Da ist ein Haus mit fünf Stockwerken in einer Stadt. Da stehen Blumen auf Balkonen. Manchmal sitzt jemand draußen, schaut hinaus auf die Straße oder gießt Wasser in die Blumentöpfe.

Wenn ihr schon öfter hier vorbeigegangen seid, habt ihr im dritten Stock manchmal zwei Kinder gesehen, die Seifenblasen über die Straße gepustet haben. Heute sitzt eines der zwei Kinder im dritten Stock am Fenster. Hinter ihm ist ein seltsamer Schatten, wie die Silhouette eines Baumes. Das Fenster daneben sieht aus wie die Scheibe eines Aquariums, tiefblau und mit schemenhaften Dingen, die herumzuschwimmen scheinen. Wenn ihr heute vorbeigeht und hinaufschaut, fragt ihr euch, was das ist.

Ich will es euch zeigen. Ich erscheine vor euch auf der Straße als sechsjähriges Mädchen. Etwas in meinem Blick macht, dass ihr keine Fragen stellt. Ich nehme eure Hand, wir werden unsichtbar und gehen durch die gläserne Eingangstür, die Treppe hinauf in den dritten Stock. Da sind vier Türen, ein paar Schuhe am Boden, eine Pflanze in der Ecke des Flurs. Wir gehen durch eine der Türen. Hier habe ich gewohnt. Im Flur hängen ein paar Kinderzeichnungen, es riecht leise nach gedünsteten Zwiebeln.

Im Wohnzimmer finden wir einen zu Stein erstarrten, bärtigen Mann, der eingesunken in einem Sessel sitzt. Er bewegt sich nicht, hört nichts, sieht nichts. Zu seinen Füßen liegt ein kleiner Haufen Kinderkleidung, die haben einmal mir gehört.

Daneben ist die Tür zum Schlafzimmer. Dort beginnt eine Wasserfläche. Sieht aus wie die Oberfläche von einem See, nur senkrecht. Das ganze Zimmer steht unter Wasser. Da schwimmen ein paar Kleidungsstücke. Die Bettdecke schwankt ein bisschen hin und her und da ist eine Frau, die im Kreis herum schwimmt mit wehendem Haar.

Wir hören Vogelgezwitscher aus einer zweiten Tür und schauen hinein. Da sind Bäume, moosiger Boden und Brombeerranken, ein Wald mitten im Zimmer. Ein Eichhörnchen huscht vorbei.

Ihr seht mich an mit fragendem Blick.

Ich drehe an der Zeit. Wir sehen Bilder. Ein Familienleben, die Großen kochen, gemeinsames Essen, ein Kind, zwei Kinder, die herumgetragen werden, gehen lernen, abwechslungsweise Dinge kaputt machen, Dinge geschenkt bekommen, spielen und lachen, streiten und schreien, grösser werden.

Zwei Jahre lang zu dritt, sechs Jahre lang zu viert. Dann ein sonniger Tag im Mai, wir müssen auf den Balkon hinausgehen, damit wir es sehen. Mein Bruder und ich, die Sonne und Seifenblasen. Ein Spiel, wer sich weiter hinauslehnen kann, um sie wieder einzufangen. Wir sehen, wie ich mich zu weit hinauslehne, wie ich vor lauter Überraschung nicht einmal schreien kann.

Wir sehen, wie der Vater zum Kleiderschrank im Kinderzimmer geht, die Tür aufmacht, Hosen, Pullis, Socken zusammenrafft, wie er sie mit ins Wohnzimmer nimmt, sich auf den Stuhl setzt, die Kleider vor seinen Füssen auf den Boden legt und zu Stein wird.

Wir sehen die Mutter ins Schlafzimmer gehen. Es beginnt von der Decke zu tropfen, wie Regen aus einer Wolke. Sie steht nur da, es regnet und regnet. Das Wasser steigt über die Knie, über die Hüften, über den Kopf, es füllt den ganzen Raum vom Fenster bis zur Tür. Dort bildet das Wasser eine senkrechte Schicht, schwappt ein bisschen hin und her, aber nicht sehr.

Wir sehen meinen Bruder. Er geht durchs Kinderzimmer. Wo seine Füße den Boden berühren, wächst Moos, es breitet sich aus. Er setzt sich ans Fenster und schaut hinaus.

Ich drehe an der Zeit.

Im ersten Jahr sitzt der Vater zu Stein geworden auf dem Stuhl, die Mutter schwimmt Kreise im Schlafzimmer. Der Bruder sitzt am Fenster, hinter seinem Rücken wachsen Bäume.

Im zweiten Jahr beginnt das Wasser aus dem Schlafzimmer in die anderen Räume zu rinnen.

Im dritten Jahr sind da Brombeerranken, kleine Bäume und Haselsträucher, die wachsenden Pflanzen trinken das hereinrinnende Wasser.

Im vierten Jahr ragen die Bäume bis zur Decke. Die Mutter sitzt auf dem Bett bis zu den Knöcheln im Wasser, hinter den Ohren sind ihr Kiemen gewachsen, es ist schwer, Luft zu atmen. Die Steinschicht um den Vater beginnt abzubröckeln. Ein Kieselhaufen bildet sich um ihn herum.

Im fünften Jahr ziehen Tiere in den Wald. Ameisen und Käfer, Vögel und Füchse, Schnecken, Tausendfüßler. Meinem Bruder wächst ein Fell, seine Augen werden gelb und die Zähne spitzig, er fängt an Ausschau zu halten nach kleinen Tieren, die er essen kann.

Im sechsten Jahr flüstern der Vater und die Mutter gleichzeitig die Namen der Kinder. Die Mutter watet aus dem Schlafzimmer, sinkt auf den Boden neben den Kinderkleidern, der Vater folgt ihr, die beiden sitzen in der Wasserlache und weinen.

Im sechsten Jahr hört der Junge tief im Wald seinen Namen, den er fast vergessen hat. Er macht sich auf die Suche nach den flüsternden Stimmen und verirrt sich im Wald.

Im siebten Jahr suchen die Mutter und der Vater ihr Kind, sie öffnen die Zimmertür und sehen den Wald. Sie rufen seinen Namen und finden ihn bald mit gelben Augen, spitzigen Zähnen und einem dicken Fell. Sie heben ihn auf, streichen über sein Fell und es beginnt ihm auszufallen.

Im achten Jahr sammeln die drei Holz im Wald und machen ein Feuer im Wohnzimmer, sie sitzen ums Feuer herum, weinen, singen Lieder, schweigen. Sie erzählen von mir und wünschen sich, dass es mir gut geht, da wo ich jetzt bin. Sie wissen nicht, dass ich noch mit euch hier stehe.

Im neunten Jahr ist das Wasser versickert, die Steinkiesel sind zusammengekehrt. Manchmal regnet es von der Decke, manchmal verirrt sich jemand im Wald, manchmal ist die Haut vom Vater ein bisschen bröckelig und grau, manchmal werden die Augen vom Bruder gelb, manchmal kann die Mutter nicht atmen. Aber nur manchmal.

Jetzt habt ihr es gesehen, wir gehen hinaus, zurück auf die Straße. Jetzt ist wieder jetzt. Ihr werdet wieder sichtbar, die Zeit läuft normal, ihr geht zu eurem Termin, in die Schule oder zu jemandem, den ihr liebt. Und ich gehe dorthin, wo wir uns irgendwann wiederbegegnen.

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