Sie sagen, ich darf das Radio nicht anmachen bei der Arbeit. Außerdem soll ich nicht so oft vor die Tür gehen und mit den Leuten schwätzen.

Ich sag Ihnen was: Ich mache diese Arbeit jetzt schon über zehn Jahre. Genauso lange hör ich Radio und geh vor die Tür, so oft es mir passt. Reden kann ich sowieso, mit wem ich will, erstens, und zweitens: so lange ich will. Das hat noch keinen vom Scheißen abgehalten! (mehr …)

Sie waren alle Kinder der Stadt. In der Milchstraßengasse schlenderte Mia mit ihrer Mutter Manuela. Die beiden lachten über etwas, das in einem der großen Schaufenster zu sehen war.
Nur eine Parallelstraße weiter – im engen, schmalen Marsgässchen – drängten sich Christian und Tim durch die Touristenmassen. Sie suchten jemanden. Und dann standen die zwei jungen Männer genau am gegenüberliegenden Ende des Modegeschäfts, über dessen Schaufensterpuppe Mia und ihre Mutter Manuela so gelacht hatten, weil die Figur eine zu kurz geratene Hose präsentierte und dazu ein bauchfreies Top. Kaum dreißig Meter trennte die vier Personen. Sie waren einander so nahe, aber dennoch ganz fremd. (mehr …)

Es ist mitten in der Nacht. Ich stehe am Fenster und schaue in die Dunkelheit, auf die Lichter und den Himmel, der schon nicht mehr ganz dunkel ist.
Ich bin im «Hotel Marzeń», einem unscheinbaren Hotel, dem man seine Vergangenheit ansieht. Die ausgeblichenen Tapeten in den Gängen, die nackten Glühbirnen, die altmodisch gemusterten dunklen Teppiche. Es ist, als habe das «Marzeń» seinen eigenen Untergang überlebt. (mehr …)

„Schwuchtel!“
Es roch nach Erbrochenem, nach Alkohol, nach abgestandener Luft. Eine Bierflasche rollte einsam über den Boden, immer wieder, von Wand zu Wand. Vor, zurück. Vor, zurück.
„Guck mich an, du Schwuchtel!“
Daniel blickte demonstrativ aus dem Fenster. Dort sah er nur die nichtssagende Dunkelheit des U-Bahn-Tunnels. (mehr …)

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Es ist Sonntag. Aus irgendeinem Grunde hast du mich angerufen und willst nun nicht hören, was ich zu erzählen habe. Du fragst mich nach meinem Tag. Er war gut und schlecht. Ich habe mich gefreut und geärgert. Ich war einsam, suchend, kontaktfreudig, wie so oft in letzter Zeit. Aber all das erzähl ich dir nicht, denn ich höre deine Hände über die Tasten am PC huschen, ein Tippen im Hintergrund, das mich nicht weiterreden lässt. Ich sehe deinen Blick Tagesnachrichten lesen und atme unsere Leere durchs Telefon ein. Ich warte darauf, dass etwas passiert. Vielleicht legt jemand einen Schalter um …

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Der Fahrradhändler hatte mir das gekapselte Planetengetriebe der Marke Atlas wie geschnitten Brot angepriesen. Es handele sich um deutsche Wertarbeit aus Kressborn an der Argen. Die Konstruktion sei so einfach wie genial. Sie bestehe aus einem axialen Sonnenrad und fünf Planetenrädern in unterschiedlichen Größen. In Kombination mit den sieben Ritzeln der Kettenschaltung käme ich auf 35 Gänge, und Gänge könne man in den Bergen nie genug haben. Das Getriebe sei außerdem vollkommen wartungsfrei. Wartungsfrei klang gut. Anfangs lief auch alles rund. (mehr …)

Sie lässt die Avocado, die laktosefreie Milch und den Rotwein, frei von tierischer Gelatine, über den Barcodescanner gleiten. Piep. 15 Euro und 85 Cent. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ein Glas Rotwein getrunken hat. Auf ihrem 30. Geburtstag, da hatte sie eine ganze Flasche getrunken und danach gefühlsduselig mit David auf dem Balkon gesessen. Sie hatte ihre Beine über seine gelegt und war einfach nur glücklich. Glücklich trotz der vielen Mücken, die in dem Licht der Glühbirne tanzten. Sie waren für einen Moment wieder 20 gewesen, und seit langer Zeit spürte sie wieder das Gefühl von Freiheit. Dann kamen die Kopfschmerzen. (mehr …)

Wenn die Tage Flügel erhalten und mich hinforttragen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Wenn die Stunden nach mir greifen und mich fremdsteuern, ohne meine Einwilligung. Wenn die Summe meiner Worte nicht mehr ausreicht, um die offenen Fragen zu beantworten. Wenn dann nichts wäre, Mauer, Grenze, Netz oder Schlinge. Wenn dann nichts wäre? (mehr …)