Das Leben beginnt und ich steh mitten drin
Es ist kalt. Der Wind fährt mir durch alle Glieder. Ich sitze auf einer alten Mauer und betrachte den nebelüberzogenen Wald vor mir. Er sieht unwirklich aus und jagt mir Angst ein. Meine Beine baumeln in der Luft, während ich in meine Jackentasche greife und meinen Tabak hervorziehe. Geschickt drehe ich mir eine Zigarette. Ich muss sie gegen den Wind abschirmen, um sie anzubekommen. Schließlich springe ich von der Mauer. Es ist spät. Die Schule geht weiter. Sehr langsam schlendere ich zurück. Ich hasse dieses Gebäude. Es erstreckt sich vor mir in all seiner Hässlichkeit. Schlammgrüne Wände und versiffte Türen. Ein einziger Betonklotz. Aber was ich noch mehr hasse, sind die Schüler. Seit drei Wochen bin ich jetzt hier. Drei Wochen zu lang. Ich werde gemobbt. Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas mal passiert. Eigentlich bin ich nämlich jemand, der mobbt. Eigentlich bin ich der Böse. Und die ganze Scheiße tut mir leid. Wirklich. Man versteht wohl immer erst später, was man da überhaupt angerichtet hat. Ich schmeiße meinen Zigarettenstummel auf den Boden und trete ihn aus, bevor ich mir meine Kapuze tief ins Gesicht ziehe. Als ob das was bringen würde. Ich mache es trotzdem, weil es mir ein Gefühl der Sicherheit gibt. Es ist ja nicht so, dass ich offensichtlich das Opfer bin. Nein, die machen das total geschickt. Hier mal ein Bein stellen, da mal das Tablett runterhauen. Und wenn du das petzt, geht’s dir noch schlimmer als davor. Also ertrage ich es. Irgendwie habe ich das ja auch verdient, denke ich mir. Schließlich habe ich jahrelang kleinen Knirpsen das Pausenbrot abgenommen oder mich über sie lustig gemacht. Ich war kein guter Mensch. Ich bin kein guter Mensch. Deshalb akzeptiere ich meine Strafe.

Ich durchquere das große Eingangstor. Meine Füße laufen wie von selbst. Automatisch tragen sie mich in Richtung Klassenzimmer. Plötzlich rammt mir jemand seinen Ellenbogen mit voller Wucht in die Rippengegend. Ich keuche auf. Ein Lachen erklingt, gefolgt vom Gejohle anderer. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer das war. Gekrümmt laufe ich weiter. „Feigling!“ ertönt ein lachender Ruf von hinten. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Wut schießt in mir hoch. Ich schließe die Augen, bleibe kurz stehen. Schnell versuche ich meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Nicht aufregen, denke ich mir. Das ist es nicht wert. Ich weiß ja, wie die ticken. Sobald ich mich wehre, bin ich noch mehr dran. Das ist eine ganze Clique, die zusammenhält. Ich frage mich, wann ich so ein Weichei geworden bin. Eigentlich kenne ich die Antwort. Meine Freunde sind nicht mehr da. Niemand, der hinter mir steht, der mich puscht. Jeder Mobber lebt von der Aufmerksamkeit und der Angst anderer. Ich habe das alles verloren. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Am nächsten Tag lassen die mich größtenteils in Ruhe. Ich ziehe meine Bahnen über den Pausenhof. Einer aus meiner Klasse winkt mich zu sich. Er fragt, wie es mir geht. Ob ich mich gut eingelebt habe. Ich nicke, aber ich weiß, dass er mir das nicht abkauft. Sein Blick ist zu forsch. Seufzend erzähle ich ihm alles. Er erwidert nur, dass das irgendwann aufhört. Wenn sie das Interesse verlieren. Ich muss lachen. Nein, das werden sie nicht. Erst, wenn sie ein anderes Opfer finden. Dennoch bin ich verwundert, da sie mich heute noch kein einziges Mal gemobbt haben. Nach der Pause komme ich ohne besondere Zwischenfälle in mein Klassenzimmer. Verwirrt setze ich mich auf meinen Platz und streife mir die Kapuze vom Kopf. Meine Sitznachbarin sieht mich amüsiert an. Sie meint, sie habe mich noch nie ohne Kapuze gesehen. Ich lächle, und sie lächelt zurück. Auch die Lehrer sind erfreut. Ich passe das erste Mal seit drei Wochen im Unterricht auf. Wenn nicht sogar das erste Mal in meinem Leben. Es ist zäh, aber irgendwie ist es schön etwas zu tun zu haben. Die Schule geht zu Ende und ich kann es nicht fassen einen ganzen Tag ohne Mobbing überstanden zu haben.

Als ich den darauffolgenden Morgen auf das schlammgrüne Gebäude zusteuere, erkenne ich den Grund. Vier meiner ehemaligen Feinde stehen um ein etwa zwölfjähriges Mädchen herum. Sie schubsen sie hin und her, nehmen ihre Tasche und schmeißen den Inhalt auf den Boden. Das Mädchen lässt alles stumm über sich ergehen. Meine Hände ballen sich erneut zu Fäusten. Ich will mein Verhalten nicht schönreden . Das, was ich getan habe, war schrecklich. Aber ich habe immer eine Regel gehabt: Ich werde keine Mädchen verletzen. Die vier Jungs packen sie am Arm und ihr laufen stumm die Tränen hinunter. Der Anführer spuckt ihr vor die Füße und sagt irgendetwas. Bei mir brennt eine Sicherung durch. Ich gehe auf die Jungs zu. Niemand sieht mich kommen. Keiner rechnet damit. Erst, als ich direkt vor ihnen stehe, sehen sie zu mir auf. Sie lachen. Was ich Freak denn jetzt will. Die Worte prallen an mir ab. Das Mädchen sieht mich ängstlich an. Auch ein paar andere Schüler sind stehen geblieben. Ich schlage nicht zu, ich sage nichts. Ich strecke meine Hand aus und halte sie dem Mädchen hin. Zögernd greift sie zu. Die Jungs stehen verwirrt daneben. Ich drehe mich um, und das Mädchen folgt mir. Hand in Hand gehen wir davon. Langsam. Ich spüre die Blicke in meinem Rücken. Niemand kommt uns hinterher. Das Mädchen fragt, was mit ihrem Rucksack sei. Ich antworte, dass ich mich darum kümmern werde. Sie bleibt plötzlich stehen und umarmt mich. Sie reicht mir nur bis zum Bauch. Ich lächle.