Seine Mutter reichte ihm das Kuvert.
Er öffnete es.
Es war ein Trauerbillett, umrahmt mit einem schwarzen Rand. Ein Zwanzig-Euro-Schein war darin. Irritiert las er:

Du hast all mein Mitgefühl!
Dann nahm er verwundert den Zwanziger heraus. “Was soll denn das?“
„Ja, und der Hunderter? Wo ist denn der Hunderter?“, fragte sie erschrocken.
Er wedelte mit dem Schein. „Es war nur der drinnen!“
„So was! Das ist mir aber zu blöd. Ich muss die Kuverts verwechselt haben!“
Er sah sie verständnislos an.
„Nein, dass mir so etwas passiert!“, meinte sie. „Einer Bekannten, der Sophie, ist doch der Mann gestorben. Ich muss ihr dein Kuvert geschickt haben.“
„Na, dann nehm ich mal den Zwanziger. Danke Mutter.“
„Was sich die denken muss!“
„Wieso? Ein Hunderter ist doch nicht schlecht!“
„Na, was ich auf das Billett geschrieben habe.“
„Was denn?“
Sie schüttelte nur den Kopf. „Soll ich sie anrufen?“, fragte sie dann. „Die Sophie.“
„Keine Ahnung“, meinte er nur und wandte sich wieder seiner Zeitung zu.
„Die wird meinen, dass ich geschmacklos bin.“
„Höchstens senil.“
„Ja! Senil! Wenn man alt ist, ist man gleich senil heutzutage.“
„Was stand denn drauf? Sag halt.“
„Ich hab die Karte schon länger in der Schublade gehabt. Ich weiß gar nicht mehr, was drauf war. Sie war halt bunt und lustig. Ich glaub, es stand Alles Gute darauf, oder Glückwunsch. Mein Gott! Und ihr Mann ist gerade gestorben. Ist das peinlich!“
„Schon gut. Du bist vierundachtzig, Mutter.“
„Versauf das Geld aber nicht gleich! Hab ich dazu geschrieben.“
„Na, die wird schauen, wenn sie das liest. Die Sophie.“ Er lachte, sah dann von seiner Zeitung auf. „Was heißt da: Versauf das Geld aber nicht gleich?“
„Sieh dich doch an! Eine Wampe hast du! Willst du mir sagen, das kommt nicht vom Saufen?“
„Hör mal, Mutter …“
„Ich geb dir doch nicht Geld, damit du es zum Wirt trägst. Du sollst was Sinnvolles damit machen, das habe ich damit gemeint.“
„Mit dem Hunderter, den deine Freundin Sophie hat?“
„Genau! Jetzt halt nur mit dem Zwanziger von ihr. Die Sophie säuft ja nicht. Und so ein Begräbnis kostet. Das weiß ich nur allzu gut. Wie mein Franzl damals starb … das war nicht leicht. Der Zwanziger hätte ihr schon geholfen.“
Pause.
„Wampe!“, wiederholte er geistesabwesend ihre Worte und starrte in die Zeitung.
„Seit du in Pension bist, seh ich dich überhaupt nicht mehr. Du könntest mich ja wieder einmal besuchen“, meinte sie, schlürfte den letzten Rest Kaffee und stellte scheppernd die Tasse ab. „Ich geh dann wieder. Mein Zug fährt. Du kannst dich von deiner Zeitung eh nicht trennen.“
Er stand genervt auf und umarmte sie kompliziert.
„Verlauf dich nicht auf dem Weg zum Bahnhof.“
„Könntest mich ja begleiten. Deinem Bauch würde es auch nicht schaden.“
„Du hast ja Recht. Ich besuch dich. Bald. Versprochen.“
„Das ich das noch erleben darf. Nächste Woche?“

Er nickte, gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ja, nächste Woche.“

„Bist ein braver Bub.“
Dann trat sie einen Schritt zurück und besah sich ihren Sohn nochmals eingehend.
„Ich bin mir sicher, dass du dein Zipferl gar nicht mehr siehst beim Lulumachen“, sagte sie dann kopfschüttelnd.

 


 

Vita Andreas Perner

Schreiben ist Telepathie (lt. Stephen King, und er hat natürlich Recht). Ich bin gespannt, welche Gechichten von mir die Zeit überstehen!

Was gebe es über mich, als Autor, zu sagen?

Z.B. dass ich seit ziemlich genau drei Jahren wieder schreibe (nachdem ich als 17 Jähriger damit aufgehört habe). In diesem Frühjahr eine meiner Kurzgeschichten in einer Anthogie erschienen ist. Und ich mit Freude weiterhin dran bleiben werden. Und einen Verlag für einen Roman/Erzählung suche, wenn jemand also einen wüsste …