Es waren die Brötchen – die großen, goldenen Schrippen, die ich so gerne aß. Wie oft sagte sie mir, ich solle lieber ein Körnerbrötchen essen. Körnerbrötchen sind gesünder und regen die Verdauung an. Ich wollte aber die frischen weißen Schrippen. Die Ungesunden.

Meine Mutter war eine rundum gesunde Frau. Sie ernährte sich gesund, sie dachte gesund und sie verhielt sich auch gesund. Er, er war ganz anders. Ihm war alles egal. Er machte häufig den Eindruck, als sei ihm sogar sein Leben egal. Als er noch bei uns lebte, ging er meistens früh aus dem Haus und kam, wenn überhaupt, spätabends zurück. Ich sah ihn nicht oft, aber die wenigen Male sah ich ihn genau. Sein Gesicht sagte nichts. Es war starr und machte den Eindruck eines sorgenvollen, traurigen Gesichtes. Eines Gesichtes, das seine Sorgen nicht teilen wollte. Aber er hatte Sorgen. Das weiß ich.

Es war ein schöner Wochenendtag. Samstag – es war Samstag und die Sonne schien. Heute sollte er kommen. Er sollte kommen und mich abholen. Er kam jeden Samstag. Samstag war der Tag, an dem er mich mit dem Auto durch die Gegend fuhr. Ich freute mich sehr. Ich weiß nicht, warum ich mich so sehr freute, aber es war, als ob ich mir etwas erhoffte. Ja, ich denke, es war die Hoffnung, eines Tages Freude in seinem Gesicht zu sehen. Freude, die der Traurigkeit entsprang. Ein Stück Lebenslust. Ein Stück Leben. Denn er war tot, wie tot.

Nach dem Frühstück packte meine Mutter meine Sachen für den Tag und schob meinen Rollstuhl die Rampe hinunter. Unten spielten die Kinder Verstecken. Sie winkten mir zu. Unsere Gegend war sehr friedlich. Außer ein paar Jugendlichen, die von uns ab und zu am Fuß der Treppe zur Tiefgarage beim Drogenkonsum erwischt wurden, gab es weiter nichts Kriminelles. Ich nannte sie die Kinder mit den Turnschuhen, die bösen Kinder.

Meine Mutter und ich warteten in der prallen Sonne auf ihn. Die Sonne war angenehm für meine Muskeln. Von ihm – keine Spur. Er kam oft zu spät. Besser gesagt: Er war nie pünktlich. Alle Anrufe meiner Mutter waren vergebens. Sein Handy war aus. Meine Mutter brachte mich nach oben und kochte mir einen Tee. Sie setzte mich in meine Kuschelecke. Ich spielte, als das Telefon klingelte. Es war er. Er klang sehr verschlafen. Er arbeitete im Krankenhaus und hatte eine lange Nachtschicht hinter sich. Er sagte meiner Mutter, es tue ihm leid. Er wäre sofort da.

Es war drei Stunden später als erwartet, aber er kam. Wir gingen hinunter und ich stieg ins Auto. Meine Mutter schaute ihm einige Sekunden vorwurfsvoll in die Augen, gab mir einen Kuss auf die Wange und verschwand nach oben.

Er packte meinen Rollstuhl in den Kofferraum und wir fuhren los. Nach einigen Minuten Stille fragte er mich, worauf ich Lust hätte. Ich wollte shoppen gehen. Ja, es war toll mit ihm shoppen zu gehen. Er kaufte mir immer alles. Süßigkeiten, Zeitschriften, Kopfhörer. Es war toll. War es toll? Ich weiß es nicht. Ich meine, ich hatte doch alles. Ich bekam alles von ihm. Aber irgendetwas fehlte. Ich konnte es nicht richtig definieren. Aber es war ein Gefühl von Beständigkeit, was ich suchte. Ein Gefühl, das nicht nur den Moment anhielt, sondern blieb. Ich wollte es fangen, das Gefühl, aber es war wie der Wind, der beim Autofahren leicht und angenehm meine Wangen streifte und schnell wieder verschwand. Wir fuhren eine Weile mit dem Auto durch die Stadt. Der unterdrückte Impuls, der bis in seine Fußspitzen drang, steuerte das Tempo. Wie immer, sein Turnschuh auf dem Gaspedal.
Es wurde kühler und er kurbelte die geöffneten Scheiben wieder hoch. Wir redeten nicht viel. Er war kein Mensch der großen Worte. Ab und zu fragte er mich, wie die Schule lief. Und er erzählte mir etwas von Politik. Dafür interessierte er sich.

Ich schaute ihn an, während er redete. Sein Mund bewegte sich. Sein Körper jedoch war starr. Sein Blick nach vorne gerichtet und leer, seine Schultern gebeugt, sein Kopf zwischen den Schultern. Seine ganze Körperhaltung kraftlos, obwohl er ein großer, stark gebauter Mann war.

Teilweise hatte ich das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Am späten Abend kaufte er mir ein Brötchen. Dieses Mal tat ich meiner Mutter den Gefallen und suchte mir ein Körnerbrötchen aus. Die Körner, die abfielen, pickte ich mit etwas Spucke auf dem Zeigefinger auf und ließ sie in meinen Mund fallen. Er lächelte und sagte, ich würde das genauso machen wie meine Mutter.

Es vergingen vierzehn Jahre. Inzwischen lebten meine Mutter und ich in Berlin. Ja, in dem anonymen Berlin. Es war abends und ich saß gerade an meiner Bachelorarbeit, als ich plötzlich mein Handy klingeln hörte.

Es war er. Er war merkwürdig am Telefon. Anders als sonst klang er ernst. Seine Stimme war mit Angst besetzt. Keine Spur von der Lethargie, die er typischerweise an den Tag legte. Es waren Emotionen, die aus seiner Kehle kamen. Es war das Leben, das er plötzlich zu schätzen wusste. Das Leben, das er zuvor nicht wollte, wurde ihm wichtig. Er war krank. Er hatte einen Tumor im Kopf. Der Tumor war groß. Er war viel zu groß, als dass es noch Hoffnungen gab. Das sagte er mir.

Ich erstarrte. Meine Stimme wurde leise. Ich musste mich anstrengen, um einen Ton herauszubekommen. Nach dem Telefonat rief ich meine Mutter an und erzählte ihr alles. Die Tränen platzten aus mir heraus. Ich weiß nicht, was mit mir geschah, aber ich spürte meinen ganzen Körper so intensiv wie noch nie. Jedes einzelne Haar an meinem Körper. Ich konnte nicht glauben, dass er sterben sollte. Ich wollte es nicht wahrhaben. Aber es stimmte.

In den Monaten danach versuchte ich zu retten, was eigentlich gar nicht zu retten war. Ich ging zu unterschiedlichen Ärzten, pendelte von Berlin nach Münster und sprach mit vielen Menschen. Ein guter Freund von ihm half mir, die Ärzte auch von alternativen Möglichkeiten zu überzeugen. Nichts brachte etwas. Er sollte sterben. Es flossen Tränen. Er wollte alles ungeschehen machen. Er wollte alles besser machen. Aber es war zu spät. Er starb am 12.07.2015.

Es ist schwer, einen geliebten Menschen zu verlieren. Umso wichtiger ist es, das Leben zu leben und den Tod kommen zu lassen. In seinem Fall kann ich sagen, dass er anfing zu leben, als er wusste, dass er sterben würde. Er war lebendig, wie lebendig.

Heute kann ich etwas sagen, was ich nie gedacht hätte: „Du fehlst mir, Papa“.

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