01 August 1955

Die Menschen hatten sich gerade vom Zweiten Weltkrieg erholt. Deshalb beschloss meine Familie, zur „Feier des Friedens“ nach Italien ans Meer zu reisen. Ein spontaner Kurzurlaub also. Ich freute mich riesig und war froh, so eine Reise mit meinen 15 Jahren schon erleben zu dürfen. Da das eine sehr teure Angelegenheit war, hatten viele meiner Freunde nicht solches Glück und würden es in ihrem Leben wohl auch nie haben.

„Angelika? Wir fahren!“

„Ja, ich komme ja schon, Mutti!“, rief ich und sprintete die Treppe hinunter.
Meine Eltern legten seit jeher sehr viel Wert auf Anstand, Pünktlichkeit und Respekt. Gehetzt sprang ich in unseren heißgeliebten grünen VW Käfer.

———

Zum ersten Mal in meinem Leben schmeckte ich Meerwasser. Roch Meeresluft. Bestaunte die Gischt, diese tanzenden Schaumkronen, die sich wie kleine Sahnehäubchen auf meinen Armen absetzten. Die Sonne brannte auf meiner blassen Haut, und ich liebte es sofort!

Ich wrang mein nasses braunes Haar aus und betrat den heißen Strand, als ich plötzlich einen heftigen Stoß von hinten spürte und kopfüber in den Sand stürzte.

„Um Gottes willen! Tut mir leid“, hörte ich eine unbekannte tiefe Stimme sagen. Hustend drehte ich mich um, zwischen meinen Zähnen knirschte der Sand. Von oben auf mich herabschauend, lächelte mich ein großer dunkelhaariger Junge entschuldigend an. Er hielt mir die Hand hin, um mir beim Aufstehen zu helfen. Sofort stieg mir die Röte ins Gesicht (was aber vermutlich gar nicht auffiel, weil ich sowieso schon Sonnenbrand hatte). Auf einmal schämte ich mich schrecklich dafür, wie ich gerade aussehen musste – wie ein paniertes Schnitzel. Unsicher ergriff ich dann aber doch seine Hand, und er half mir sorgsam hoch.

„Tut mir wirklich leid.“ Die Locken tanzten wild auf seinem Kopf, und seine großen braunen Augen, von geschwungenen Wimpern eingerahmt, strahlten mich an.

„J-ja, kein Problem“, stotterte ich zögernd und merkte, dass ich noch immer seine Hand hielt. Schnell zog ich sie zurück. Er schaute mir ununterbrochen in die Augen, was mir höchst unangenehm war. Zum Glück waren Mutti und Vati nicht in der Nähe. Von seinen Füßen wanderte mein Blick seinen muskulösen Körper hinauf.

„Na, gefalle ich dir?“, fragte er belustigt, als ich bei seinen Augen angelangt war. „Ä-äh …“, mir blieb die Luft weg. Bei seinem Anblick und … ach so, ja, seiner Frage natürlich.

„Mein Name ist übrigens Peter“, probierte er das Gespräch aufzubauen.

„Ich bin Angelika, aber du kannst mich gerne Geli nennen“, erwiderte ich, nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte. Peter hatte tiefe Grübchen und leichte Sonnensprossen.

„Nun lass uns erstmal ins Meer, den ganzen Sand abwaschen, ich helfe dir auch.“

Er nahm erneut meine Hand und zog mich hinter sich her. Im Meer strich er mit seinen warmen Händen vorsichtig Wasser über meinen Arm. Bei dieser Berührung zuckte ich leicht zusammen, entspannte mich aber gleich wieder. Gemeinsam spülten wir den überall hartnäckig klebenden Sand ab.

„Das dauert zu lange, ich kenne einen schnelleren Weg!“

Und bevor ich auch nur Zeit hatte zu reagieren oder mich zu wehren, tunkte er mich unter. Als ich auftauchte, schnappte ich nach Luft und stürzte mich keuchend auf seinen braungebrannten Rücken, um ihn unter Wasser zu drücken. So ging das Spiel eine ganze Weile weiter, bis wir uns atemlos an den Strand schleppten und uns lachend in den Sand warfen, um uns in der Sonne trocknen zu lassen.

Während meine Haut durch die getrockneten Salzpartikel, die überall auf meinem Körper blitzten, immer mehr den Schuppen eines Fisches zu ähneln schien, hörte ich plötzlich Mutti rufen.

„Geli! Geli, wo bist du?“

Sie klang besorgt. Sofort sprang ich auf. Auf keinen Fall wollte ich meinen Eltern Sorgen bereiten.

„I-ich muss jetzt gehen“, stammelte ich gehetzt und drückte das Wasser aus meinen Haaren direkt über seinem Waschbrettbauch aus. Als das kalte Wasser auf seine heiße Haut tropfte, zuckte Peter heftig zusammen: „Ey!“

„Das war für das Tunken vorhin“, lachte ich und kehrte ihm den Rücken zu, um dem Rufen meiner Mutter zu folgen. Nach wenigen Schritten spürte ich, wie mich jemand sanft am Arm festhielt. Erschrocken wandte ich mich um.

„Geli, warte …“ Es war Peter. Meine Wangen glühten. Von der brütenden Sommer-Hitze? Wohl kaum.

„Komm um neun Uhr heute Abend zum Felsen da hinten, okay?“, sagte er und zeigte in Richtung eines Felsplateaus hinter uns. Seine dunklen Augen glänzten in der prallen Sonne, und er fuhr sich lässig durch die üppigen Locken.

„A-aber …“, wollte ich erwidern, doch er lief schon davon.

„Ich erwarte dich dort!“, rief er mir hinterher.

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Nachdem die Sonne am Horizont verschwunden war, präsentierte sich uns ein nahezu perfekter Sternenhimmel.

„Was hättest du getan, wenn ich nicht erschienen wäre?“, fragte ich Peter, der sich in ein schickes Waikiki-Hemd, mit einer schlichten Jacke darüber, und eine modische Capri-Hose geschmissen hatte.

„Ich wusste, dass du kommst“, antwortete er lächelnd und pustete sich eine Locke aus dem Gesicht. Ich trug ein weites schwarzes T-Shirt, dazu einen Plissee-Rock und die brandneuen Salvatore-Ferragamo-Schuhe mit Pfennigabsatz.

Von hier oben hatte man einen atemberaubenden Ausblick. Und Peter roch unfassbar gut. Eine kalte Brise brachte mich zum Frösteln. Er bemerkte es sofort und legte mir liebevoll seine Jacke über die Schultern.

Wir redeten bis es stockdunkel war und ich das Gefühl hatte, dass es Zeit wurde, ins Hotel zurückzukehren. Peter musste in die andere Richtung, zu seinen Verwandten, die hier in der Nähe wohnten.

„Na dann, auf Wiedersehen. Das war ein sehr gelungener Abend“, verabschiedete ich mich und stapfte los zum Hotel. Plötzlich hielt mich jemand an der Jacke fest … Seine Jacke!

„Ups, das hätte ich ja fast vergessen“, sagte ich peinlich berührt und zog schnell die Jacke aus.

„Nein, nein, diesen Diebstahl kann ich dir nicht so einfach durchgehen lassen“, sagte er so ernst wie möglich, konnte sich ein schiefes Grinsen jedoch nicht verkneifen.

„Oh Gott! … und wie kann ich das nun je wiedergutmachen?“, fragte ich gespielt verzweifelt. Er lachte und musterte mich gründlich von oben bis unten.

„Hm…“, grummelte er und blickte in die Ferne, um nachzudenken. Natürlich hatte er sich schon längst etwas ausgedacht. Ich sagte betont lässig: „Du kannst dich ja melden, wenn dir ‘was eingefallen ist“, und wandte mich zum Gehen. Da packte er mich an der Taille, drehte mich zu sich herum und … küsste mich. Es war unglaublich!

Meine Lippen kribbelten noch vom Kuss, als er sanft über meine Wange strich. „Leb‘ wohl, Geli“, hauchte er an mein Ohr, drückte mir die Jacke in die Hand und lief davon.

Alles ging so schnell, dass ich es erst gar nicht begreifen konnte, nicht begriff, dass es das letzte Mal war … Ich werde ihn nie wiedersehen. Aber immer denke ich mit einem Lächeln an meine erste Jugendliebe zurück.

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Ich blättere durch mein zerfleddertes grünes Tagebuch, klappe es zu. Im Zimmer riecht es steril, und ich fühle mich unwohl. Eine junge Krankenschwester mit langem blonden Haar kommt herein, grüßt mich strahlend, als würden wir uns schon lange kennen: „Hey, Angi, deine Tabletten.“ Aber ich kenne sie doch überhaupt nicht.

„Äh, welche Tabletten?“, erwidere ich verdattert.

„Kein Problem, dafür bin ich ja da. Genau dafür, dass du sie nicht vergisst, hier!“

Sie stellt mir einen Becher mit Tabletten vor die Nase und geht freundlich lächelnd hinaus. Hinter der Tür höre ich sie noch laut seufzen. Ich schaue auf den beigelegten Zettel und lese …

Waimer, Angelika

Tägliche Dosis: siehe Unterlagen […]
Indikation/Grund: Demenz […]
Schockiert und verwirrt starre ich die Notiz an. Was geht hier vor? Das muss ein Irrtum sein! Und … Was ist das für ein zerfleddertes Buch in meiner Hand?

 

Vita Celine Georg