Alte Liebe rostet doch oder: Warum man Nägel mit Köpfen auf die Spitze treiben muss. Eine Betrachtung aus der Dorfschmiede

In der Schule war ich – nun sagen wir mal – begabt. Ich vertrat die Ansicht, wer übt, kann nichts, und ich brauchte nicht zu üben. Die einzig wirklich vergeigte Prüfung war im Fach Russisch. Ich gab einfach einen leeren Zettel ab. Das aber nur auf ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter, die meine arrogante Art zu lernen mit einem Segensfluch belegte. Ich sollte doch um Herrgottswillen wenigstens einmal durch eine Prüfung fallen. Herrgotts Willen geschah.

Ehrenhalber sei erwähnt, dass die halbe Schulleitung nach diesem Fauxpas zusammenkommen musste, um mir die Möglichkeit zur Nachprüfung wegen körperlichen Unwohlseins einzuräumen. Ich bestand sie mit „Sehr gut“. Wie all die anderen Fächer. Das „Gut“ in Staatsbürgerkunde war der Verehrung meines parteilosen Vaters geschuldet. Damit allerdings hatte es sich mit der Ehrerbietung seitens seines Sohnes erledigt.
Mein Vater war technischer Leiter im Rechenzentrum eines Kernforschungsinstituts. Er entstammte einer kommunistischen Arbeiterfamilie und hatte sich mit seinem Studium gegen den Willen meines Großvaters durchgesetzt, der die rote Fahne des Proletariats gern weitergereicht hätte.
Meine praktischen Fähigkeiten hingegen honorierte der technische Leiter unserer Familie mit Werkstatt- und Werkzeugverbot. Nägel mit Köpfen wären ohnehin nicht meine Sache gewesen. Zwei Hände voll linker Daumen, unfähig, einen Eimer Wasser umzukippen oder eben einen Nagel in die Wand zu schlagen. Zu viel Kopf, zu wenig Nagel. So ein von ihm oft bemühter Gedanke. Und dabei empfand ich schon damals keinen Ort schöner, spannender und verträumter als den illegalen Schrottplatz im Nachbardorf. Aus meiner Handwerkersicht gab es dort alles. Vor allem Arbeit. Vom Autowrack über alte Landmaschinen und verrostetes Kriegsgerät bis hin zu alten Nägeln. Mit Köpfen, versteht sich.
Wenn ich jedoch wieder einmal träumend vom alten Eisen gegen irgendetwas stieß, bekam ich zur Beule auf der Stirn die technisch sauber geführte Hand als obligate Ohrfeige auf den Hinterkopf. Das erhöhte bekanntlich das Denkvermögen. Nun sei dem Vater zugutegehalten, dass Werkzeug, Werkstoff und Arbeitskenntnis in der damaligen Zeit des pubertären Sozialismus erstens Mangelware und zweitens oft von erstaunlichem Nutzen waren. Alles wurde repariert, umgebaut, angepasst oder gleich selber hergestellt. Infolge dessen war sein Handwerkszeug erlesen und für uns Kinder tabu. Die in blauem Hartgummi gefassten Schraubenzieher mit braunen Bakelit-Griffen habe ich geerbt. Sein fast weggeschliffenes Allzweckmesser ebenfalls. Dieses Erbe pflege ich fast museal.
Weil ein Vater aber ein Vater ist, oblag ihm die Berufsberatung. Meine zwei Hände voll linker Daumen durften aus seiner Sicht unter keinen Umständen der praktischen Produktion zugeführt werden. Da die Sache mit dem Kopf im Doppelsinne klarer zu liegen schien, zogen wir von Elektronikkombinat zu Halbleiterproduzent und überall dahin, wo seinerzeit noch Bandgerät und Lochkarte die technische Revolution markierten. Noch Jahrzehnte entfernt von neuem Markt und digitalem Breitband.
Sie waren mir immer fremd, die Kaderleiter dieser Welt. Eine dicke Hornbrille vor dem leicht ergrauten Gesicht, das Parteiabzeichen am billigen Jackett. Wer aber in den Wäldern einer Nuklearforschungssiedlung aufgewachsen war, der bekam im Angesicht moderner Mikroelektronik sofort Asthma. Vater verzweifelte. Nägel mit Köpfen waren das nicht.
In der Straßenbahn der Linie 11 zwischen Weißem Hirsch und Mordgrundbrücke traf ich meinen Freund Mario auf dem Weg zu seiner Berufsberatung. Und dann stand ich da mitten drin. In einem Metallbaubetrieb. Es roch nach Eisen, Bohrmilch, Karbid, Schleifstaub und Männern. Endlich ein Werkzeugkeller ohne Tabus! Ich kürze die Sache ab: Sie haben mich genommen. Mario nicht. Endlich Nägel mit Köpfen.

Der Vater sah mich als Verräter und von da an im grauen Arbeitsanzug. Er verbot mir in seinem Hause diesen Proletenlook und mit dem ersten Lohnstreifen auch seinen Tisch, an dem es nach seiner Meinung so lange nach ihm zu gehen hatte, wie ich meine Füße darunter …

Ich nahm meine Füße, meinen Rucksack, Mutters Tränen und genoss Vaters Wortlosigkeit. Im Nachhinein danke ich ihm für diese Art Personalpolitik. Das Leben war uns dazwischen gekommen. Mit meinem Notendurchschnitt war man ungefragt Klassensprecher und Musterschüler geworden. Besonders Letzteres ließen mich die Meister fortan immer wieder gern spüren. Erschwerend im Leben eines sozialistischen Kollektivs kam hinzu, dass ich meine Art, Situationen zu hinterfragen, nicht abzustellen vermochte. Als Schweißmeister G. seine sicher oft genossene Eröffnungsshow am ersten Tag in der Betriebskantine abzog und uns in Aussicht stellte, dass wir nach vierzig Jahren Schweißertätigkeit die Bockwurst mit bloßer Hand aus dem Wasser nehmen könnten, tat ich es ihm gleich. Ich verbrühte mir die Finger, verbot mir aber jede Mimik. Das hier war reine Kopfsache. Des Meisters Show war im Schweißereimer und meine Lehrzeit wurde rostiger.

Die Ausbildung begann mit dem Feilen von Schraubstockbacken. Rundbogen gegen den Radius, Langloch kreuzweise, Reißnadel, Körner. Grundlagen eben. Am Ende hatte ich die besten Backen. Allerdings zwei linke. Am Thema vorbei, würde der Deutschlehrer sagen. Der Schweißlehrer nannte es Ausschuss. Zu viel Nagel. Zu wenig Kopf.
Später dann die Schweißerprüfung: basische Elektroden, steigende Kehlnaht – Jugendfreund Musterschüler: bestes optisches Nahtbild. Die Bruchprobe jedoch war eine Katastrophe. Knäckebrot nannten das die Bockwurstherausnehmer. Durchgefallen! Bei basisch wird umgepolt. Zu wenig Kopf, schoss es mir durch meinen.
Und wieder trat das sozialistische Kollektiv zusammen, um die Prüfung durchzuwinken – mittels heimlicher Nacharbeit. Musterschüler fallen nicht durch. Die Wehen der Lehre verhechelt, Bestlehrling mit Befreiung von der theoretischen Abschlussprüfung. Kopf oder Nagel …?
Dem Vater die lange Nase gedreht, verblieb ich nur kurz in der Firma. Das Montageleben genoss ich zwar, ich verdiente viel Geld, vermochte aber Lenins Weltbild vom heroischen Bestarbeiter nichts abzugewinnen. Puppenspieler, Korbflechter, Politiker, Ökobauer, Friedhofsgärtner, Straßenfeger, Holzfäller, Spielplatzbauer und Landschaftsgärtner …
Eine alte Liebe aber überdauerte die Zeiten. Und vor allem, sie rostete. Noch immer beginne ich jede Woche mit einem Gang über meinen Schrottplatz. Er gibt mir Ruhe, Material und Arbeit, er bestärkt die kreative Phantasie des Träumers, er gibt mir das schöne Gefühl der Nachhaltigkeit. Und er gestattet mir die wundervolle Begegnung mit der einzigen Schrottplatzchefin der Welt. Petra. Mit ihren Händen könnte man ganze Bockwurstkocher leeren.

Alles was ich heute verbaue, erarbeite und herstelle, kommt von diesem Schrottplatz.
Fast vierzig Jahre später und inzwischen ganz legal. Heute bin ich selbst Meister und gebe Kurse im Schmieden. Diese beginnen immer mit einem Nagel, auf die Spitze getrieben und mit einem Kopf darauf. Vier gleiche Flächen sollte er haben. So eine Art vierblättriger Mercedesstern.
Später hatte ich eine Ausstellung zum Thema „Nägel mit Köpfen“. Holzkopf, Querkopf, Hohlkopf, Zylinderkopf, na und so weiter. Eine Nagelfeile feilte an ihrem Image, und plastisch „genagelt“ wurde auch. Aus Liebe zum alten Eisen.

Vater ist tot. Aber er hat sie noch besucht, die Eröffnung meiner Werkstatt. Auch die Ausstellung. Und dabei allen Anwesenden von der Zeit erzählt, als er mit fünfzehn Jahren in die Lehre ging, damals. Feilen als Erstes. Und alte Nägel geradeklopfen. Eine Fähigkeit, die ja heute leider kaum noch einer beherrscht. Seine Sargnägel waren handgeschmiedet. So viel Zeit musste sein.
Bei mir krummem Hund hat er es auch irgendwie geschafft. Auf seine ihm eigene Art.
Nur als ich neulich morgens aus dem Bett meiner schönen, jungen Freundin stieg, da waren Vaters Worte wieder einmal im Raum: Zu viel Kopf, zu wenig Nagel …
Nur diese Liebe bitte nicht rosten lassen.

 

Vita Holger Rüdrich