Lisa Meyer / Kasse Zwei

Sie lässt die Avocado, die laktosefreie Milch und den Rotwein, frei von tierischer Gelatine, über den Barcodescanner gleiten. Piep. 15 Euro und 85 Cent. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ein Glas Rotwein getrunken hat. Auf ihrem 30. Geburtstag, da hatte sie eine ganze Flasche getrunken und danach gefühlsduselig mit David auf dem Balkon gesessen. Sie hatte ihre Beine über seine gelegt und war einfach nur glücklich. Glücklich trotz der vielen Mücken, die in dem Licht der Glühbirne tanzten. Sie waren für einen Moment wieder 20 gewesen, und seit langer Zeit spürte sie wieder das Gefühl von Freiheit. Dann kamen die Kopfschmerzen.

„Mit Karte bitte.“ „Ja klar“, antwortet sie knapp und dreht mit einem geschickten Handgriff das Kartenlesegerät. „Find ich übrigens klasse, dass Sie endlich auch ein paar mehr vegane Produkte im Sortiment haben“, sagt er, während seine Finger die kleinen Tasten drücken. Sie fragt sich, wann sich all die verwaschenen Jeanshosen in Schlafanzughosen mit Schritt zwischen den Kniekehlen verwandelt haben. „Ja, richtig klasse“, antwortet sie sarkastischer als gewollt. An ihrem 30. Geburtstag hatte sie zum ersten Mal eine Guacamole gemacht. Als sie die Avocados mit einer Gabel zu einer grünen Paste zerdrückte, hatte sie das Gefühl, sie sei alt geworden.

Toastbrot, Lasagne, Energy-Drink, Salami. Piep. „Das macht dann bitte 10 Euro und 12 Cent.” „‘Nen Pfandbon hab ich aber auch noch“, murrt der Mann, dessen Körperform sich als quadratisch beschreiben lässt. Sie denkt an die Lasagne bei dem Italiener um die Ecke und ihren Stammtisch hinten links am Fenster. Als sie ihr Abitur bestanden hatte und die Zusage für ein Studium der Psychologie im Briefkasten fand, hatten ihre Eltern David und sie dorthin eingeladen. Sie aß Lasagne, er Spaghetti Carbonara. „Dann bekomme ich noch 3 Euro 25 von Ihnen“, sagt sie. Er öffnet sein Portemonnaie und zieht einen 5-Euro-Schein hinaus. „Sie sehen so aus, als bräuchtense auch mal Urlaub“, sagt er und lächelt sie an. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Sand zwischen ihren Zehen gespürt hat. Doch glaubt sie auch nicht daran, dass das Meer ihr mehr geben kann. „Halb so wild, Kaffee tut’s auch“, sagt sie und lacht. Der Kaffee ist kalt und wässrig, und sie nimmt einen Schluck Wasser aus der pinken Plastikflasche.

Fünf Flaschen Wodka. Piep. Ein müder Blick, aufgedunsenes Gesicht, dünne Finger, die versuchen, einen 50-Euro-Schein zu fassen. Sie weiß noch, wie sie David eines Abends anfuhr, als er sich eine dritte Flasche Bier aus dem Kühlschrank holen wollte. In dem ersten Semester ihres Psychologiestudiums hatte sie gelernt, dass bereits der tägliche Konsum einer Flasche Bier am Abend als Alkoholabhängigkeit zählt. Sie spürt Mitleid, als die Frau eine Flasche nach der anderen in ihren Rucksack packt und, ohne noch einmal aufzusehen, durch die Automatiktür verschwindet. Es scheint, als wolle sie sich vor dem Mitleid, den Blicken und der Welt um sie herum verstecken.

Eine Packung Goldbären und eine Flasche Cola. Der Junge schiebt seinen Schultornister am Kassenband vorbei und bleibt dabei an dem Ständer mit Schokoriegeln hängen. „Oh, ehm, sorry … das war nicht extra“, druckst er, als der Ständer mit einem lauten Getöse in Richtung Boden rasselt. „Na super! Haben die Kinder von heute keine Augen mehr im Kopf?!“, ruft Erika von Kasse drei zu ihr hinüber. „Alles gut, das kann mal passieren“, sagt sie zu dem Jungen, dessen Augen glasig werden. Sie stellt das Regal auf, und der Junge reicht ihr die Schokoriegel, die auf dem Boden verstreut liegen. „Der Boden voller Schokolade, davon habe ich als Kind immer geträumt“, sagt sie und sieht, wie er lächelt. Als Mara ein Jahr alt war, hatte sie ihr das erste Stück Schokolade gegeben. Sie erinnert sich, wie sich ihre kleinen Mundwinkel in Richtung der Ohrläppchen bewegt hatten und David die Schokolade an dem Mundwinkel Maras zärtlich weggeküsst hatte. Sie hatte die beiden angesehen und hatte sich in keinem Moment glücklicher schätzen können.

„Hallo?! Können Sie vielleicht mal eine weitere Kasse aufmachen?“, ruft eine Stimme aus dem Gang zwischen Eiern und Gemüsetheke. Wann haben die Menschen eigentlich verlernt, „bitte“ zu sagen, fragt sie sich. Und wann habe ich fünf Kilo zugenommen? Und wann hat mich das letzte Mal ein Mann unter 75 angelächelt? „Laura? Sag mal, kennst du mich noch? Du bist doch Laura, oder? Wir haben im ersten Semester zusammen Psychologie studiert. Wie weit bist du jetzt? Jobbst du hier oder wie?“, sagt die Stimme nun, nachdem sie nähergekommen ist. Sie denkt kurz darüber nach, die kleine Tür hinter sich aufzustoßen und sich wortlos hinter der Wursttheke zu verstecken. „Ich arbeite jetzt hier. Ich habe das Studium abgebrochen. Das macht übrigens 9 Euro 60“, sagt sie leider weniger bestimmt, als sie es wollte. „Ach nein! Das kann ich nicht glauben, so jemand Talentiertes wie du?!“, sagt die Stimme irgendwo zwischen Schadenfreude und Mitleid. „Einen schönen Tag noch“, antwortet sie und fokussiert den roten Button auf ihrer weißen Bluse: Freundlichkeit erreicht Herzen. In Gedanken nimmt sie dann jedoch eine der Strauchtomaten und imitiert ihren 50-Meter-Schlagballwurf bei den Bundesjugendspielen. Treffer.

Kasse geschlossen. Sie zieht ihre Karte durch die Stempeluhr und hört, wie sich die Türen hinter ihr langsam schließen. Die Geräusche der rollenden Einkaufswagen und piependen Barcodescanner verstummen. Sie zieht ihre Bluse aus und sieht plötzlich wieder aus wie eine junge Mutter, die daran glaubt, dass auf jeden Warentrenner ein neuer Einkauf folgt.

 

Vita Lisa Meyer

Ich studiere derzeit im 7. Fachsemester Germanistik und Sinologie an der Ruhr-Universität Bochum. Im vergangenen Jahr habe ich den ersten Platz bei dem Rezensionswettbewerb des Literature Translation Institute of Korea gewonnen

https://www.facebook.com/lisa.meyer.543

 

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Sie lässt die Avocado, die laktosefreie Milch und den Rotwein, frei von tierischer Gelatine, über den Barcodescanner gleiten. Piep. 15 Euro und 85 Cent. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ein Glas Rotwein getrunken hat. Auf ihrem 30. Geburtstag, da hatte sie eine ganze Flasche getrunken und danach gefühlsduselig mit David auf dem Balkon gesessen. Sie hatte ihre Beine über seine gelegt und war einfach nur glücklich. Glücklich trotz der vielen Mücken, die in dem Licht der Glühbirne tanzten. Sie waren für einen Moment wieder 20 gewesen, und seit langer Zeit spürte sie wieder das Gefühl von Freiheit. Dann kamen die Kopfschmerzen.

„Mit Karte bitte.“ „Ja klar“, antwortet sie knapp und dreht mit einem geschickten Handgriff das Kartenlesegerät. „Find ich übrigens klasse, dass Sie endlich auch ein paar mehr vegane Produkte im Sortiment haben“, sagt er, während seine Finger die kleinen Tasten drücken. Sie fragt sich, wann sich all die verwaschenen Jeanshosen in Schlafanzughosen mit Schritt zwischen den Kniekehlen verwandelt haben. „Ja, richtig klasse“, antwortet sie sarkastischer als gewollt. An ihrem 30. Geburtstag hatte sie zum ersten Mal eine Guacamole gemacht. Als sie die Avocados mit einer Gabel zu einer grünen Paste zerdrückte, hatte sie das Gefühl, sie sei alt geworden.

Toastbrot, Lasagne, Energy-Drink, Salami. Piep. „Das macht dann bitte 10 Euro und 12 Cent.” „‘Nen Pfandbon hab ich aber auch noch“, murrt der Mann, dessen Körperform sich als quadratisch beschreiben lässt. Sie denkt an die Lasagne bei dem Italiener um die Ecke und ihren Stammtisch hinten links am Fenster. Als sie ihr Abitur bestanden hatte und die Zusage für ein Studium der Psychologie im Briefkasten fand, hatten ihre Eltern David und sie dorthin eingeladen. Sie aß Lasagne, er Spaghetti Carbonara. „Dann bekomme ich noch 3 Euro 25 von Ihnen“, sagt sie. Er öffnet sein Portemonnaie und zieht einen 5-Euro-Schein hinaus. „Sie sehen so aus, als bräuchtense auch mal Urlaub“, sagt er und lächelt sie an. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Sand zwischen ihren Zehen gespürt hat. Doch glaubt sie auch nicht daran, dass das Meer ihr mehr geben kann. „Halb so wild, Kaffee tut’s auch“, sagt sie und lacht. Der Kaffee ist kalt und wässrig, und sie nimmt einen Schluck Wasser aus der pinken Plastikflasche.

Fünf Flaschen Wodka. Piep. Ein müder Blick, aufgedunsenes Gesicht, dünne Finger, die versuchen, einen 50-Euro-Schein zu fassen. Sie weiß noch, wie sie David eines Abends anfuhr, als er sich eine dritte Flasche Bier aus dem Kühlschrank holen wollte. In dem ersten Semester ihres Psychologiestudiums hatte sie gelernt, dass bereits der tägliche Konsum einer Flasche Bier am Abend als Alkoholabhängigkeit zählt. Sie spürt Mitleid, als die Frau eine Flasche nach der anderen in ihren Rucksack packt und, ohne noch einmal aufzusehen, durch die Automatiktür verschwindet. Es scheint, als wolle sie sich vor dem Mitleid, den Blicken und der Welt um sie herum verstecken.

Eine Packung Goldbären und eine Flasche Cola. Der Junge schiebt seinen Schultornister am Kassenband vorbei und bleibt dabei an dem Ständer mit Schokoriegeln hängen. „Oh, ehm, sorry … das war nicht extra“, druckst er, als der Ständer mit einem lauten Getöse in Richtung Boden rasselt. „Na super! Haben die Kinder von heute keine Augen mehr im Kopf?!“, ruft Erika von Kasse drei zu ihr hinüber. „Alles gut, das kann mal passieren“, sagt sie zu dem Jungen, dessen Augen glasig werden. Sie stellt das Regal auf, und der Junge reicht ihr die Schokoriegel, die auf dem Boden verstreut liegen. „Der Boden voller Schokolade, davon habe ich als Kind immer geträumt“, sagt sie und sieht, wie er lächelt. Als Mara ein Jahr alt war, hatte sie ihr das erste Stück Schokolade gegeben. Sie erinnert sich, wie sich ihre kleinen Mundwinkel in Richtung der Ohrläppchen bewegt hatten und David die Schokolade an dem Mundwinkel Maras zärtlich weggeküsst hatte. Sie hatte die beiden angesehen und hatte sich in keinem Moment glücklicher schätzen können.

„Hallo?! Können Sie vielleicht mal eine weitere Kasse aufmachen?“, ruft eine Stimme aus dem Gang zwischen Eiern und Gemüsetheke. Wann haben die Menschen eigentlich verlernt, „bitte“ zu sagen, fragt sie sich. Und wann habe ich fünf Kilo zugenommen? Und wann hat mich das letzte Mal ein Mann unter 75 angelächelt? „Laura? Sag mal, kennst du mich noch? Du bist doch Laura, oder? Wir haben im ersten Semester zusammen Psychologie studiert. Wie weit bist du jetzt? Jobbst du hier oder wie?“, sagt die Stimme nun, nachdem sie nähergekommen ist. Sie denkt kurz darüber nach, die kleine Tür hinter sich aufzustoßen und sich wortlos hinter der Wursttheke zu verstecken. „Ich arbeite jetzt hier. Ich habe das Studium abgebrochen. Das macht übrigens 9 Euro 60“, sagt sie leider weniger bestimmt, als sie es wollte. „Ach nein! Das kann ich nicht glauben, so jemand Talentiertes wie du?!“, sagt die Stimme irgendwo zwischen Schadenfreude und Mitleid. „Einen schönen Tag noch“, antwortet sie und fokussiert den roten Button auf ihrer weißen Bluse: Freundlichkeit erreicht Herzen. In Gedanken nimmt sie dann jedoch eine der Strauchtomaten und imitiert ihren 50-Meter-Schlagballwurf bei den Bundesjugendspielen. Treffer.

Kasse geschlossen. Sie zieht ihre Karte durch die Stempeluhr und hört, wie sich die Türen hinter ihr langsam schließen. Die Geräusche der rollenden Einkaufswagen und piependen Barcodescanner verstummen. Sie zieht ihre Bluse aus und sieht plötzlich wieder aus wie eine junge Mutter, die daran glaubt, dass auf jeden Warentrenner ein neuer Einkauf folgt.

 

Vita Lisa Meyer

Ich studiere derzeit im 7. Fachsemester Germanistik und Sinologie an der Ruhr-Universität Bochum. Im vergangenen Jahr habe ich den ersten Platz bei dem Rezensionswettbewerb des Literature Translation Institute of Korea gewonnen

https://www.facebook.com/lisa.meyer.543

 

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