Er erwacht in einem Zimmer, das nicht das seine ist.

Als er die Augen aufschlägt, kommt ihm alles merkwürdig fremd vor, das Bett ist eine Spur zu weich, das Licht zu grell, die zurückgezogenen Vorhänge zu kitschig altrosa.

Er richtet sich langsam auf, mühsam quält er sich in eine aufrechte Position. Es stehen Filzpantoffeln bereit und das kratzige Material kitzelt ihn an den Fußsohlen, als er hineinschlüpft.

Er bleibt noch einen Augenblick länger sitzen und sieht sich in diesem Raum um. Es ist ein ganz normales Schlafzimmer mit einem Doppelbett, einem Einbauschrank, einem Stuhl in der Ecke. Dass ihm nichts davon bekannt vorkommt, erschreckt ihn und gleichzeitig spürt er eine innere Ruhe, als wäre er erst gestern hier gewesen. Langsam steht er auf, seine Knie knacken. Den Morgenmantel streift er im Gehen über und wundert sich über den seltsam blau gestreiften Pyjama, als er an sich hinunterblickt.

Neben der Tür hängt ein gerahmtes Bild. Alt und vergilbt sieht es aus. Irgendetwas lässt ihn stehen bleiben und er betrachtet es genauer. Es zeigt die Aufnahme einer stolzen Bauersfamilie vor einem Hof. Drei kleine Kinder, anscheinend die drei Söhne, stehen eingezwängt zwischen dem Vater und der Mutter vor der weiß getünchten Fassade und blicken ernst in die Kamera. Das Gesicht des einen Jungen kommt ihm merkwürdig vertraut vor, und beim Anblick der Landschaft, die den Hof umgibt, glaubt er, schon einmal dort gewesen zu sein.

Stirnrunzelnd öffnet er die Schlafzimmertür und seine Füße finden ihren Weg durch das Haus, ohne dass er groß darüber nachdenkt. Erschrocken bleibt er im Türrahmen stehen. Da steht eine fremde Frau in der Küche. Sie hat ihm den Rücken zugewandt, eine Schürze umgebunden und hantiert mit Geschirr und Kanne auf der Arbeitsfläche. Er räuspert sich diskret, um sie nicht zu erschrecken, und bei dem Geräusch dreht sich die Frau zu ihm um. Sie hat ein schönes Lächeln.

„Guten Morgen, du Langschläfer. Kaffee?“ Verdattert nickt er und setzt sich an den gedeckten Küchentisch. Sogar die Zeitung liegt aufgeschlagen neben seinem Platzdeckchen, die Seite zuoberst, die er immer zuerst liest.

Verwundert sieht er die Frau an. Sie dürfte ungefähr in seinem Alter sein, wobei er auch nicht mehr sicher sagen kann, wie alt Er genau ist. Woher sie nur weiß, dass ich das am liebsten lese?, fragt er sich still. Dann widmet er sich der Zeitung. Er blickt erst wieder auf, als sie ihm die dampfende Kaffeetasse vor die Nase stellt. „Ein Stück Zucker und einen Schuss Milch, wie immer?“ Er nickt nur und lächelt sie an, blickt in dieses von weichen Falten gezeichnete Gesicht. Was muss sie nur für eine Schönheit gewesen sein, denkt er. Sie lächelt ebenfalls, doch ihre Augen sind voller Traurigkeit. Er möchte sie fragen, wieso sie so traurig ist, doch im nächsten Augenblick hat er die Frage schon wieder vergessen. Er nimmt einen Schluck vom Kaffee.

„Heute Nachmittag kommt deine Tochter mit unseren Enkelkindern vorbei um dich zu besuchen. Ich hab Bienenstich gebacken, den magst du doch so gern!“, sagt die Frau sanft und legt ihm dabei die Hand auf den Arm.

Ein lautes Klingeln reißt ihn aus den Gedanken. Oder ist er eingenickt? Er könnte es nicht mehr mit Sicherheit sagen.

„Ah, das werden sie sein. Ich mach ihnen die Tür auf.“ Die Frau steht auf und bemerkt seinen verwirrten Blick. „Die Türglocke, hast du sie nicht gehört?“ fragt sie, doch er kann sich nicht erinnern.

Und dann ist er plötzlich nicht mehr allein in der Küche. Da sind noch andere Leute, eine Frau, die ihn lächelnd begrüßt, ein Mann, der ihm die Hand gibt, und zwei kleine quirlige Kinder, die begeistert auf ihn zulaufen. „Opa! Opa!“, rufen sie und umarmen ihn stürmisch. Na, wer seid ihr denn, denkt er, und ihre Ausgelassenheit bringt ihn zum Lachen.

„Nun setzt euch doch, setzt euch, der Kaffee wird kalt.“ Alle nehmen um den kleinen Küchentisch herum Platz, schenken Kaffee ein, teilen Kuchen aus. Seine Lieblingssorte, stellt er zufrieden fest und führt langsam eine Gabel zum Mund. Der Geschmack erinnert ihn an etwas. Sommer. Heimat. Er sieht sie alle nacheinander an, die Leute, die hier mit ihm an einem Tisch sitzen. Er beobachtet sie, wie sie reden, die Hand mit der Tasse an die Lippen führen und Kaffee trinken und Kuchen essen. Und wenn sie seinen Blick bemerken und ihn ansehen, lächeln sie. Doch ihr Lächeln bewegt nur ihre Lippen, ihre Augen bleiben traurig und getrübt.

Dann ist es Zeit wieder zu gehen und es herrscht Aufbruchsstimmung in der kleinen Küche. Die Kinder ziehen ihre Jacken an und auch die junge Frau nimmt Schal und Mantel von der Garderobe. Dann kommt sie noch einmal auf ihn zu, umarmt ihn fest.

Irritiert erwidert er die Umarmung, erstaunt über so viel Zuneigung. Er merkt, dass sie weint, ihre Wangen sind nass, als sie ihn loslässt und sich mit einem erzwungenen Lächeln abwendet.

Dass sie ihm etwas ins Ohr gesagt hat, hat er schon wieder vergessen.

Es wird dunkel draußen. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Er geht ins Schlafzimmer, zieht die Vorhänge zu, löscht das Licht. Er legt sich in das Bett, dessen Matratze er vor Kurzem austauschen ließ, weil sie ihm zu hart war. Und dann fällt ihm plötzlich wieder ein, was ihm heute ins Ohr geflüstert wurde: „Du fehlst mir so sehr, Papa!“

Am nächsten Morgen erwacht er in einem Zimmer, das nicht das seine ist.

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