Ungelenk liest sie ein Ahornblatt auf, lässt sich dann schwerfällig auf die Parkbank sinken. Ihre Fingerspitzen reiben das lederne Rotbraun, Relikt des Herbstes im letzten Winterweiß am Wegrand. Tränen tropfen darauf. Tränen, deren Ströme sie längst versiegt glaubte.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie blickt ins besorgte Gesicht einer älteren Frau. „Nein danke, alles in Ordnung. Es geht schon wieder“, antwortet sie mit mechanischem Lächeln. Müdes, verbrauchtes Lächeln, fürs Umfeld in Monaten eingeübt. Die Frau geht weiter, schaut sich noch einmal um.

Nichts ist in Ordnung! Er ist tot, tot, tot! Und sie muss weiterleben. Leben? Von einer Sekunde zur anderen ist ihres zerbrochen. Ein unachtsamer Autofahrer, ohrenbetäubendes Krachen, alles verschlingende Finsternis. Er ist tot! Warum nicht auch sie? Der Wille zum Weiterleben harsch erstickt.

Monatelang hatte man sie zusammengeflickt, dann die Reha. Liebevoll umsorgten sie Ärzte, Schwestern. Freunde und Familie bedachten sie mit Trost, halfen ihr, regelten für sie die notwendigen Dinge. All das hatte sie abgestumpft über sich ergehen lassen, hatte zum Schein brav mitgespielt. „Es geht mir schon viel besser“, hatte sie ständig beteuert. Gleich einem Mantra, begleitet von dem unechten, aufgesetzten Lächeln. Geheuchelte Gefasstheit am Grab. Die ihr gereichten Hände, die tröstenden Worte nahm sie mit tränenlosem Nicken entgegen. Doch ihr Wunsch, zu ihm in die Gruft zu springen, mit ihm begraben zu werden, war magnetisch stark. Verlockend zog die ausgehobene schwarze Erde an Herz und Gliedern.

Geduld müsse sie haben, wurde ihr wieder und wieder von den Ärzten versichert. Zwar würde ihr Bein nie mehr vollkommen tauglich werden, doch wenn sie fleißig trainiere, würde es sich erheblich bessern. Als Antwort zeigte sie stets das vorgetäuschte, vermeintlich dankbare Lächeln, kaschierte so die abgrundtiefe Verzweiflung. Ihre Gedanken jedoch kreisten und kreisen beharrlich nur um das Eine: Er ist tot und ich muss ungefragt weiterleben!

Ein endlos sich wiederholender Kehrreim.

Die Trümmer ihres Lebens noch einmal zusammenfügen? Ein neues aufbauen? Für wen? Für was? Wozu? Er ist tot, tot, tot! Nur das hämmert beharrlich in ihrem Kopf, lässt sie jeden Morgen aufs Neue schaudern. Jeder Tag eine sinnlose Herausforderung.

Ein behagliches Heim hatten sie sich geschaffen. Und um ihre tiefe Liebe zueinander zu krönen, planten sie nun, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Noch waren sie jung.

Der Traum jetzt zerbrochen! Unerfüllt zerstört! Zerplatzt! Mit leeren Händen und leerem Herzen durchwandert sie rastlos Tag für Tag die leeren Räume. Sie verhöhnen sie unerträglich hartnäckig, ohne jedes Mitleid.

Sie stiert auf das Herbstblatt in ihren Händen, reibt es ruhelos ohne Unterlass. Wischt über das Tränennass.

„Als meine Oma gestorben ist, habe ich auch ganz, ganz doll geweint!“ Sie blickt in ein vertrautes Kindergesicht. Woher kennt sie es? Kleine Hände legen sich sanft auf ihre Knie.

„Im Kindergarten haben sie uns erzählt“, fährt das Kind fort, „warum du nicht mehr zum Vorlesen kommst. Das ist ja schrecklich schlimm! Wir sind alle mit dir ganz furchtbar traurig. Aber kommst du trotzdem wieder? Wir warten so, so sehr auf dich!“

Ihre Vorlesekinder! Natürlich! Mit ihnen hatte sie stets unendlich viel Spaß, so große Freude! Tief waren sie ihr ans Herz gewachsen … damals … Inzwischen sind sie ihrem Gedächtnis entglitten.

„Meine Mama ruft schon nach mir.“ Das Kind zeigt auf eine junge Frau am Ende des Parkwegs, die die Arme lachend schwingt. „Ich muss jetzt weg“, sagt das Kind.

Sie antwortet nicht.

„Kommst du wieder?“, fragt das Kind erneut. Sie zuckt apathisch mit den Schultern, bringt dann ihr hartes einstudiertes Lächeln zustande: „Vielleicht…“

„Bitte! Wir kitzeln dich dann alle auch ganz lange ganz feste. Dann musst du wieder lachen“, ruft das Kind flehentlich.

Für einen Augenblick herrscht Stille. Während das Kind sie unentwegt eindringlich anblickt, widmet sie sich mit gesenktem Kopf erneut dem Herbstblatt.

„Ja“, erwidert sie plötzlich entschlossen, „ich komme bald zu euch!“. Dieses Mal mit einem ehrlichen, weichen Lächeln. Sie weiß, dass sie ihr Wort halten muss, die Kinder nicht enttäuschen darf. Und das wird sie auch tun. Gleich wenn sie nach Hause kommt, wird sie nach neuen lustigen oder verzaubernden Kinderbüchern im Internet surfen und in den nächsten Tagen im Buchladen herumstöbern.

Sie spürt, wie ein winziges Glimmen von Mut in ihrem zersplitterten Herzen aufflammt.

Das Kind springt winkend davon: „Wir kitzeln dich dann ganz, ganz dolle! Versprochen!“, ruft es noch einmal zurück.

Da entringt sich ihrer Brust unerwartet ein kleines, scheues Lachen, fast nur ein Glucksen. Das erste seit unermesslich langer dunkler Zeit…

Es war ein ganz normaler Samstag im Mai, als dieses Wesen plötzlich Einzug nahm. Obwohl der Nachmittag bereits anbrach, war ich erst aufgewacht und hatte mich vom Bett, ohne Umwege, direkt auf das Sofa im Wohnzimmer begeben. Dort lag ich nun, fühlte durch den dünnen Pyjamastoff das kalte Leder, den Blick nach oben auf die Zimmerdecke gerichtet. Mein Puls war viel schneller als sonst, mein Körper kribbelte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, das Atmen fiel mir schwer. Die Gedanken kreisten um die Vergangenheit, um das Jetzt, um die Zukunft – und alles schien aussichtslos. Mein Leben lief perfekt, aber ich wusste nicht weiter. Hatte Angst, wollte weinen und schreien, es kam allerdings nichts. Was war geschehen? Gestern Abend war ich mit Freundinnen unterwegs gewesen. Ich hatte mich nicht gut gefühlt, war unerwartet traurig geworden und deshalb früh nach Hause gegangen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Dämon an jenem Abend sein Ziel – meinen Kopf – erreicht hatte. Ich hätte ihn kommen sehen müssen, doch war in meinem perfektionistischen Leben kein Platz für Aufmerksamkeit gewesen. Ich durfte schließlich nicht müde sein, abschalten oder entspannen. Ich war noch jung, musste Energie in meine Zukunft investieren, feiern, leben und sollte keine Gelegenheit verpassen – so konnte er sich unbemerkt anschleichen.

„Mama, du musst kommen, irgendwas stimmt nicht mit mir“, hauchte ich in mein Handy, nachdem ich mich nach Stunden aufgerafft und die Kurzwahltaste gedrückt hatte.

An diesem und dem darauffolgenden Tag konnte ich nichts mehr essen. Das lähmende Gefühl fesselte mich ans Bett. Sicher die Hormone, dachte ich, stand nicht meine Periode bevor? Nach und nach realisierte ich jedoch, dass ich das Opfer eines Dämons geworden war, den ich ab sofort immer besser kennenlernen würde – denn nun hatte er meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen.

Der Frühling verging, es wurde Sommer. Morgens kam die Sonne zum Fenster herein und ich sollte eigentlich geweckt werden – eigentlich. Der Dämon nahm mir stattdessen das Licht, außerdem den Atem und die Tränen. Wie gerne hätte ich geweint, doch ich fühlte nichts. Und das seit vielen Wochen.

„Depressionen sind heilbar!“ Mir gingen die Worte von Doktor Fröhlich durch den Kopf, den ich nun regelmäßig besuchte. Ich wusste, er konnte den Dämon nicht töten, dafür konnte er mir sagen, wie Dämonen zu zähmen waren.

Ich traf eine Freundin, hörte aber nur diesem Biest in meinem Kopf zu. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, der Dämon flüsterte: „Nachher bist du wieder allein.“

Er wusste genau, wie er mir Angst machen konnte. Alleinsein bedeutete Lähmung. Im schlimmsten Fall eine Panikattacke. Nicht einmal das Stück Schoko-Sahne-Torte, das vor mir stand, nährte meine Seele. Für mich war es wie die ganze Welt um mich herum: einfach nur dunkel. In etwa so, als würde man sich die Schoko-Sahne-Torte in schwarz-weiß vorstellen. Da verlor sie ganz schnell ihren Reiz. Ich versuchte zuzuhören, wenn mit mir geredet wurde, der Dämon redete lauter. Ich sollte ihn nicht beachten, mich stattdessen auf das Außenleben fokussieren, wie mir Doktor Fröhlich geraten hatte.

Manchmal gelang es mir. Dann konzentrierte ich mich zum Beispiel auf eine schöne Blume, analysierte die Menschen in der Bahn oder lenkte meinen Blick einfach nur auf einen Punkt in meinem Zimmer. Ich entdeckte das Schreiben für mich, tauchte ein in Fantasiewelten. Dort war ich stark, schon längst der Held, kannte keinen Dämon. Dort musste ich aber auch nicht erwachsen sein, musste nicht funktionieren, hatte keine Pflichten – und doch funktionierte ich dort mehr als in der Realität. Ich konnte beobachten, wie der Dämon sich anfing zu langweilen, wenn er keinen Zuhörer hatte. Dann verstummte er plötzlich. Manchmal akzeptierte ich, dass er in mir sein Unwesen trieb. Ich merkte, dass Annahme eine weitere effektive Methode war, die den Dämon ruhigstellte. Womöglich, weil so kein Kampf zwischen uns zustande kommen konnte.

Es kamen Tage, an denen sich die Gefühlslosigkeit in Wut umwandelte. Man sollte meinen, Wut sei ein negatives Gefühl, doch wenn ein Mix aus Trauer und Gefühllosigkeit plötzlich in Wut umschlägt, ist das ein ziemlicher Erfolg. Vielleicht war diese Wut stark genug, den Dämon zu verjagen? Mir erschien es jedenfalls effektiver, ihn anzuschreien, als mich von ihm unterdrücken zu lassen.

Ich erinnere mich genau an diesen einen Moment, als ich spazieren ging, es muss ungefähr im November gewesen sein. Kalt war es geworden, aber die Sonne strahlte. Es sollte einer dieser kraftspendenden meditativen Spaziergänge werden. Den Dämon würde ich ignorieren, meinen Blick auf die Bäume lenken, welche gerade ihre bunten Blätter verloren und auf jene, die schon komplett kahl waren und den Beginn des Winters aufzeigten. Dennoch wusste ich, es würde nicht funktionieren – ein schwarzes Tuch lag über der Welt und machte sie für mich farblos. „Trainiere, gib nicht auf“, sagte Doktor Fröhlich und deshalb hatte ich meine wenigen, übrig gebliebenen Energiereserven angezapft und war nach draußen gegangen. Aufgeben würde ich garantiert nicht. Ich lief vorbei an den Wohnhäusern, mein Weg bahnte sich in Richtung See, dorthin, wo das Dorf endete und mich ein kleiner Feldweg im Nirgendwo von dem Nachbardorf trennte. Heute war etwas anders, das merkte ich bereits nach wenigen Metern. Roch die Luft heute nicht viel frischer? Wirkte nicht alles irgendwie … lebendiger? Ich lief und lief und plötzlich passierte etwas, was ich bis heute nicht vergessen habe. Auf einmal spürte ich, wie mich die Strahlen der Sonne trafen, sie kamen gebündelt von oben, breiteten sich aus und umfingen mich mit ihrer Wärme. Ich lächelte, nicht so, wie ich es die letzten Monate gemacht hatte, um den Leuten zu zeigen, dass es mir gut ging. Das Lächeln kam von Herzen und es fühlte sich richtig an. Und zudem so, als würde es plötzlich die Welt wieder zum Leben erwecken, nachdem diese seit Monaten geruht hatte. War der Dämon besiegt?

Heute, einige Jahre später, kann ich sagen: Nein, zu dem damaligen Zeitpunkt war der Dämon nicht besiegt – er kam wenige Stunden später zurück. Allerdings hatte ich das erste Mal so richtig die Kontrolle über ihn gehabt und dadurch Hoffnung geschöpft, ihn irgendwann zähmen zu können. Das ist mir gelungen, nach etlichen Kämpfen mit diesem Ding – mal hatte er die Oberhand, mal ich. Zweitere Phasen wurden immer häufiger. Seit bestimmt vier Jahren hat er sich nicht mehr gemeldet. Vielleicht sind wir sogar zu einem eingespielten Team geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich jemals wieder provozieren wird. Und wenn ich mich täusche, weiß ich jetzt, wie ich mir mein Licht zurückhole!

„Hätt´st dir halt ´ne andere Mutter ausgesucht! Wir suchen uns unsere Eltern doch selber aus, hätt´st ja nich mich nehmen müssen!“ Die Frau, die mich mit 17 Jahren zur Welt gebracht hatte, verzog ihr Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Ich war 18 und diese Aussage hörte ich nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass sie glaubte, was sie von sich gab. Und ich wusste, mit ihr reden konnte man nicht.

Die ersten 18 Jahre meines Lebens waren … nun, dafür fehlen mir auch heute noch die passenden Worte. Nach meiner Geburt hatte mich meine Mutter so schwer vernachlässigt, dass ich fast gestorben wäre, doch ich wurde gerettet. „Gerettet“ – das ist ein schönes Wort, ein tröstliches. Es feiert das Überleben, das I n-Sicherheit-Sein. Es verleiht die Hoffnung, dass es besser wird, dass die schlimme Zeit vorbei ist. Doch wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, dann sage ich es lieber so: Ich überlebte.

Die zwei Jahre, die folgten, verbrachte ich bei meinen Großeltern – bis meine Großmutter starb. Mein Großvater war überfordert mit den eigenen noch jugendlichen Töchtern und dem dreijährigen Enkelkind – und so kam es, wie es kommen musste: Eines Tages fuhr eine fremde Frau in einer verrosteten roten Ente vor, sprach kurz mit meinem Großvater, verfrachtete mich ohne Erklärung ins Auto und startete den Wagen. Ich weiß noch, wie mein Großvater in der Tür zum einzigen Zuhause stand, das ich kannte, und sich die Hände an seiner Bäckersschürze abwischte, während er mir nachsah und in der Heckscheibe kleiner und kleiner wurde.

Aus der fremden Frau, die meine Mutter war, war in den Jahren, die ich bei meinen Großeltern leben durfte, kein neuer Mensch geworden.
Sie ließ mich meine Kindheit hindurch ganze Tage und Nächte allein. Wenn ich, wie so oft, von einem Albtraum schweißgebadet aufwachte, schrie und weinte, kam Niemand. Nein, „Niemand“ ist nicht falsch geschrieben. Diese Leere, dieser „Niemand“, wurde fast zu Jemand, jemand, der immer da war, wenn meine Mutter es nicht war. Zuerst versuchte ich diesem „Niemand“ zu entgehen, suchte bei Kuscheltieren Trost und Zuwendung und weinte so lange weiter, bis schließlich nichts mehr in mir war – keine Verzweiflung, keine Sehnsucht, keine Hoffnung. Wieder überlebte ich – und lernte, dass Stofftiere eben doch nur Dinge waren, in ihnen kein Leben, keine Wärme, keine Fähigkeit zur Bindung. Ich war allein.
Zu essen bekam ich nur, wenn meine Mutter für sich kochte. Den Rest der Zeit musste ich mich selbst versorgen – auch, wenn das bedeutete, „ihre Sachen zu klauen“, wie sie das nannte. Nachdem sie mich dessen zum ersten Mal beschuldigt hatte, nahm ich nur noch geschnittenes Brot aus der Plastikpackung und einen möglichst kleinen Löffel Gelee aus dem Marmeladenglas, weil ich hoffte, meine Mutter würde die Scheiben nicht zählen und das Glas nicht wiegen. Zur nächtlichen Einsamkeit gesellte sich die Angst, die sich mir tagsüber an die Fersen heftete.
Meine Mutter schlug mich, schrie mich an, benutzte Schimpfwörter statt meines Namens, lachte mich aus. Einmal warf sie einen Topf mit kochendem Essen von der heißen Herdplatte nach mir, ein anderes Mal zerrte sie mich in ihr Zimmer, schubste mich herum und brüllte mich nieder.

Fürs Leben habe ich von meiner Mutter wenig gelernt – fürs Überleben viel. Heute, fast 30 Jahre später, erzähle ich nur noch selten von dem Schlimmen. Ich habe aufgeräumt, habe das Bedürfnis nicht mehr. Und doch war es mir wichtig, hier und heute noch einmal zurückzuschauen in mein Gestern und Vorgestern. Denn an diesem Abend, an dem mir meine Mutter abermals sagte, ich hätte sie mir ja nicht aussuchen müssen, veränderte sich der Lauf der Welt.

Damals lebten wir in einer klitzekleinen Wohnung. Darin konnte ich den Blicken meiner Mutter nicht entgehen, egal wie sehr ich es auch versuchte. Und so wunderte es mich nicht, als ich an diesem Abend auf dem Weg in die Küche plötzlich von meiner Mutter am Arm gepackt wurde. Sie riss mich herum und schrie mich an: „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst meine Sachen in Ruhe lassen!“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, schoss eine Hand auf mein Gesicht zu. Und da passierte es: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich wütend! Diesmal wendete ich meinen Blick nicht ab, ich hielt dem ihren stand! Diesmal fiel ich nicht in mich zusammen, ich richtete mich auf! Eine Kraft, die ich nicht kannte und die doch aus den Tiefen meiner selbst zu kommen schien, schoss hinein in jede Faser, jede Zelle meines Seins. Mir war, als würden sich meine Schutzmauern, die beim Anblick meiner Mutter zu bröckeln begonnen hatten, wieder zusammensetzen, jedes Staubkorn, jedes Steinchen den Weg zurückfinden an seinen ureigensten Platz.
Plötzlich schnellte mein Arm nach oben. Ich bekam das Handgelenk meiner Mutter im Flug zu fassen. Meine Finger umklammerten es, gaben keinen Millimeter nach. Und für den Bruchteil einer Sekunde stand die Erde still.
Ich atmete tief und gleichmäßig, blinzelte nicht. Das linke Augenlid meiner Mutter zuckte, ihre Pupillen weiteten sich. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Sie zitterte.
Ich lockerte meinen Griff, gab ihr Handgelenk frei. Ihr Arm fiel leblos nach unten, baumelte an ihrer Schulter.
Ich hob meine Hand und holte aus. Meine Mutter kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite, duckte sich. Als nichts geschah, öffnete sie die Augen einen Spalt breit und sah sich um, meine Hand noch immer neben ihrem Gesicht in der Luft. Sie atmete flach.
„Wenn du mich noch einmal schlägst“, sagte ich mit klarer, fester Stimme und betonte dabei jedes Wort, als wäre es ein eigenständiger Satz. „Wenn du mich noch einmal schlägst, schlag ich zurück.“ Meine Mutter schluckte. „Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Woher diese Kraft so plötzlich kam? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber eines wurde mir an diesem Abend glasklar: Meine Mutter konnte ich mir zwar nicht aussuchen, aber die Welt anhalten, das konnte ich! Und sie in neue Bahnen lenken! Und seitdem gehört mein Leben mir!

Vor dreizehn Tagen hatte ich den Schritt gewagt, meinen Eltern ihren tatsächlichen Sohn zu präsentieren. Mich, wie ich war und in Zukunft leben wollte. Das einstudierte Bündel genormter Erwartungshaltungen hatte ich – aus Angst vor Ablehnung – schon viel zu lange getragen. Nun war es mir zu schwer geworden, und ich hatte damit begonnen, es abzulegen.

Seit diesem Tag fühlte es sich an, als gäbe es in unserem Haus nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Oder als würde sie mir nicht länger zugestanden. Meine Eltern und ich, wir saßen im selben Boot, in dieser jämmerlichen Nussschale von Familie. Ich hatte das Rudern übernommen und war dabei über Bord gegangen. Als winkender Nichtschwimmer. Jetzt war es an ihnen, das Steuer zu übernehmen, mich einzusammeln, den Kurs zu korrigieren und das Riff zu umschiffen.

Nie zuvor hatte ich mich so verletzlich gefühlt. Dabei war ich groß, stark; in meiner Klasse eilte mir ein gewisser Ruf voraus, den ich mir durch vereinzelte Schlägereien hart erarbeitet hatte.

Ich ließ meinen Bleistift sinken und blickte auf. Die Atmosphäre im Klassenzimmer hatte sich in den letzten Sekunden merklich verändert. Als sei ein kalter, schneidender Luftzug hindurch gefegt. Das blutüberströmte Vampirmädchen, das ich noch eben in mein Heft gekritzelt hatte, entließ mich aus seinem Bann.

„Echt, du bist lesbisch?“ Das war Ahmad. Ein Macho wie aus dem Lexikon. In seiner Frage schwang Ekel mit. Er schaute in Leylas Richtung, mied aber ihren Blick.

Leyla war vor Kurzem neu in unsere Klasse gekommen, ein toughes Mädchen: zerrissene Jeans, schwarzgefärbte Haare, Nasenpiercing. Ständig trug sie Pullover irgendwelcher Bands, von denen noch nie jemand gehört hatte. Sie war selbstbewusst, ein bisschen wie Super Girl. Bloß sympathischer. Und ja, sie war lesbisch. Für die Aufmerksamen hatte sie daraus von Beginn an kein Geheimnis gemacht. Der kleine regenbogenfarbene Aufkleber auf ihrer Federmappe, ihr Armband: Wie Brotkrümel hatte sie die Botschaft an alle gesendet, die zuhören wollten, ohne dass sie es hatte aussprechen müssen. Für sie gab es auch gar nichts, was unbedingt hätte ausgesprochen werden müssen. Man kommt schließlich auch nicht neu in eine Klasse und outet sich als Hetero.

Ahmad sah das anders und viele standen hinter ihm. Auch die schweigende Masse stand ihm nicht im Weg.

Er versuchte, sich an irgendeine Passage aus dem Koran zu erinnern. Christina, Leylas rechte Sitznachbarin, bediente sich an der Bibel und rückte etwas von ihr ab. Gott sollte ihr keine Komplizenschaft unterstellen können. Zwei Wochen lang hatte sie den Aufkleber vor ihrer Nase gehabt und ignoriert – wie konnte sie diesem Detail plötzlich solche Bedeutung beimessen?

Erst versuchte Leyla noch, sich der Diskussion zu stellen. Dieser Diskussion, die mit jedem weiteren Beitrag den Deckmantel der sensationslüsternen Neugierde abstreifte und zunehmend feindlich wurde. Ein richtiger Mindfuck. Für sie. Und für mich. Dann begann sie zu schluchzen, Stimmen prasselten von allen Seiten auf sie ein. Selbst die größte Stärke ist begrenzt, jeder hat sein Kryptonit.

Ich sah ihr an, dass sie am liebsten aufgestanden wäre und den Raum verlassen hätte. Doch sie blieb sitzen. Wie ich. Ich wollte ihr so gerne helfen. Doch hatte ich bisher noch nie auch nur ein einziges Wort mit ihr gewechselt. Ich war ein stiller Bewunderer, aber kein Beistand.

Sophie, Leylas linke Sitznachbarin, reichte ihr ein Taschentuch und streichelte kurz über ihren Arm.

„Scheiße, und mit der habe ich nach Sport geduscht“, warf Natascha in den Raum, so als hätte Leyla diesen tatsächlich verlassen.

Unser Lehrer stand Leyla zur Seite und übernahm wieder die Gesprächsleitung. Er war ein liberaler Typ, der sich dem täglichen Chaos unserer Klasse meistens mit stoischer Gelassenheit stellte, jedoch wichtige Grenzen aufzeigte und unsinnige überwand. Doch manchmal ist ein Lehrer eben nur Lehrer und seine Worte finden kein Gehör, wie rational oder vernünftig sie auch sein mögen.

Er wandte sich Steven zu, der durch einen weiteren, beinahe geflüsterten Kommentar in seine Schusslinie geraten war.

Ich kannte Steven seit der Grundschule und wir waren so etwas wie beste Freunde. Doch manchmal war er einfach ein riesiges Arschloch und ein noch größerer Idiot. Wie jetzt gerade: „Meinetwegen können die Homos machen, was sie wollen. Solange sie mich nicht anschwulen. Sind ja trotzdem Menschen. Ich mein, ich find das eklig, aber ich bin ja tolerant, ich schlag die nicht gleich oder so. Aber wehe, die kommen mir zu nah …“

Unser Lehrer versuchte, die Stimmung etwas zu entspannen: „Steven, du hast also Angst, dass alle Schwulen auf der Straße über dich herfallen könnten. Wie oft passiert dir das denn bei Mädchen?“

„Hä?“

„Du traust dich ja auch raus, obwohl es da draußen Mädchen geben könnte, die auf dich stehen. Hältst du dich wirklich für so attraktiv, dass du dir darüber Gedanken machen musst?“ Ein paar Lacher, aber keine Entspannung. „In Ordnung, ich versuche es mal anders. Aber bevor du antwortest, überlege dir bitte genau, was du sagst. Stell dir vor, dein bester Freund wäre schwul – Wie könnte er sich dir da anvertrauen? Und meinst du wirklich, das würde etwas daran ändern, dass ihr seit Jahren beste Freunde seid?“

„Ja, dann wäre er ein anderer Mensch und ich würde ihm die Freundschaft kündigen …“

Unser Lehrer schüttelte resigniert den Kopf und versuchte, sein Anliegen durch ein persönliches Beispiel zu verdeutlichen. In seiner Clique gab es zwei Mädchen, die ihre Beziehung selbst vor den engsten Freunden mehrere Jahre geheim gehalten hatten. Als sie den Mut fanden, fanden ihn auch drei weitere, was am Ende den halben Freundeskreis ausmachte.

Nach diesem Beispiel wiederholte unser Lehrer seine Frage. Und Steven wiederholte seine Antwort.

In mir rumorte es, meine Hände zitterten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Für diese klägliche Nussschale von Familie. Für Leyla, die Tapfere. Für alles, was vernünftig war. Und am meisten … für mich!

Ich stand auf. Und laut, ganz ohne Räuspern sagte ich: „Ich bin übrigens schwul.“

Ich wunderte mich selbst, wie groß ich war. Wie stark ich war. Ich war ein Fels in der Brandung.

Leyla lächelte. Steven errötete.

Die feindseligen Stimmen verstummten.