Luise behauptete, mit Tauben sprechen zu können – per Gedankenübertragung. Ihr Bruder Philipp lachte darüber, denn wenn sie mit den Tauben sprechen konnte – warum hatte sie noch nie eine gefangen?

“Weil wir in Italien sind. Und du weißt, ich kann kein italienisch”, sagte Luise und strich über ihr Kleid. Vom Sitzen auf dem Marktplatz war es zerknittert.

“Ach, und die Tauben hier sind alle Italiener, oder was?” Philipp hatte die Arme vor der Brust verschränkt, so dass der Spiderman auf seinem T-Shirt nur noch mit einem Auge Luise anstarrte.

“Ja, bisher schon. Ich bin hier zumindest noch keiner begegnet, die deutsch spricht. Denn sonst hätte ich ja gewonnen.”

Sie führten diese Unterhaltung jeden Sommer, wenn sie mit ihren Eltern nach Italien fuhren. Doch dieses Jahr war alles anders. Dieses Jahr war Luise allein mit Mama und Papa in Italien, das erste Mal.

Sie waren zu dem Campingplatz gefahren, den sie jedes Jahr besuchten, sie wohnten in der Hütte nahe des Sees wie in den letzten Jahren, und an der Rezeption hatte Luise wie jedes Jahr einen Keks aus der Dose nehmen dürfen. Natürlich hatte die Frau an der Rezeption nach Philipp gefragt und Luise hatte lieber auf ihre rosa Lackschuhe gestarrt, als Mama und Papa anzusehen.

Philipp vertrieb seit April weder die Monster unter ihrem Bett, noch aß er Bananen direkt vor ihr. Luise hasste Bananen, allein der Geruch und diese Fäden, die an der Banane hingen, fand sie ekelhaft. Aber jetzt würde sie alle Monster und alle Bananen der Welt in Kauf nehmen, wenn nur Philipp zurückkäme.

Mama und Papa sprachen seit April kaum noch miteinander, sie stritten sich oder schwiegen sich an. Den Urlaub in Italien machten sie, weil Mama meinte, sie müssten zur Normalität zurückkehren. Was immer sie damit meinte, Luise war sich nicht sicher, ob es funktionierte.

Als Philipp noch da war, hatten Mama und Papa immer geredet, auch mal gestritten, aber sie hatten nie geschwiegen. Schon gar nicht auf der sechsstündigen Fahrt zu dem Campingplatz nach Italien.

“Morgen fahren wir nach Siena”, verkündete Mama beim Abendessen. “Es gibt eine tolle Ausstellung in dem Museum für zeitgenössische Kunst. Und hinterher essen wir ein Eis bei unserer Lieblingseisdiele. Was hältst du davon, Luise?”

Das mit der Kunst war in Ordnung für Luise und Eis mochte sie sowieso gern. Eine andere Sache interessierte sie viel mehr: “Hast du das Heft mit?”

Luise sah, wie Mama innehielt, Messer und Gabel schwebten über der Pizza. Für einen kurzen Moment dachte sie an Philipp, der hatte auch immer so ausgesehen, wenn sie ihn beim Fangen erwischt hatte.

“Luise… ich… also….” Jetzt zitterten Messer und Gabel. “Ich habe das Heft vergessen.”

Luise wusste, dass dies eine Lüge war. Denn genau wie der immer gleiche Campingplatz und die immer gleiche Hütte und der Keks an der Rezeption, so gehörte auch das Heft immer dazu. Seitdem Luise laufen konnte, führte Mama eine Liste über den sommerlichen Wettbewerb zwischen Philipp und Luise. Jeder Urlaub hatte eine eigene Seite, aufgelistet waren all die Städte, die sie besuchten und all ihre Misserfolge. Sie hatten verschiedene Taktiken und Philipp zwei Jahre Vorsprung, aber es war bisher noch keinem gelungen, eine Taube zu fangen oder auch nur zu berühren. Philipp jagte die Tauben regelrecht. Er trug sein Spiderman-T-Shirt, das er während des Urlaubs jeden Tag trug und nur wechselte, wenn Mama ihm androhte, kein Eis mehr für ihn zu kaufen. Philipp war sich sicher, dass die Kräfte von Spiderman auf ihn wirkten und er mit Super-Speed irgendwann eine Taube in die Finger bekam.

Luise versuchte es mit Telepathie. Auf jedem Marktplatz setzte sie sich auf die von der Augustsonne aufgeheizten Steine und wiederholte in ihrem Kopf: “Komm-komm-komm, kleine Taube, komm-komm-komm.”

Es machte ihr nichts aus, wenn ihr Kleid dabei knitterte oder staubig wurde, während es sie zum Weinen brachte, wenn sie Schoko-Eis auf ihr Kleid kleckerte.

Mama konnte das Heft nicht vergessen haben, denn bisher hatte sie nach jedem Besuch einer Stadt in ihrer ordentlichen Handschrift eine Null unter Philipps und Luises Namen gesetzt.

Luise öffnete den Mund, aber Papa kam ihr zuvor. “Das macht doch nichts. Wir kaufen ein anderes Heft oder einen Notizblock. Zuhause kann Mama es in das alte Heft übertragen.”

Luise nickte. Damit konnte sie leben.

Siena sah aus wie im letzten Sommer. Wie jedes Jahr jagten die Kinder grölend und schreiend den Tauben hinterher, während die Eltern in den Cafés saßen, dort ebenso lautstark wie die Kinder diskutierten, schimpften, lachten. Wie jedes Jahr setzte sich Luise auf den Marktplatz und kleine Steinchen piekten durch ihr Lieblingskleid als sie ihre übliche Position im Schneidersitz einnahm.

Sie fixierte die Tauben, die um sie herum trippelten und sie nicht ansahen, aber außer Reichweite blieben, als ob sie wussten, was Luise vorhatte.

Luise holte noch einmal tief Luft, pickte sich eine Taube heraus und starrte diese an. Aber statt “Komm-komm-komm, kleine Taube”, sagte sie, “Komm zurück, Philipp, bitte komm zurück.”

 

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