Sie sagen, ich darf das Radio nicht anmachen bei der Arbeit. Außerdem soll ich nicht so oft vor die Tür gehen und mit den Leuten schwätzen.

Ich sag Ihnen was: Ich mache diese Arbeit jetzt schon über zehn Jahre. Genauso lange hör ich Radio und geh vor die Tür, so oft es mir passt. Reden kann ich sowieso, mit wem ich will, erstens, und zweitens: so lange ich will. Das hat noch keinen vom Scheißen abgehalten!

Von denen lass ich mir nichts sagen und verbieten schon gar nicht.

Wissen Sie, mit runtergelassener Hose sehen die alle gleich aus, egal, ob sie drüber einen Schlips tragen oder schicke Seidentüchlein ums Hälschen gebunden haben.

Meine Klobrillen sind blitzeblank, da kann keiner was sagen. Nicht bei mir! Und die Spiegel, die sind picobello! Jeden Tag, egal, wann Sie kommen.

Auf meinem Teller liegt immer was drauf, und nicht nur Rotes und Gelbes. Als einmal eine Frau mit einem weißen Rock kam und ihre Tage hatte, ich mit der Gallseife ran bin und von oben aus der Wohnung den Föhn geholt habe, da hat sie sogar einen Schein drauf gelegt.

Wissen Sie, warum ich das Radio immer laufen hab?
Haben Sie mal Durchfall und gehen in eine der Kabinen, und zwar in die letzte, die frei ist. Da wollen Sie auch nicht, dass jeder mithört.

Ich hab Leute, die kommen immer wieder. Die kommen extra zu mir, das bild ich mir nicht ein. Manche kenne ich sogar mit Namen. Die Frau Lautenschläger hat mir auch schon mal ihre Kleine gebracht, die Lisa, weil sie zum Vorstellungsgespräch musste und der Babysitter ausgefallen war. Da hat sie keinen gehabt, der auf das Kind achtgibt. Seitdem bringt mir die Frau Lautenschläger regelmäßig was vorbei, und wenn es nur eine Schneckennudel ist. Sie hat nämlich jetzt eine gute Arbeit gefunden. Das hat sie auch verdient, wo der Mann so früh gestorben ist. Einfach umgefallen und tot. So schnell kann‘s gehen.

Ich find ja nichts ekelhafter als eine unsaubere Toilette. Und was ich auch nicht gut leiden kann, ist, wenn die jungen dürren Dinger kommen und sich bei mir den Finger in den Hals stecken. Ich weiß ja, dem ist nur ganz schwer beizukommen. Auch wenn sie es fast geräuschlos hinbekommen, ich krieg das trotzdem mit. Die möcht ich dann am liebsten an die Hand nehmen und ihnen sagen, dass man was aus seinem Leben machen kann. Aber da lass ich die Finger von. Die Frau Lautenschläger, die ist jetzt beim Amt, die hat mir das mal erklärt. Das ist was für die Profis. Sollen die mal ran. Die machen ihren Job, und ich mach meinen.

Nur wenn die Kleinen kommen, am Zeugnistag, und sich erstmal ausheulen, da muss ich schwer an mich halten. Ich bin auch nur ein einziges Mal mit einem Mädchen mit nach Hause gegangen. Die hat so furchtbar geweint, da konnte ich nicht anders.

Bei mir können alle ganz beruhigt ihre Geschäfte machen. Das muss keinem peinlich sein. Wir müssen ja alle mal.

Einmal ist einer Frau das Handy ins Klo gefallen, meine Güte, was eine Aufregung. Ich weiß das noch wie heute, die sah nämlich aus wie Marilyn Monroe. Wir haben dann alles geföhnt, und dann ging es tatsächlich wieder. Aber wie oft hat das auch schon nicht funktioniert. Ich versteh zwar nicht, wie einem das überhaupt passieren kann – ich hab auf dem Klo kein Telefon an –, und doch kommt es immer wieder vor, und das nicht zu knapp.

Was ich schon alles gesehen hab! Das wollen Sie gar nicht wissen! Da muss man schon ein bisschen was aushalten können. Ich sag nur eins: Nicht jeder trifft das Loch in der Klobrille! Und Runterspülen ist auch nicht bei allen selbstverständlich.

Die da oben sollen das erstmal besser machen, bevor sie kommen, einen auf dicke Hose machen und mir vorschreiben wollen, wie ich meine Arbeit zu tun hab.

Eins sag ich Ihnen: Wenn die so weitermachen, dann werd ich denen mal zeigen, wo der Hammer hängt. Dann kauf ich nämlich vier, fünf von den Dixis. Und wissen Sie was? Dann bin ich hier tutto completo weg. Und meine Kundschaft, die nehm ich mit! Das glaubst du aber!

 

Marlene Schulz,

* 1961, Studien des belletristischen und journalistischen Schreibens, Stipendiatin am Institut für kreatives Schreiben in Bad Kreuznach, zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien).
www.marleneschulz.info