Stillstand – von Sara Pepe

Seufzend rührte er in seinem Kaffee und sah, wie sich der Milchschaum mit der dunklen Brühe vermischte und das Schwarze zu hellbraun ausblich. Der Löffel berührte den Rand der Tasse und es klirrte leise. Ein kleiner Wirbel hatte sich gebildet.

Als die Stimmen im Nebenzimmer lauter wurden, zuckte er zusammen. Das Wort „Scheidung“ stand in Großbuchstaben im Raum. Eine Tür knallte zu und er verschüttete Kaffee auf dem Tisch. Seine Mutter öffnete die Küchentür und sah ihn mit zerzausten Haaren an. »Dein Vater…«, fing sie an. Doch er wollte sich nicht anhören, was sie zu sagen hatte, nur damit er Partei ergriff. Schnell verließ er den Raum und machte sich auf den Weg in die Schule.

Nur kurz hielt er an, um seine Freundin abzuholen. Wie immer war sie noch nicht fertig, sodass er auf sie warten musste. Die Haustür fiel ins Schloss und sie stürmte auf ihn zu. Ihre glatten hellbraunen Haare fielen ihr bis zur Schulter, ihre blaugrauen Augen leuchteten fröhlich und ihr kleine Stupsnase mit den vielen Sommersprossen war niedlich. Am Anfang war er so verliebt gewesen. Doch nun fühlte er nichts, wenn er sie ansah. Flüchtig küsste er sie. Sofort schob sie ihre kleine Hand in seine und fing an ihn mit Wortschwallen zu überschütten. Sie war gut gelaunt, denn sie warf ihm seine Wortkargheit nicht vor.

Erleichtert atmete er aus, als sich ihre Wege trennten. Er daran dachte, wie stolz er gewesen war, als sie ein Paar geworden waren. Jedem hatte er sein Mädchen vorstellen wollen, am besten auf jede Wand schreiben, dass sie zusammengehörten. Nun war er froh, dass er es nicht getan hatte.

Anfangs war sie für ihn da gewesen und hatte Verständnis für seine Trauer. Doch nun lebte sie ihr Leben weiter, während seines still stand.

Als er sich auf die Schulbank fallen ließ, fiel sein Blick auf den Stuhl neben ihm. Seufzend zwang er sich, nach  vorne zu sehen und versuchte zu verdrängen, dass er immer noch hoffte. Als er sich etwas auf einem Zettel notierte, entdeckte er ein verwischtes Strichmännchen, das sein bester Freund Jonas auf die Bank gezeichnet hatte.

Und nun war Jonas nicht mehr hier. Wo er hingehörte. Neben ihm. Schnell schloss er die Augen und versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Der Grund, warum alles nichtig war. Wenn er hier wäre, könnte er ihm von seinen Eltern erzählen. Jonas würde ihn ernst ansehen und sagen: »Das ist bescheuert, Mann.«

Doch er war nicht hier. Und obwohl er ihn oft besuchte und von seinem Leben erzählte, bekam er nie eine Antwort. Es war nun fast zwei Monate her, dass nichts mehr so war, wie es schien.

Wenn er daran dachte, wie schnell alles gegangen war. Aus Langeweile hatten sie eine Motorradtour unternommen. Sie waren jung, dumm und leichtsinnig. Kurz zuvor hatte es geregnet. Der Asphalt war rutschig und nass. Viel zu schnell fuhren sie in eine Kurve hinein und während er es mit Mühe und Not schaffte, hörte er hinter sich ein grauenvolles Quietschen und wie Metall auf Beton traf. Schnell brachte er sein Motorrad zum Stehen und drehte sich um. Das andere Motorrad lag zerschrammt und kaputt auf dem Boden. Fast traute er sich nicht zu dem Bündel hinüberzusehen, das auf dem Boden danebenlag. Doch dann tat er es doch. Der Motorradhelm war eingedrückt, die Scheibe wies Aufprallspuren auf. Er rief seinen Namen. Als Jonas nicht reagierte, lief er zu ihm und sank in die Knie. Seine Hände berührten den rauen Asphalt und fühlten etwas Nasses. Als er die Handflächen anhob, waren sie blutrot. Erschrocken sprang er auf. Mit Mühe schaffte er es, die Notrufnummer zu wählen. Mit Blaulicht und Sirene kam der Krankenwagen und tauchte alles in ein unheimliches Licht, das alles nur noch viel unwirklicher erscheinen ließ. Noch immer erinnerte er sich nicht an alle Einzelheiten. Der Schock hatte ihn vieles vergessen lassen.

Niemand hatte ihm Vorwürfe gemacht. Jeder wusste, er hätte es nicht verhindern können. Trotzdem plagten ihn Schuldgefühle, die nie verschwinden würden und sich wie Steine anfühlten. Wenn sie nur an diesem Tag eine andere Strecke gefahren wären, oder Jonas vor der Kurve gebremst hätte. Wenn es nicht geregnet hätte. Ständig quälten ihn Flashbacks. Das Kreischen des Motorrades. Jonas auf dem Boden. Blut an seinen Händen. Mit Mühe zwang er sich, dem Unterricht zu folgen, denn seine Zukunft war ihm wichtig.

Zuhause verdrückte er sich in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett, wo er die Wand anstarrte. Nach Stunden oder Minuten – die Zeit hatte für ihn keine Bedeutung mehr – klopfte es an der Tür, und seine Freundin betrat vorsichtig den Raum.

Als sie ihn auf dem Bett liegen sah, legte sie sich kurzerhand dazu. Mechanisch legte er einen Arm um sie und ließ es zu, dass sie ihren Kopf auf seine Brust legte. Neulich hatte sie davon gesprochen eine Stufe weiterzugehen. Eigentlich hätte er sich darüber freuen sollen, doch die Ankündigung entlockte ihm keine Gefühlsregung und so war er nicht darauf eingegangen. Als sie nun so neben ihm lag, wurde ihm klar, wie er seine Gedanken zum Verstummen bringen konnte. Sanft fing er an sie zu küssen und ging behutsam vor, als sie miteinander schliefen. Er hatte gehofft, wenigstens jetzt etwas zu fühlen. Doch sein Innerstes war ein dunkler Abgrund.

Es schien, als sei er zu keinen tiefen Gefühlen wie etwa Liebe fähig, so als seien ihm diese, als er Jonas so daliegen sah, abhandengekommen. Als es vorbei war, lagen sie nebeneinander und sie sah ihn an und sagte, dass sie ihn liebe. Um nicht herzlos zu erscheinen, küsste er sie auf die Stirn und hielt sie lange, als sie sich verabschiedeten. Sein schlechtes Gewissen meldete sich. Früher -bevor das mit Jonas passiert war- hatte er ihr oft gesagt, dass er sie liebte. Doch diese Worte brachte er nicht mehr über die Lippen.

Wenig später fuhr er zum einzigen Menschen, der ihn jemals verstanden hatte. Der Geruch nach Erde stieg ihm in die Nase, als er den Friedhof betrat. Seine Schuhe knirschten auf dem Kies.

Vorsichtig kniete er sich nieder und betrachtete den einfachen weißen Grabstein aus Marmor mit dem kleinen Engel. Jonas hätte ihn gehasst. Der Gedanke an einem verschmitzt lächelnden Jonas gab ihm einen Stich. Er seufzte tief und begann zu erzählen. Doch eine Antwort blieb wie immer aus und seine Gefühle wurden noch aufgewühlter.

Wie sehr er ihn vermisste. Seine Augen brannten, er blinzelte und ließ die Tränen endlich zu.

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