Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen,
sondern das, was man bereit ist zu geben.
(Katharine Hepburn)

Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns das erste Mal getroffen haben? Daran, wie du stehen geblieben bist, dich langsam umgedreht hast, nur um zu meinen Augen zurückzukehren? Erinnerst du dich an die Wärme in unseren Blicken? Daran, dass wir beide wussten, dass unsere Seelen verwandt sind?
Ich tue es. Und ich tue es immer noch. Jedes Mal, wenn du mich anlächelst, wenn du mir kurz über den Kopf streichst oder wenn du mich wütend anschreist. Solange du nur da bist, nach der Arbeit zu mir zurückkehrst, ist es egal, was du sagst, egal, was du machst.

Inzwischen ist es fast 18 Uhr. Bald wirst du nach Hause kommen, mich in den Arm nehmen und mir einen Kuss auf den Kopf hauchen. Das ist unsere Routine, so war es schon immer. Du wirst kommen, ich weiß es, auch wenn du jetzt noch nicht da bist, du wirst kommen.

Um 22 Uhr schaltet jemand das Licht aus, ruft etwas, das ich nicht verstehe. Dann ist es still. Du bist nicht gekommen. Aber morgen, ganz sicher morgen. Ein letztes Mal sehe ich aus dem Fenster, lasse meinen Blick über die eisige Landschaft wandern, so als dächte ich, du könntest draußen auf mich warten. Du tust es nicht.

Erinnerst du dich an unser erstes gemeinsames Weihnachten? Daran, dass ich alle deine Marmeladenplätzchen aufgegessen habe, während du mit deiner besten Freundin telefoniertest? Oh, ich erinnere mich noch gut daran. An dein Gesicht, deine Worte. „Aida, bist du total verrückt geworden?“, hast du geschrien. Tja und ich, ich habe nur dümmlich gelächelt. Vielleicht hätte ich dir ein paar übrig lassen sollen, aber die Versuchung war zu groß. Du bist nämlich eine fantastische Köchin, und diese Sterne auf dem Tisch, sie schrien förmlich meinen Namen. Glücklicherweise warst du nicht lange sauer auf mich, das hätte ich nicht ertragen. Ich wollte dich nämlich nicht wütend machen, wollte nicht, dass du traurig wirst. Deshalb habe ich dir im nächsten Jahr einige Plätzchen übrig gelassen. Du hast einfach nur den Kopf über mich geschüttelt, weißt du noch?

Oder weißt du noch, als wir zusammen gesungen haben? Ja, mein Gesang klang nicht gerade gut, aber dein Lächeln, dein Lachen war es wert. Ich hätte stundenlang gesungen, hätte keinen Ton getroffen, mich vor dir zum Narren gemacht, wenn nur dein Lachen mein Lohn gewesen wäre.

Ich bin sicher, dass du an Weihnachten zurückkommen wirst. Immerhin war es immer unser Fest. Also warte ich.

Um 22 Uhr schaltet jemand das Licht aus, ruft etwas, das ich nicht verstehe. Dann ist es still. Du bist nicht gekommen. Aber morgen, ganz sicher morgen.

Erinnerst du dich daran, wie wir gemeinsam deinen Geburtstag gefeiert haben? Ich weiß noch, wie ich dir in der Küche beim Kuchenbacken geholfen habe. Wobei, naja, du hast gebacken, ich habe Schüsseln und Löffel abgeleckt. Du hast immer Bananenkuchen gemacht. Das war dein liebster. Also war es auch mein liebster. So einfach war das.

Weißt du noch, wie du mich all deinen Freunden vorgestellt hast? Wie du froh warst, dass wir uns alle gut verstanden? Ich glaube, du wolltest es mir nicht zeigen, doch ich habe es gemerkt. Etwas zu tun, was deine Freunde dazu brächte, mich nicht zu mögen, würde ich mir nie verzeihen. Sie sind deine Familie, also sind sie auch die meine. Um 21 Uhr bist du dann mit ihnen weggegangen, hast mir gesagt, dass du bald wieder da wärest. Auch dieses Jahr warte ich darauf, dass du von deiner Party zurückkehrst.

Um 22 Uhr schaltet jemand das Licht aus, ruft etwas, das ich nicht verstehe. Dann ist es still. Du bist nicht gekommen. Aber das ist okay, immerhin bist du an deinem Geburtstag immer länger weg. So um zwei Uhr dürftest du zurückkommen.

Immer wenn du den Schlüssel ins Schloss gesteckt hast, wenn du versucht hast, dich leise ins Bett zu schleichen, habe ich es gemerkt. Ich habe nie etwas gesagt, so getan, als wenn ich schliefe. Wir wussten beide, dass ich ein erbärmlicher Schauspieler war.

Als ich am Morgen aufwache, bist du nicht da. Aber morgen, ganz sicher kommst du morgen.

Erinnerst du dich noch, wie du krank geworden bist? Wie du weinend vom Arzt nach Hause kamst, dich an mich gedrückt hast? Ich habe versucht, dir zu sagen, dass alles wieder gut wird, dass ich für dich da bin. Doch du hast es nicht gehört. Dein Schluchzen tauchte den Raum in Dunkelheit, saugte das Licht meiner Stimme auf. Also war ich still, drückte mich nur an dich. Das war, was du brauchtest.

Auch als ich krank wurde, warst du für mich da. Darum weiß ich, dass du bald zurückkommen wirst. Jetzt, wo ich dich brauche, wo mich langsam das Leben verlässt. Ich bin alt geworden, weiß, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich bin sicher, du weißt es auch. Also warte ich darauf, dass du durch diese Tür kommst, mich in den Arm nimmst und mir sagst, dass alles okay ist. Denn was ist schon Zeit, wenn ich bei dir bin?

Um 22 Uhr schaltet jemand das Licht aus, ruft etwas, das ich nicht verstehe. Dann ist es still. Du bist nicht gekommen. Aber morgen, ganz sicher morgen.

Ich weiß nicht, wie spät es ist, als sich die Tür meines Zimmers öffnet und eine Frau eintritt, die ich nicht kenne.

„Na, altes Mädchen?“ Langsam kommt sie auf mich zu, streicht mir über den Kopf und lächelt mich traurig an. Ich weiß nicht, was sie will, es interessiert mich auch nicht. Also schließe ich die Augen wieder. Das scheint sie allerdings nicht zufriedenzustellen. Im nächsten Moment legt sie mir ein Halsband um, leint mich an und führt mich aus dem Zimmer. Für gewöhnlich gehen wir um diese Zeit nicht spazieren. Trotzdem folge ich ihr in einen Raum, den ich nicht kenne, wo noch mehr Menschen sind, deren Gesichter mir nichts sagen. Alle sehen mich mit einem seltsamen Ausdruck an, der mir nicht gefällt. Dennoch lasse ich mich auf den Tisch heben, lasse mir über das Fell streichen.

„Es wird alles gut, Süße.“ Ich glaube ihr nicht. Ich weiß, wann sie mich anlügen. Dann verlässt auch sie den Raum, lässt mich mit den komischen Männern in Weiß zurück. Ich glaube, es sind Tierärzte.

Ein letztes Mal streicht mir einer über den Kopf, bevor ein anderer mich sticht. Ich weiß nicht, was sie mit mir gemacht haben, aber auf einmal fühle ich mich sehr müde. Ich versuche, wach zu bleiben, doch mein Kopf fühlt sich so schwer an. So schwer. Ich schaue mit bleiernen Lidern zum Fenster und bilde mir ein, dich dort zu sehen. Als ich noch einmal blinzle, bist du fort.

Um 22 Uhr schaltet jemand das Licht aus, ruft etwas, das ich nie wieder hören werde. Dann ist es still.

 

Vita Martina Weiß