sie über sich ergehen. Oft zuckte sie vor Berührungen weg, Unverständnis ihrer Mitmenschen führte bei vielen zur Entfremdung.

Die Zeit und der eigene Wille halfen ihr zu lernen, damit umzugehen.

Und so steht sie mit ihren vierundzwanzig Jahren vor ihrer Gruppe im Kindergarten, als David zu einem Mädchen sagt, wenn ich dich nicht nackt sehen darf, sperr ich dich im Klo ein. Als er auf die Kleine zugeht und ihr zwischen die Beine greift. Als diese nicht weiß, was sie sagen soll, sie nur flehend ansieht.

Jedes Kind bekommt nun ein Blatt Papier. Darauf ist der Umriss eines Menschen skizziert. Grün angemalt werden die Bereiche, an denen man berührt werden möchte, rot werden die Zonen markiert, an denen man nicht angefasst werden darf. Die „Tabu-Zonen“. Die „Stopp-Zonen“. Hier darf man das Stopp auch ganz laut rufen, wo man sich doch sonst oftmals so ruhig verhalten soll. Die Kinder dürfen Bilderbücher zum Thema gemeinsam durchblättern.

Der empörte Anruf einer Mutter, warum ihr Kind mit so vielen Fragen heimkäme, unverschämt sei das.

Als ausgebildete Pädagogin weiß sie, auch damit umzugehen. Ihren Einfluss auf die nächste Generation wird sie zweifellos nutzen.

Sie ist meine Heldin, die meiner Kinder und deren Kinder. Sie ist die Heldin des kleinen Mädchens, das sich nicht traut „Stopp“ zu sagen und die des Jungens, der die Tragweite seines unüberlegten Handelns noch nicht begreifen kann.

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