Ich betrat das Haus und eine noch nie gehörte Stimme aus  der Tiefe meiner Seele hauchte mir Gewissheit in mein Ohr. Ich hörte sie in meinem ganzen Körper, spürte sie in jeder Zelle.

Sie flüsterte vom Tod. Ich schüttelte mich. Zu bedrohlich klang sie und konnte doch nur lügen. Ich schaute auf die alte Spiegelkommode, die meine Mutter so liebte. Ihr Handy und ihre Brieftasche lagen darauf. Doch das Haus fühlte sich leer an und still. Ein Schleier aus Angst legte sich um mich. Die Stimme kroch erneut in mein Bewusstsein und raunte mir zu, dass etwas Schreckliches passiert war. Ich hatte keine Ahnung, woher sie das wusste.

»Mama? Bist du daheim?«, rief ich, doch das Haus blieb stumm. Ich ging in unsere Küche und erblickte ihren Mantel. Er hing über dem Stuhl, auf dem Tisch stand ihre schwarze Lederhandtasche. Alles war da. Nur meine Mutter nicht. Ich rannte nach oben, sah in jedem Zimmer nach, sie musste doch hier sein, ihr Zeug war doch da.

Aber welche Tür ich auch öffnete, dahinter erwarteten mich nur leere Räume. Im Arbeitszimmer fand ich dann, wonach ich nicht suchte. Der Computerbildschirm war eingeschlagen, die Tastatur lag zerbrochen auf dem blauen Teppich. Sie hatten Streit gehabt. So viel war nun klar. Ich rannte die Treppe wieder runter, hinab in den Keller, doch auch dort fand ich nur Verwüstung. Keine Mama.

Die dunkle Gewissheit mit ihrer nervigen Stimme steigerte sich zu panischer Angst. Hier stimmte etwas nicht. Meine Mutter war nicht da. Nicht da, wo sie sein sollte. Zitternd griff ich zum Telefon und rief meine Oma an.

»Bleib da, wir kommen dich holen.«

Mehr sagte sie mir am Telefon nicht. Die Stimme in mir schrie. Mein Herz klopfte.

Sie kamen mich holen. Mit ernsten, bestürzten Gesichtern führten meine Tante und mein Onkel mich aus dem Haus, setzten mich in ihr Auto und fuhren los. Mein Onkel nahm meine Hand, drückte sie fest, bevor er endlich zu Reden begann.

»Kind, du musst jetzt stark sein, ja? Deiner Mama ist etwas Schlimmes passiert. Sie … sie hat sich umgebracht.«

Ich schaute aus dem Fenster, sah die Silhouetten der Häuser meines Heimatortes an mir vorbeiziehen, während mein Kopf brummte und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Es ging nicht, denn das konnte nicht sein.

Doch die Stimme hauchte »Du hast es doch direkt gewusst, kaum, dass du das Haus betreten hast. Ich hab’s dir doch gesagt.«

Ich nickte stumm. Ja, die Stimme hatte von Anfang an vom Tod erzählt, doch ich konnte es nicht fassen. Meine Mama war tot. Sie hatte sich letzte Nacht umgebracht. Ich würde sie nie wieder sehen. Sie war nicht mehr am Leben. Konnte das wirklich wahr sein? Ich fühlte einen unendlichen Schmerz, der mich wie ein Donnergrollen durchfuhr.

Ein letztes Mal bäumte sich die Hoffnung in mir auf, dass ich mich nur verhört hatte, ja, es musste anders sein. Sie hatte sich bestimmt nur versucht umzubringen und lag nun in einem Krankenhaus, zu dem wir jetzt fahren würden. Fast konnte ich es glauben. Sah sie in einem weißen Bett liegen, das Handgelenk verbunden. Doch meine Hoffnung starb, als wir zu meiner Oma auf den Hof fuhren. Kein Krankenhaus, keine Mama, nur eine alte Frau am Gartentor, die verheult zu mir gelaufen kam, mich an sich drückte und den lieben Gott dabei zu oft erwähnte.

Es fühlte sich an wie ein Traum, als sei ich gar nicht wirklich dort, doch die Umarmung meiner Oma war echt. Sie war fest, mit der Kraft der Trauer aufgeladen. Ich spürte ihren Schmerz. So zerreißend, so dumpf, so dunkel. In dieser Sekunde starb ein Teil von mir. Der Teil, der die Wahrheit nicht ertragen konnte. Er verschwand einfach im Niemandsland des Unbewussten, im Vakuum der Realität. Ich wurde ins Haus geführt und an den Esstisch gesetzt. An den Esstisch, an dem ich schon viele Stunden gesessen hatte, mit meiner Mama, mit Oma, mit Opa. Waren diese glücklichen Zeiten nun vorbei?

Ich konnte nicht weinen, noch nicht. Ich konnte nur da sitzen und hoffen, aus diesem Traum endlich aufzuwachen. Hoffen, in meinem Bett aufzuwachen und unten in der Küche meine Mutter singen zu hören, wie sie es oft tat, wenn sie putzte.

Würde ich sie jetzt nie wieder singen hören? Ich fühlte mich ausgelaugt und müde. Saß dort am Tisch und ließ alles um mich herum geschehen, als ginge es mich nichts an. Die Trauer wurde laut und verbreitete Hektik. Meine Oma weinte und schrie wie ein Kind. Nervenzusammenbruch. Das fühlte sich verwirrend an. Ich kannte sie nur als stolze Frau, fest mit beiden Beinen auf dem Boden stehend, wie ein Fels in der Brandung, doch nun wurde sie einfach fortgespült von einem Meer aus Schmerz.

Meine Tante und mein Onkel kümmerten sich, waren stark und taten, was getan werden musste. Ein Arzt kam und gab meiner Großmutter eine Beruhigungsspritze. Opa saß derweil wie eh und je an seinem Platz, am Kopf des Esstischs, und machte Schnittchen für mich. Er war mein Ruhepol. Ließ sich nichts anmerken, war ruhig, war da.

Die Zeit lag in Scherben, nichts war mehr wichtig. Mein Leben, wie ich es kannte, ausgelöscht.

Irgendwann ging ich schlafen, darauf hoffend, dass die Zeit sich täuschte und ich am nächsten Morgen wieder in meinem Leben erwachen würde. In dem Leben mit meiner Mutter, die ich so liebte, so brauchte.

Doch ich erwachte im Gästebett meiner Großeltern und erst im Morgengrauen des neuen Tags erfasste ich mein Drama, mein Schicksal. Meine Mama war tot. Sie hatte sich umgebracht. Warum? Und wie? Wo war sie? Ich wollte zu ihr. Wollte zu meiner Mama, ich war doch ihr Kind. Die Erwachsenen sahen das anders. Wollten mir den Anblick ersparen, mich schützen. Meine Mutter hatte sich von einer Autobahnbrücke hinabgestürzt.

Nach dem Streit zuhause musste sie in der Nacht umhergefahren sein, bis zu dieser Brücke.

Aber ich war ihre Tochter, verdammt! Ich wollte sie sehen! Es war mir egal, wie sie vielleicht aussehen würde. Ich musste sie sehen, um es zu verstehen. Widerwillig wurde ich zum Leichenhaus des Friedhofs gebracht. Es war kalt dort. Hinten rechts, im letzten Raum, lag sie aufgebahrt. Ihr Gesicht war vom Aufprall schief und entstellt. Eine gefühlte Ewigkeit stand ich einfach da und schaute sie an, versuchte zu begreifen, dass das nun Wirklichkeit war. Ich wollte sie berühren, streichelte ihr über die Hand und erschrak bis ins Mark. Ihr Körper war eiskalt und steif. Es war echt, kein Traum.

Ich fühlte mich leer. So leer und einsam auf der Welt. Es war mir, als hätte sie mich mitgenommen in das Reich des Nebels und der Wolken, dorthin, wo Träume geboren werden und Seelen unsterblich sind. An einen Ort, wo die Wirklichkeit nur Schall und Rauch war und die Liebe niemals stirbt. Dorthin, wo Licht und Schatten sich treffen, in eine Zwischenwelt.

Nun sollte ich dort leben, zwischen dem Leben, was ich hatte und einem Leben, für das ich noch nicht bereit war. Traumzauberblau.

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