Richard S. Sleboe / Himmlische Mechanik

Der Fahrradhändler hatte mir das gekapselte Planetengetriebe der Marke Atlas wie geschnitten Brot angepriesen. Es handele sich um deutsche Wertarbeit aus Kressborn an der Argen. Die Konstruktion sei so einfach wie genial. Sie bestehe aus einem axialen Sonnenrad und fünf Planetenrädern in unterschiedlichen Größen. In Kombination mit den sieben Ritzeln der Kettenschaltung käme ich auf 35 Gänge, und Gänge könne man in den Bergen nie genug haben. Das Getriebe sei außerdem vollkommen wartungsfrei. Wartungsfrei klang gut. Anfangs lief auch alles rund. Von Chur bis Bregenz kam ich gut voran. Weil es meistens bergab ging, musste ich kaum schalten. Das Getriebe surrte wie eine Nähmaschine. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, dem Rhein von den Alpen bis zur Mündung zu folgen, aber bei Bregenz verschwand der Rhein im Bodensee. Ich entschied mich, den See auf der Nordseite zu umfahren. Hinter Bregenz kam ich an die erste ernst zu nehmende Steigung. Das Getriebe surrte jetzt nicht mehr wie eine Nähmaschine. Es knirschte eher wie eine Kaffeemühle. Ich hatte auch den Eindruck, das Treten werde schwerer, aber das schob ich auf die Steigung. Als ich die deutsche Grenze passierte, hatte sich das Knirschen zu einem hässlichen Rumpeln gesteigert. Es klang, als würden in der Hinterradnabe Steine geschrotet. Ich musste aus dem Sattel gehen und beim Treten mein gesamtes Gewicht auf die Pedale verlagern, um überhaupt noch voranzukommen. Dabei ging es kaum bergauf. Kurz hinter Wasserburg war Schluss. Die Nabe war blockiert, so dass ich das Rad nicht mal mehr schieben konnte. Theoretisch hätte ich es tragen können, aber praktisch kam das nicht in Frage, denn mit Gepäck wog das Rad mehr als einen Zentner. Auf Anraten des Fahrradhändlers hatte ich nicht nur ein umfangreiches Werkzeugset mitgenommen, sondern auch Ersatzteile für alles, was am Fahrrad kaputtgehen oder verschleißen könnte: Bremszüge, Schaltzüge, Schläuche, Reifen, Felgenband, Ventile, Speichen, Speichennippel, Bremsklötze, eine Kette, drei Meter Beleuchtungskabel, Kabelbinder, ein Reibrad für den Dynamo, Ersatzbirnen für das Rücklicht und den Scheinwerfer. Nur an eine zweite Hinterradnabe hatte ich nicht gedacht.

Ich lehnte das Rad an eine Leitplanke und nahm die Straßenkarte aus der Lenkertasche. Bisher hatte ich knapp 200 Kilometer geschafft. Bis Rotterdam lagen noch über 800 Kilometer vor mir. Der nächste Ort war Kressborn an der Argen. Kressborn an der Argen? Hatte davon nicht der Fahrradhändler geredet? Ich kramte die Garantiekarte aus der Lenkertasche. Tatsache! Atlas-Werke, Kressborn an der Argen. Vielleicht würde man mir dort helfen können. Aus der Hoffnung schöpfte ich neue Kraft. Ich fasste mit der rechten Hand unter den Gepäckträger und hob das Hinterrad leicht an. Mit der linken Hand führte ich den Lenker. Das Vorderrad drehte sich ja noch. Zum Glück war es nicht allzu weit bis zum Werkstor. Der Pförtner versuchte, mich abzuwimmeln, aber ein älterer Herr im blauen Overall, der gerade ausstempeln wollte, hatte Mitleid mit mir.

„Wo drückt denn der Schuh?“

„Mein Getriebe ist im Eimer.“

Er sah sich das blockierte Hinterrad an.

„Das ist doch das neue Planetengetriebe!“

„Genau. Ich bin erst 200 Kilometer damit gefahren.“

„Komm mal mit.“

Er ignorierte das Zetern des Pförtners und führte mich in eine Werkstatthalle. Dort baute er das Hinterrad aus, spannte die Achse in einen Schraubstock und öffnete das Nabengehäuse mit einem Spezialwerkzeug, das wie eine Kreuzung aus Wasserpumpenzange und Bolzenschneider aussah. Sofort purzelten ihm zerbrochene Zahnräder entgegen. Ich versuchte, die Fragmente aufzufangen.

„Gib Dir keine Mühe. Die sind hin.“

„Woran kann das denn liegen?“

Er setzte sich die Brille auf, die an einer Kette vor seinem Blaumann baumelte, und besah sich die Bescherung. Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das ist ein Vorserienmodell. Das hätte überhaupt nicht verkauft werden dürfen.“

„Was ist denn damit nicht in Ordnung?“

„Anfangs haben wir Planetenräder aus Aluminium genommen, um Gewicht zu sparen. Funktioniert aber nicht. Das Sonnenrad ist nämlich aus Stahl, und Stahl ist dreimal so hart wie Aluminium. Die Planetenräder werden einfach zermalmt.“

„Und jetzt?“

„Jetzt bau ich Dir ein neues Getriebe ein. Die Luxusausführung. Mit Planetenrädern aus gehärtetem Stahl.“

„Das kann ich mir nicht leisten.“

„Das geht natürlich auf Garantie.“

Der Mechaniker machte sich an die Arbeit. Eine halbe Stunde später saß ich wieder im Sattel. Das Getriebe lief butterweich. Bis Rotterdam bin ich dann trotzdem nicht gekommen, aber das lag nicht an der Nabe, sondern an meinen weichen Waden. Vielleicht bin ich auch ein Vorserienmodell. Ich hoffe, meine Eltern haben die Garantiekarte aufgehoben.

 

Vita Richard S. Sleboe
kam 1969 als unehelicher Sohn eines liberischen Wanderpredigers und einer Wiener Ballerina in Monrovia zur Welt. Er hat an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main Theologie und Kirchenrecht studiert. 1999 wurde er in Salzburg zum Priester geweiht. Nach unehrenhafter Entlassung aus dem Pfarrdienst lebt er heute als Eremit in Geiselsberg bei Olang in Südtirol. Neben dem Schreiben ist das Radfahren seine zweite große Leidenschaft.

www.sleboe.com

 

 

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