„So ein Unsinn“, murmelt Papa in den Raum. Außer mir ist niemand da. Ich schaue von meinem Comic auf, rüber zu Papa.

Er betrachtet stirnrunzelnd das Foto auf der Titelseite des Lokalteils. Es zeigt einen jungen Mann im Trikot des örtlichen Fußballvereins. Der Junge scheint in der Luft zu schweben, vielleicht ist er gerade abgesprungen. Aber etwas stimmt nicht mit ihm. Der Junge lacht nicht in die Kamera, er schreit nicht und weint nicht, er hebt nicht die Faust. Sein Körper, sein Gesicht wirken merkwürdig verkrampft.

Die Schlagzeile darüber schreit:

So stirbt ein Sportler auf dem Feld!

Papa lässt die Zeitung sinken.

„Das stimmt doch gar nicht“, sagt er, mehr zu sich selbst als zu mir. Wo ist Mama eigentlich hin?

„Was ist los, Papa?“, frage ich, und ich habe Angst, die Antwort bereits zu kennen.

Er schaut mich an. Seine Augen glänzen.

„Die Zeitung lügt mal wieder wie gedruckt. Hör dir das an!“

Papa hebt die Zeitung wieder ein Stück höher und liest mir laut vor:

„Der letzte Moment vor dem Tod. In dieser dramatischen Sekunde stürzt der zwanzigjährige Fußballspieler Niko F. zu Boden, nachdem er einen tödlichen Herzschlag erlitten hat. Wie die Ärzte bestätigen, ist er bereits tot, als er auf dem Rasen aufschlägt. Die Ursachen für den plötzlichen Herztod junger Athleten, der immer wieder Wettkämpfe auf der ganzen Welt überschattet, sind weitgehend unerforscht, werden aber…“

„Papa, das ist…“

Es ist, als würde er mich gar nicht hören.

„Das ist einfach nicht wahr.“ Erst murmelt er es leise vor sich hin, dann schreit er: „Das ist eine Lüge! Ich war doch selbst dabei, ich war gestern bei diesem Fußballspiel, und niemand ist gestorben!“

Die Terassentür öffnet sich, und Mama betritt das Wohnzimmer. In der Hand hält sie das Buch, das sie gerade auf der Veranda gelesen hat, irgendwas Esoterisches. Papa hasst es, wenn Mama diese abgeschmackten Bücher liest, doch jetzt bemerkt er es zu ihrem Glück gar nicht.

„Was ist denn passiert?“, fragt Mama besorgt.

Ich versuche, ihren Blick aufzufangen, um ihr eine stumme Warnung zu senden, aber da ist es schon zu spät.

„Die verbreiten Lügen!“, schreit Papa. Er ist ganz rot vor Zorn. Die Ader an seinem Hals pocht, ein schlechtes Zeichen, wie ich weiß. Ein sehr schlechtes Zeichen. Mama versteckt schnell ihr Buch unter der Schürze, nur vorsichtshalber.

„Die schreiben, dass dieser Junge da…“ – Papa deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das Bild – „…beim Fußballspiel gestern gestorben wäre. Aber das stimmt nicht. Ich war doch dabei, ich hätte es doch gesehen, wenn es passiert wäre. Aber da ist keiner gestorben. Keiner.“

„Du hast ganz bestimmt Recht“, antwortet Mama. „Da ist wohl die Fantasie mit einem mittelmäßigen Lokaljournalisten  durchgegangen, der nicht wusste, was er über das Spiel schreiben sollte.“

Papa beruhigt sich ein wenig. Er reibt sich die Schläfen und sagt: „Aber dass sie so weit gehen würden? Ist das möglich? Dass sie Scherze machen über das Leben eines jungen Mannes, der so alt ist wie unser Flori? Dass sie schreiben, er sei gestorben, nur um Leser zu gewinnen? Stell dir mal vor, sowas stünde über Flori in der Zeitung! Ich würde an die Decke gehen.“

Mama streichelt Papa über den Kopf. Papas Haare sind ganz schütter geworden in letzter Zeit. Mama sagt: „Reg dich nicht auf. Morgen werden sie es widerrufen, du wirst schon sehen.“

„Ja, sicher, aber… entschädigt das für den Schmerz, den sie heute damit verursachen? Denk doch mal an die Eltern des Jungen! Was müssen die fühlen, wenn sie das in der Zeitung sehen? Oder vielleicht hat dieser Niko eine kleine Schwester, so alt wie Laura?“

Papa zeigt auf mich. Ich schaue fragend zu Mama rüber, ob ich irgendetwas sagen soll, aber sie schüttelt nur ganz leicht den Kopf, so leicht, dass Papa es nicht merkt.

„Dieser Journalist sollte sich mal überlegen, was so ein kleines Mädchen empfindet, wenn in der Zeitung steht, dass ihr Bruder tot ist. Ich werde mich bei der Zeitung beschweren. Das ist doch unmenschlich!“

Papa will schon wieder in Rage geraten, aber Mama berührt seine Hand. Dann nimmt sie ihm sanft den Lokalsport weg und reicht ihm das Feuilleton. Auf der Titelseite des Feuilletons ist ein komisches Bild zu sehen, ein gemaltes blaues Pferd vor bonbonbunten Hügeln. Komisches Bild, aber jedenfalls besser als das Foto vom toten Niko F., finde ich. Papa entspannt sich ein wenig und lässt sich in seinen Sessel zurücksinken.

„Alles wieder in Ordnung?“, fragt Mama und sieht zu mir rüber. Ich nicke und schaue wieder in meinen Comic. Sie dreht sich um, um zurück auf die Veranda zu gehen. Sie hat bereits die Türschwelle erreicht, eine aufrechte, schlanke Silhouette im weißen Morgenlicht der Terrasse, als Papa fragt: „Sag mal, Schatz, hat Flori eigentlich mal wieder angerufen? Seit er an der Uni ist, meldet er sich ja so selten.“

Es ist, als ob die Zeit stehenbleibt. Die Bilder des Comics verschwimmen kurz vor meinen Augen. Dann fällt eine Träne auf das Heft. Das dicke Papier saugt sie auf.

Mamas hochgewachsene Gestalt erstarrt, sinkt dann ein wenig in sich zusammen. „Nein“, sagt sie, „Flori hat nicht angerufen.“

Flori kann seit zwei Jahren nicht mehr anrufen, nie mehr.

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