Angefangen hat es, als der Kühlschrank kein Bier mehr bestellte. Dachte mir: Shit, der smartCooler® ist kaputt. Aber da war das rote, blinkende Info–Hologramm über dem Flaschenhalter:

»Ihre Leberwerte sowie das Urinscreening geben digitalHealth Anlass zu Besorgnis. Der Konsum von alkoholhaltigen Getränken wird eingeschränkt. Sie können die Tür erst schließen, wenn Sie der Maßnahme zustimmen. digitalHealth bittet um Verständnis und kommt für etwaige Schäden an den verderblichen Gütern im Kühlschrank nicht auf. Sagen Sie ‚o.k.‘, wenn Sie die Bedingungen akzeptieren, und schließen Sie die Tür.«

Seit nun fast fünf Jahren nervt digitalHealth, das bundesweite Gesundheitsnetzwerk. War lange nicht viel zu bemerken von Einmischung und Kontrolle: Hinweise auf gesündere Lebensmittel, Warnung vor zu wenig Bewegung usw. und Bonuspunkte bei der Krankenversicherung, wenn du smartMeter®-Armbänder trägst. Vor einem Jahr aber dann, baatsch: smartHome® und smartCar® wurden Pflicht, alle Autos und Wohnungen mussten mit Gesundheits– und sonstigen Apps nachgerüstet werden. Gab einmalig einen Zuschuss, die Kosten konnte man von der Steuer absetzen.

Okay, mein Kühlschrank bestellt also kein Bier mehr, hol’ ich es mir halt selber!

Schnappte mir fix das Rad mit dem alten Kinderanhänger, und ab ging’s Richtung Getränkemarkt. Radeln war gut, brachte Gesundheitspluspunkte. Und die brauchte ich dringend, um die Negativpunkte wegen Tiefkühlpizza oder Nikotin auszugleichen. Denn die Sensoren im smartHome® waren sehr fein eingestellt, vom Rauchmelder bis zur Toilettenkeramik.

Dann im Getränkemarkt. Ich, lässig, wuchtete einen Kasten Bier in den Einkaufswagen, schob ihn zur Kasse. Die mpass®–NFC erfasste die Ware und rief die Zahlungsdaten der Karte ab; alles normal, total easy. Doch dann leuchtete über der Kasse ein Hologramm rot auf: »Für diesen Kunden ist derzeit keine Geldfreigabe für alkoholische Getränke möglich.”

Ich schob den Kasten unsanft zurück ins Regal. Ließ mir doch von so einem aufgeblasenen Mikrochip an der Kasse oder im Kühlschrank nicht vorschreiben, was ich zu trinken habe und was nicht. Mein Ziel: also erstens ein kaltes Bier aus dem smartCooler®, und zweitens es den Siliconheinis zu zeigen! Max fällt mir ein, klar, Max, kennst du! Der kann für mich doch das Bier besorgen.

Am nächsten Morgen also wieder zum Getränkemarkt, radeln, klar! Max war schon da. Max trank ja keinen Tropfen Alkohol. Echt! War aber trotzdem ein guter Kumpel. Und der hatte mit dem Einkauf von Alkohol und so keine Probleme. Geht rein, schiebt den »Auer Edelstoff« durch die Kasse, raus und fertig. Wir packten die Kiste in den Fahrradanhänger, und dann zack! ab nach Hause.

Im smartHome® angekommen, war das Bier warm wie Pferdepisse. Ich also Kühlschranktür auf und fünf Flaschen in den Kühlschrank gestellt. Dann schloss ich die Kühlschranktür.

Die prompt wieder aufschwang!

Dazu ein Info–Hologramm: »Die Überprüfung der Etiketten hat ergeben, dass es sich hierbei um alkoholische Getränke handelt. digitalHealth unterbindet deshalb zu Ihrem eigenen Wohl die Einlagerung des Bieres. Die Tür kann erst wieder geschlossen werden, wenn das Bier aus dem smartCooler® entfernt worden ist. digitalHealth bittet um Verständnis. Sagen Sie ‚o.k.‘, wenn Sie die Bedingungen akzeptieren, und schließen Sie die Tür.«

Ich fluchte wie ein Kesselflicker, stellte das Bier wieder in den Bierkasten und öffnete frustriert eine lauwarme Flasche. Ich dachte an Rache. Und ich hatte einen Plan!

Also wieder zum Getränkeshop. Und wieder mit dem Rad plus extra Umweg: Ich wollte bei digitalHealth Schönwetter machen. Dann relaxed eine Kiste »Hopfentrunk alkoholfrei” rein in den Einkaufswagen und ohne Probleme durch die Kasse geschoben …

Im smartHome® zurück, ließ ich mir vom smartCook® eine große Tasse Tee bereiten. Trank ich sonst nie! Aber das hat er nicht bemerkt, der Blechheinz, dafür ist er zu blöd. Ich stellte die dampfende Tasse auf den Tisch und hielt je eine Flasche vom normalen und vom alkfreien Bier über den heißen Dampf. Vorsichtig löste ich die Etiketten ab. Vertauschte sie, und zack! war das Vollbier ein Bleifrei. Dann die Stunde der Wahrheit: Ich öffnete den Kühlschrank und stellte die getürkte Bierflasche rein. Mit Bedacht schloss ich die Tür, wartete, wartete, und … Plop, mit einem sanften Ton schwang die Türe des Kühlschranks wieder auf.

Das Hologramm informierte mich – arrogantes Stück Sch…:

»smartCooler® hat Manipulationen an den Etiketten der Flaschen entdeckt. Die Manipulationen lassen mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80 % darauf schließen, dass sich alkoholhaltige Getränke in den Flaschen befinden. digitalHealth fordert Sie deswegen auf, die Flaschen zu Ihrem eigenen Wohl zu entfernen. Die Tür kann erst geschlossen werden, wenn die manipulierten Flaschen aus dem smartCooler® entfernt worden sind. digitalHealth bittet um Verständnis. Sagen Sie ‚o.k.‘, wenn Sie die Bedingungen akzeptieren, und schließen Sie die Kühlschranktür.«

Verdammte Axt! So saß ich nun auf zwei ungenießbaren Kästen Bier: eines lauwarm, das andere alkoholfrei. Resignierend öffnete ich einen »Hopfentrunk”, der mit ohne Alkohol …

Aber aufgeben gab’s nicht: Ich versuchte es mit einer Onlinebestellung – die Kartenzahlung per Karte oder PayPal wurde verweigert; Umfüllen des Bieres in Milchflaschen – die Sensoren des smartCoolers® meldeten Spuren von Alkohol auf den Flaschen. Zuletzt versuchte ich die Software des Kühlschranks zu hacken. Klappte aber auch nicht, dabei hatte ich die Anleitung auf YouTubePrime ganz genau verfolgt.

Da meldete eines Tages der Kühlschrank, dass sich Blut– und Urinwerte normalisiert hätten und einem »maßvollen” – wie er sich ausdrückte – »Biergenuss nichts mehr entgegenstünde«.
Dass ich das noch erleben durfte! Jetzt raus mit den Wasserflaschen und rein mit dem »Edelstoff«. Skeptisch schloss ich die Kühlschranktür. Sekunden verstrichen, einige Minuten: Nichts passierte, die Tür blieb geschlossen!

Ich sofort ins smartCar, ließ das Auto sein Sprüchlein aufsagen von wegen Bewegung, Fitness und so weiter und sofort und fuhr zu unserem Metzger um die Ecke: Es sollte eine Siegesfeier werden mit Max und den anderen Kumpels. Und eine Grillparty wäre genau das Richtige gewesen: Spareribs, eingelegte Nackensteaks und Würstel aller Art. Ich besorgte noch Barbecuesoßen, Fladenbrot, Kartoffeln – und diverse grüne Salate, naja, Gesundheitspunkte eben.

Als ich meine Einkäufe im Auto verstaute, ging mir das smartCar® wieder gehörig auf den Keks mit Warnungen zu richtiger Ernährung, Bewegungsmangel und dem metabolischen Syndrom.
Unbeeindruckt fuhr ich schnell noch beim Getränkemarkt vorbei und holte fünf Kästen »Edelstoff«. Vergnügt brachte ich die Einkäufe ins Haus: stellte das Bier in den Kühlschrank, verstaute die Beilagen und legte das Grillfleisch ins Kühlregal.

Aber kaum dass ich die Tür des SmartCoolers® geschlossen hatte, schwang sie wieder auf, und ein Hologramm informierte mich:

»smartCooler® kann die Lagerung von Fleisch und Fleischprodukten nicht gestatten. Ihre Blutfettwerte und die Gefahr eines metabolischen Syndroms sind zu hoch. Fleisch und Wurst muss zu Ihrem eigenen Wohl entfernt werden. Die Tür kann erst wieder geschlossen werden, wenn die Fleischwaren aus dem SmartCooler® entfernt worden sind. Um Folgeschäden zu vermeiden, rät digitalHealth, Fleisch und Fleischprodukte komplett zu entsorgen. Sagen Sie ‚o.k.‘, wenn Sie die Bedingungen akzeptieren, und schließen Sie die Kühlschranktür.«


Vita Johann Seidl