Aufreizend, als hätte er eine mit Diamanten verzierte Kette in der Hand, wedelte Jürgen mit dem Autoschlüssel vor den Augen seiner Ehefrau. Gabi zog schmallippig die linke Augenbraue hoch. Gleichzeitig tippte sie mit der Fußspitze hektisch auf und ab.
„Warum hältst du mir verführerisch den Autoschlüssel vor die Nase? Oder sind das erste Anzeichen einer Parkinson-Erkrankung?“, fragte die Mittfünfzigerin mit der kurzen Bobfrisur.
Jürgen verdrehte genervt die Augen.
„Du darfst fahren.“
„Bist du krank?“
Gabi kratzte sich nachdenklich am Kopf. Jürgen und sie waren seit 28 Jahren verheiratet, und zu keinem Zeitpunkt saß die Mittfünfzigerin hinter dem Steuer, wenn sie gemeinsam unterwegs waren. Niemals würde ihr Angetrauter freiwillig seinen angestammten Platz in der Kommandozentrale des Wagens aufgeben. Bisher nahm die Frau mit dem üppigen Busen an, dass sie noch auf dem Totenbett ihrem kahlköpfigen Ehemann den Schlüssel aus der starren Hand entreißen müsste.
Gabi runzelte nachdenklich mit der Stirn.
„Ich soll heute Auto fahren? Kommst du nicht mit zu Britta und Klaus? Klaus wollte dir seine brandneueste Errungenschaft präsentieren: einen Oldtimer. Britta klagt, dass sie ihren Mann seit Monaten nur als ein paar Beine wahrnimmt, die unter einem alten Mercedes hervorschauen.“
Jürgen streichelte über seine Wohlstandskugel. Er kniff die Lippen zusammen. Dann hielt er erneut den Schlüssel in die Höhe, als würde er eine hüftschwingende brasilianische Tänzerin in der Hand halten.
„Du solltest öfter Auto fahren. Wegen der Fahrpraxis. Dann wirst du souveräner.“
Gabi verschränkte die Arme vor ihrem ausladenden Busen.
„Ich fahre selbstbewusst und kompetent. Ausgesprochen kompetent. Ich sorge für ausreichend Abstand und nutze die rechte Spur. Kennst du die rechte Spur?“
Jürgen grinste.
„Hat sich bei mir noch nicht persönlich vorgestellt.“
Gabi verdrehte ihre Augen und begab sich auf die Beifahrerseite.
„Hör auf mit dem Quatsch. Wir müssen los. Britta mag es nicht, wenn Gäste zu spät kommen, und Klaus wollte eine Spritztour mit dir unternehmen. Du darfst seinen Oldie fahren.“
Schwungvoll riss Gabi die Tür auf, warf ihre Handtasche auf die Rückbank und klopfte auffordernd auf den Fahrersitz. Jürgen biss auf seiner Unterlippe herum. Er saugte bis zum Bauchnabel die Luft ein und ließ sie langsam über die Nasenlöcher entschwinden.
Gabi drückte auf die Hupe und schrie: „Brauchst du eine Extra-Einladung? Was ist denn heute los mit dir?“
Jürgen schlurfte auf die Beifahrerseite und hielt Gabi erneut den schwingenden Autoschlüssel unter die Nase. Mit hochgezogener Augenbraue beäugte sie zuerst den Schlüssel, dann ihren Ehemann, der sie mit einem ausladenden Lächeln, das scheinbar auf seinem Gesicht eingefroren war, anstrahlte.
„Willst du mir mit deiner hektischen Handbewegung zu verstehen geben, dass ICH heute Auto fahren darf?“
Jürgen nickte.
„Du willst es dir auf dem Beifahrersitz bequem machen, während ich auf der rechten Seite fahre, mich an die Geschwindigkeit halte und meinem Vordermann nicht in den Kofferraum krabbel?“
Ein dicker Kloß saß in Jürgens Hals. Eine Antwort wollte nicht über seine Lippen kommen. Er war einzig in der Lage, seinen Kopf auf und ab zu bewegen.
Gabi kniff die Augen zusammen, stieg schwungvoll aus dem Auto, schnappte sich den Schlüssel und nahm den Fahrersitz in Beschlag. Sie rückte den Sitz in die passende Position und richtete den Innenspiegel aus. Schweigsam rutschte Jürgen auf den Beifahrersitz.
„Deine Kommentarfunktion bleibt heute ausgeschaltet. Hast du mich verstanden?“, warnte Gabi ihren Ehemann.
„Ja“, gab er kleinlaut von sich. „Ich sitze in aller Seelenruhe neben dir, lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen und wechsle bei Bedarf den Radiosender.“
Gabi musterte die Gesichtszüge ihres Mannes, konnte aber keine Kennzeichen einer Krankheit oder beginnenden Wahnsinns erkennen. Just wollte sie den Motor starten, als die Neugierde sie überfiel.
„Spucks aus. Eher fahre ich nicht los.“
„Was ist denn daran derart seltsam, wenn ich die Emanzipation unterstütze und du dir das Steuer überlasse.“
Gabi lachte höhnisch auf.
„Weil es das erste Mal in 28 Jahren ist, dass du, mein Lieber, freiwillig mir den Autoschlüssel in die Hand drückst. Was verheimlichst du vor mir?“
„Nichts.“
„Du warst schon immer ein hundsmiserabler Lügner.“
Aber schlagartig ging Gabi ein Licht auf. Der Brief vom Kraftfahrtbundesamt, adressiert an Jürgen, lag vor zwei Tagen im Briefkasten. Den hatte sie komplett vergessen, nachdem ihr Gatte etwas von „Kfz-Steuer“ gemurmelt hatte und in seinem Arbeitszimmer verschwand. Mit dem rot lackierten Fingernagel des rechten Zeigefingers traktierte sie Jürgen an der Schulter. Er wackelte mit der Nase, wobei sein Schnurrbart sich wie eine dicke Raupe zu bewegen schien. Dann kratzt er sich am Kinn und zog sein Portemonnaie aus der linken Hosentasche. Er schaute Gabi in die olivfarbenen Augen und formte seinen Mund zu einer Schnute.
„Wusstest du, dass die Werrastraße jetzt eine 30er Zone ist?“
„Als Radfahrerin wider Willen ist mir das noch nicht aufgefallen. Wieso?“, fragte Gabi. Aber in ihrem Kopf setzten sich langsam die Puzzleteile zusammen. Eine Woge der Erheiterung flutete von der Bauchmitte aus ihren Körper. Sie fing schallend an zu lachen, wobei ihr fülliger Busen auf- und abwippte. Nach Luft japsend fragte sie ihren Ehemann:
„Zum wiederholten Mal Formel-1-Rennfahrer gespielt?“
„Nur 35 km/h zu schnell“, knurrte Jürgen, der ihr zeitgleich sein geöffnetes Portemonnaie präsentierte, in dem eine unübersehbare Lücke das Fehlen des Führerscheins verdeutlichte, „vom Formel-1-Tempo war ich meilenweit entfernt.“
Gabi tätschelte Jürgen sanft den Oberschenkel, zwinkerte ihm aufmunternd zu und drehte den Zündschlüssel um. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht bugsierte sie den Wagen in Richtung Autobahn.
Für den kommenden Monat hätte sie das Sagen in der Kommandozentrale.
Unverhofft kommt oft.

 


Vita