Es war erschreckend mit anzusehen, wie Volker mit seinen schlechten Witzen versuchte, jeden am Tisch zum Lachen zu bringen. Immer wieder blickte ich zu meiner Frau Sara, um ihre Reaktion zu sehen. Ich kannte ihr gequältes Lachen zu gut. Sara hatte darauf bestanden, unsere neuen Nachbarn zu meinem dreißigsten Geburtstag einzuladen.

Wir sollten doch mal neue Leute kennenlernen, meinte sie, jetzt wo wir seit fast einem Jahr in dem Neubaugebiet wohnten. Also stimmte ich gezwungenermaßen zu, auch wenn ich nach wenigen Minuten am Tisch das Gefühl hatte, ich müsste schreiend wegrennen.

Kurz bevor das Telefon klingelte, wollte Volker wieder loslegen. Erleichtert stand ich auf und griff zum Hörer.

Ich hörte der Frau, die mich anrief, aufmerksam zu.

„Ich komme“, antwortete ich ihr, ohne lang zu überlegen.

Zurück am Tisch verabschiedete ich mich von den wenig daran interessierten Gästen, die immer noch herzhaft über Volkers nächsten Witz lachten.

„Ich muss weg“, sagte ich, gab meiner dadurch leicht verwirrten Frau einen liebevollen Kuss und verließ die Wohnung um mich mit meinem Auto auf den Weg zu machen.

Auch wenn ich mich auf die Straße konzentrieren musste, waren meine Gedanken doch weit zurückgereist, zu einer Zeit, an die ich mich noch sehr gut erinnern konnte.

Es war in der achten Klasse, zu einer Zeit in der die Pubertät ein übles Spiel mit mir spielte und den Platz neben mir an der Schulbank vereinsamen lies. Paul kam neu in die Klasse und ihm war das egal. Zielstrebig kam er damals auf mich zu, gab mir die Hand und fragte mich, ob neben mir noch frei sei. Ich nickte zustimmend. Wir verstanden uns sofort blind und ab diesem Moment wurde er für mich zu dem Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte. Auch nach der Schule trafen wir uns, so oft es nur möglich war. Die Zeit verging dabei rasend schnell – leider.

Als die Schulzeit vorbei war, folgte das Berufsleben.

Die Freizeit wurde knapper, dafür der Alkohol umso reichlicher.

Paul hatte sich recht früh eine eigene Bude zugelegt, in der wir abends zusammen abhingen.

Aus Bier wurde Wodka, der Tabak in unseren Zigaretten vermischte sich großzügig mit Marihuana.

Eine wilde Zeit begann.

Einmal übertrieb es Paul, kam mit dem Gesetz in Konflikt.

Als die Polizei anschließend vor der Tür stand, gab ich ihm als sein bester Freund ein Alibi.

Und dann kam SIE: groß, blond, Sommersprossen im Gesicht und bildhübsch: Die Tochter des neuen Arztes unseres Dorfes.

Wir beide verliebten uns sofort in Anne.

Nach ein paar eher peinlichen Versuchen, schaffte ich es schließlich doch, ihr Herz zu erobern.

Es war das Schönste, was ich damals erleben durfte. Gleichzeitig stellte es die Freundschaft zu Paul auf eine harte Probe. Noch heute schmerzt meine Nase, wenn ich daran denke, wie sie Bekanntschaft mit seiner Faust machte.

Im Vollrausch war er in die Eisdiele gekommen und brachte klar seine Meinung zum Ausdruck.

In diesem Moment war für mich eine Welt zusammengebrochen. So hatte ich ihn noch nie erlebt.

Das Thema Freundschaft war damit eigentlich für mich erledigt. Doch es kam anders.

Am nächsten Tag, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, entschuldigte er sich bei mir – ich akzeptierte.

Der Frieden hielt genau noch eine Woche, bis zu dem Moment als ich bei ihm klingelte und mich wunderte, warum Annes Fahrrad vor seiner Tür stand.

Ein Blick durch eines der Fenster, die man von der Straße gut einsehen konnte, und ich wusste, das es nun endgültig vorbei war – mit ihnen. Von da an trennten sich unsere Wege.

Das Ortsschild, an dem ich vorbeifuhr, zeigte mir an, dass ich mein Ziel gleich erreicht hatte.

Ich stieg aus meinem Wagen aus und ging zu einem Gebäude, das von einem liebevoll angelegten, kleinen Park umgeben war. Dort am Eingang des Gebäudes, über dem mit weißen Buchstaben das Wort HOSPIZ zu lesen war, empfing mich eine kleine zierliche ältere Frau.

„Haben wir beide telefoniert?“,fragte sie mich mit einer warmen, ruhigen Stimme.

„Ja. Wie geht es ihm?“, erkundigte ich mich – mir bewusst, dass die Antwort darauf nicht wirklich positiv ausfallen würde.

„Sehr schlecht, aber kommen Sie, gehen wir zu ihm.“

Mit flauem Magen folgte ich ihr einen langen, lichtdurchfluteten Flur entlang bis zu einer Tür.

„Hier liegt er“, sagte sie.

„Eines würde ich gerne noch wissen“, fragte ich sie. „Wieso ich? Was ist mit seinen Eltern?“

„Er hat viel von ihnen gesprochen, solange er noch konnte. Sie waren etwas Besonderes in seinem viel zu kurzen Leben.

Zu seinen Eltern hat er keinen Kontakt mehr.“

Ihr trauriger Blick sprach Bände.

„Er redete über vieles mit mir, auch über die Sache mit Anne. Es war sein letzter Wunsch, Sie noch einmal zu sehen. Ich bin froh, dass Sie nun da sind. Es tut ihm alles unglaublich leid.“

Ich schluckte, unterdrückte mühsam die in mir aufsteigenden Tränen. Dann öffnete ich die Tür und trat ein.

Sein Körper lag unter einer dünnen Decke, aus der nur noch sein eingefallenes Gesicht und seine dünnen Arme hervorschauten. Ich trat näher.

„Hallo Paul.“

Mit zitternder Stimme begrüßte ich meinen alten Freund. Seine Lippen öffneten sich langsam, doch seine Stimme versagte. Wir schauten uns tief in die Augen und es war so, als ob sich unsere Wege nie getrennt hatten.

„Es ist alles gut, mein alter Freund“, lächelte ich ihn an.

Es war, als ob ein Teil von mir im Sterben lag.

All das, was unsere Freundschaft auf eine harte Probe gestellt hatte, war in diesem Moment vergessen.

Ich empfand tiefe Dankbarkeit, Paul noch einmal sehen zu dürfen.Ich nahm mir einen Stuhl und setzte mich an sein Bett.

Dann nahm ich seine Hand und hielt sie, bis er friedlich für immer die Augen schloss.

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