Sie waren alle Kinder der Stadt. In der Milchstraßengasse schlenderte Mia mit ihrer Mutter Manuela. Die beiden lachten über etwas, das in einem der großen Schaufenster zu sehen war.
Nur eine Parallelstraße weiter – im engen, schmalen Marsgässchen – drängten sich Christian und Tim durch die Touristenmassen. Sie suchten jemanden. Und dann standen die zwei jungen Männer genau am gegenüberliegenden Ende des Modegeschäfts, über dessen Schaufensterpuppe Mia und ihre Mutter Manuela so gelacht hatten, weil die Figur eine zu kurz geratene Hose präsentierte und dazu ein bauchfreies Top. Kaum dreißig Meter trennte die vier Personen. Sie waren einander so nahe, aber dennoch ganz fremd.
Würden die einen oder die anderen die 13 Stiegen der Sonnstiege hoch- oder hinabsteigen, so entstünde vielleicht ein Gespräch, eine Bekanntschaft, eine Freundschaft. Doch Mia und Manuela nahmen einen großen Schluck aus ihren Coffee to go-Bechern und spazierten weiter, während Christian und Tim die Nummer der von ihnen gesuchten Person wählten und warteten.
Zur selben Zeit ging am südlicheren Ende der Stadt eine Gruppe von Freunden spazieren: zwei Jungs, drei Mädchen. Ihre verwuschelten Haare verrieten genauso wie die müden Gesichter, dass sie die ganze Nacht unterwegs gewesen waren. Erst jetzt begann ihr Weg nach Hause. Dabei lachten die fünf über alles, was anders war, alles, was ihnen neu oder fremd erschien. Sie lachten, weil sie zusammen waren, weil sie Freunde waren. Sie lachten, ohne zu wissen warum, mit einem aufregenden Gefühl des Glücks im Bauch.
Genau unterhalb fuhr die orangene U-Bahn-Linie, die nur vier Stationen von der Milchstraßengasse entfernt war. Im hintersten Wagon saßen eine Gruppe japanischer Touristen und ein altes Ehepaar – Hedwig und Siegfried – mit seinem Pudel, das bei der nächsten Station aussteigen würde, um durch den Stadtpark zu flanieren. Pflichtbewusst hatten sie Sackerl für die Ausscheidungen ihres Liebsten dabei, ein Leckerli, falls er brav das Stöckchen bringen würde, und natürlich seinen Lieblingsball, mit dem er spielte, während die beiden am Ende der Hundezone den Enten in ihrem Teich zusahen.
Ganz in seinem Sitz versunken saß ein junger Mann mit blauen Lippen und schwacher Atmung. Er hatte gerade ein bisschen etwas von seinem Lieblingspulver durch die Nase gezogen und ruhte sich nun mit dem Kopf ans Fenster gelehnt aus. Sein Name war Klaus, aber auf der Straße nannten sie ihn die Schlaftablette, weil er niemals munterer wurde als ein Faultier.
Im Stadtpark selbst gab es neben der Hundezone einen Spielplatz für Kinder. Dort spielten gerade die Zwillinge Lukas und Lisa miteinander. Sie waren vier Jahre alt und saßen auf der Wippe, während ihr Vater rauchend den Kinderwagen ihres kleinen Brüderchens auf und ab schob.
Von den Baumwipfeln aus beobachtete  sie Marcel – den dreizehnjährigen Schulschwänzer, der noch nicht genug Mut gesammelt hatte, um der Familie unten zu sagen, dass er eigentlich auch dazu gehören würde – hätte seine Mutter seinem Vater nicht verschwiegen, dass sie bei ihrem One-Night-Stand vor fast vierzehn Jahren schwanger geworden war.
Zwischen dem Park und der U-Bahn-Station Milchstraßengasse gab es ein kleines Café und Pub. Im „Fremden Mann“ betreute Silvia Siebenstern ihre Gäste mit einem niemals endenden Lächeln auf den Lippen.
Am Vorabend hatten an der Bar zwei Jungs und drei Mädchen gesessen. Am Morgen hatten sich Mia und ihre Mutter Manuela einen Coffee to go geholt, bevor sie in der Milchstraßengasse ihre Schaufenstertour gestartet hatten. Gleich danach waren Christian und Tim vorbeigekommen, um zu fragen, ob die Person, die sie suchten, hier gewesen war.
Bald schon würden Hedwig und Siegfried mit ihrem Pudel kommen, um ein frühes Mittagessen zu sich zu nehmen, während aus dem Stadtpark ein freudiges Quietschen herüberwehen würde – von Lukas und Lisa, die gerade erfuhren, dass sie einen älteren Bruder hatten.
Kurz darauf würde eine Gruppe japanischer Touristen vorbeikommen, um nach dem Weg zur Sternwarte zu fragen. Die Polizei würde gegen Abend erscheinen – mit einem Foto von Klaus, der Schlaftablette, in der Hand, um seine Identität zu bestimmen, da er in der U-Bahn an einer Überdosis gestorben war. Silvia kannte ihn, genauso wie sie Mia, Manuela, Christian und Tim kannte. Genauso wie sie die zwei Jungs und drei Mädchen kannte und das alte Ehepaar Hedwig und Siegfried mit deren Pudel. Genauso wie sie den Vater von Marcel, Lisa und Lukas und deren kleines Brüderchen kannte.
Denn auch wenn all diese Kinder der großen Stadt einander fremd waren, so kam es doch, dass sie dasselbe Caféhaus und Pub liebten, indem Silvia Siebenstern jeden Tag Kaffee einschenkte, Essen richtete und mit ihren Gästen plauderte, als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun.

Vita Viola Rosa Semper

wurde 1996 in Horn geboren. Ihre Begeisterung für Literatur zeigte sich schon früh mit dem ununterbrochenen Erzählen von Geschichten.
Nach der Matura 2013 begann Viola Rosa Meteorologie an der Universität Wien zu studieren. Trotz des naturwissenschaftlichen Studiums hat sie die Liebe zu Büchern und zum Schreiben nie verlassen. So machte sie sich 2017 als Schriftstellerin und Texterin selbstständig.
Seit 2015 werden regelmäßig einige ihrer Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Anthologien veröffentlicht, darunter auch „Das alte Fotoalbum“, das den
1. PERGamenta-Publikumspreis gewann.
Weitere Texte der in Horn und Wien lebenden Schriftstellerin sind auf viola.semper.at zu lesen. Außerdem verfasst sie regelmäßig Reiseblogeinträge für www.violas-reiseblog.blogspot.com

www.viola.semper.at

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