An einem nebelgrauen, verregneten und also unglaublich klischeehaften Nachmittag im November vor zehn Jahren klingelte das Telefon. Deine Nummer erschien auf dem Display. Aber nicht du warst am anderen Ende der Leitung. – 

Ich wiederholte die elfte Klasse. Und du kamst neu auf die Schule. So lernten wir uns also kennen. Deine sehr stille Art fiel mir sofort auf. Und ungewöhnlich war, wie diese Stille mit großer Nervosität gepaart war. Ich mochte diese besondere Mischung  – und als ich dich am zweiten Schultag fragte, wie du hießest und du mir völlig überstürzt deinen Wohnort als Antwort gabst, mussten wir beide lachen. – Unser erstes gemeinsames Lachen. – Und bis zu unserem letzten sollten drei Jahre und zwei Monate vergehen.

Ich war damals ein großer Junge, längst kein Mann. Bisweilen etwas blasiert, meist satt und selbstzufrieden, rebellisch gegenüber Autoritäten und Eltern. Mein Leben war behütet, es gab nichts Böses, keine Tiefen – und keine Höhen. Ich war unschuldig.

Und dann kamst du: Ein Verschnitt aus versifftem Rockstar und intellektuellem Querdenker. Manchmal phlegmatisch (war das Deinem Graskonsum geschuldet?), oft bedingungslos konsequent.
Es war selten harmonisch zwischen uns beiden; vielmehr ging es oft heiß her. Wir rieben uns, pushten uns und standen uns einmal gegenüber, und es hätte böse enden können. Unsere testosterongesteuerten Gehirne ließen uns mitunter wie Berserker auftreten. Wir taten uns oft weh, rissen uns die Masken runter, entlarvten unser faules Denken, unser träges Wesen, unsere Heuchelei.

Und weißt du was? So einen wie dich hatte ich nie wieder an meiner Seite. Und nein: wir verstanden uns nicht auf Anhieb. Aber das mussten wir auch nicht. Denn da war so viel mehr: Sympathie. Freundesliebe.

Ich hörte ein Schluchzen.
„Haben Sie es mitbekommen?“, fragte mich dein Vater – dein Vater, der, wie du mir einmal stecktest, ein harter Kerl war, und nie, nie, nie weinte, bis auf den einen Tag, als er dir mitteilte, welch große Angst er um dich habe. 

Wir besuchten nur dieses eine Jahr gemeinsam dieselbe Klasse. Ein Jahr mit vielen Partys, mit viel Alkohol, mit vielen Plänen – zusammen wegzufahren, nach dem Abi eine WG zu gründen und uns eine Fritteuse anzuschaffen – denn was braucht der Mensch schon mehr im Leben, als gute Pommes – und einen guten, wahren Freund?
Einmal sollten wir im Religionsunterricht unser erhofftes Leben als grafische Kurve darstellen. Unsere beiden Kurven ähnelten sich: ein schwindelerregender Höhepunkt mit Mitte Zwanzig und dann der stetige Abstieg. –

Nach diesem Jahr gingst du ab, auf eine Schule für Hochbegabte. Warst du eigentlich wirklich hochbegabt? In meinem Neid bezweifelte ich das vereinzelt. – Keine Zweifel hatte ich daran, dass ich dich vermisste. Nun warst Du weit weg, und ich noch hier, hatte meinen Freund und Nebensitzer verloren; und obschon meine Freundin in derselben Klasse war – so fühlte ich mich doch einsam, orientierungslos, leer. Es gibt da diese dämlichen, von uns beiden wegen des Kitsches gehassten Bilder mit diesem komischen Schaf, das sagt, dass ohne dich alles doof ist. –

Wir hielten Kontakt, telefonierten, trafen uns, schrieben E-Mails. Mit Sorge sah ich, wie du komisches Zeug einnahmst.
Du lerntest ein Mädchen kennen. Aber das lief nie so richtig rund zwischen euch. Du schriebest an einem Buch. Du wolltest Kaninchen züchten. Und Gras anbauen. Und du begannst zu glauben – an Gott, an Liebe. – Ausgerechnet du, der du dich darüber immerzu lustig gemacht hast!

Du vertrautest mir an, Engel gesehen zu haben. Ich dachte mir: was rauchst du nur?

Und dann kamst du zurück, es war jene Zeit, als dein Vater vor Angst um dich weinte, obwohl er ein harter Kerl war, und sonst nie, nie, nie weinte. Wir beide hatten uns in diesen fast zwei Jahren verändert. Du begannst ein Praktikum in einem Kindergarten. Deine Stimmung: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Du sprachst von Selbstmord und davon, uralt werden zu wollen. Ich schickte mich an, zu studieren. Ich nahm dich mit auf Studentenpartys. Wollte dich teilhaben lassen an diesem Mikrokosmos namens Studentenleben. Dein Vater rief mich manchmal an, bevor wir loszogen. Er bat mich, auf dich aufzupassen. – Glaube mir: ich wollte so sehr auf dich aufpassen.
Du warst mehr als ein Freund; du warst ein Gefühl in mir.
Ich hörte dir zu, wenn du mir von deinen Problemen, deiner Hoffnung, deiner Geliebten, die nun einen anderen Freund hatte, erzähltest. Und ich war doch sehr mit mir beschäftigt – die riesige akademische Welt überforderte mich. Gleichzeitig gingst du mir manchmal auf die Nerven. Ich konnte dir nicht das geben, was du brauchtest. Und glaube mir: das schmerzte – schmerzt noch heute. Ich entdeckte Hermann Hesse. Und er gab mir Hoffnung, in dieser chaotischen Welt eine Orientierung zu finden. Du hattest deinen 21.Geburtstag. Und ich wollte dir Demian empfehlen und den Steppenwolf. Ja, ich war mir sicher: Hesse würde Dir helfen. Hesse würde dich mit deinen inneren Widersprüchen versöhnen. Ich rief dich an. Du warst kurz angebunden und klangst irgendwie überrascht, klangst schwermütig. Jeder Versuch scheiterte, dich aufzumuntern. Du gabst mir nur ein einziges kurzes, dankbares Lachen, dass ich an dich gedacht habe. Hesse konnte ich dir nicht mehr empfehlen. Du legtest zu schnell wieder auf.

„Nein“, antwortete ich deinem Vater, „was soll ich mitbekommen haben?“ – „Er hat sich vorgestern umgebracht.“ – Du warst voller Liebesschmerz. Bist wieder abgedriftet. – Dein Vater, der ein harter Kerl war, und nie, nie, nie weinte, schluchzte nun fürchterlich. Er habe dich gefunden. – Ich wollte ihn irgendwie beruhigen, indem ich dieses nervige „Pssst“ machte, das Mütter immer machen, wenn ihre Kinder weinen. Er legte auf. –

 

Auf deiner Beerdigung erklang „Stairways to heaven“ – und ja, vielleicht trugen dich an jenem Novembertag die Engel hinfort an einen Platz, wo du deinen Frieden gefunden hast. Es tut weh ohne dich, Freund! Jeden verdammten Tag spüre ich das Loch in mir, das du hinterlassen hast. Und die Trauer, dich nicht beschützt haben zu können.

Aber gleichzeitig weiß ich: Du lebst in mir. Und da bleiben wir zusammen. Bis zu meinem letzten Atemzug. – Und verzeihe mir diesen Kitsch, aber lass dir noch gesagt sein:

Ohne dich ist alles doof!

 

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