„Schwuchtel!“
Es roch nach Erbrochenem, nach Alkohol, nach abgestandener Luft. Eine Bierflasche rollte einsam über den Boden, immer wieder, von Wand zu Wand. Vor, zurück. Vor, zurück.
„Guck mich an, du Schwuchtel!“
Daniel blickte demonstrativ aus dem Fenster. Dort sah er nur die nichtssagende Dunkelheit des U-Bahn-Tunnels.
Das Kichern der Mädels, ihr schadenfrohes Gackern, es schmerzte in seinen Ohren. Er hatte Kopfweh, ihm war übel, seine Haut klebte. Das Glitzer an seinen Schläfen, Überbleibsel der Party, verursachte Jucken auf seiner Haut. Er wollte nur endlich duschen. Seine Füße taten weh, genau wie sein Rücken. Sein Mund war trocken, er hatte nichts mehr zu trinken dabei. Er wollte einfach nur nach Hause. Wasser, Kopfschmerztablette, duschen. Dann endlich ab ins Bett. Er hatte keinen Nerv dafür. Nicht jetzt.
Die Jugendlichen standen ganz in seiner Nähe, zwei der Jungen waren weiter auf ihn zugekommen, eines der Mädchen tanzte um sie herum.
„Ey!“, rief einer der Jungen nun laut. „Bist du dumm oder was?“
Die anderen lachten. Betrunkenes, nerviges Lachen.
Die nächste U-Bahn würde erst in einer halben Stunde fahren. Er wollte nicht aussteigen. Er wollte nur heimfahren, ohne dass irgendwelche Halbstarken, die noch keine Haare am Sack hatten, meinten, sie müssten nun ausgerechnet an ihm vor ihren Tussis ihre Stärke demonstrieren.
Die Beleidigungen wurden hässlicher, die Stimmen lauter. Und es wurde schwerer, sie zu ignorieren. Wäre es doch besser, auszusteigen? Aber was, wenn sie mit ihm kämen?
Plötzlich setzte sich jemand auf den Sitz neben ihm. Daniels Herz schlug hart gegen seine Rippen. Er versuchte, das verschwommene Spiegelbild des Mannes zu erkennen. Glatze. Tattoos, die an der Seite seines Gesichts begannen und sich über seine Arme entlang nach unten zogen. Grobschlächtiges Gesicht, breite rote Nase. Der Geruch von Alkohol verstärkte sich noch.
„Ey!“, brummte der Typ und stieß Daniel mit der Schulter an. Daniel griff instinktiv nach seiner Tasche. Die Stimmen in seinem Kopf stritten. Noch elf Stationen bis nach Hause. Zu weit, um zu laufen. Zu kalt, um eine halbe Stunde zu warten. Zu müde. Nein, steig aus! Mit denen kannst du es nicht aufnehmen. Willst du totgeschlagen auf dem Boden enden und, fast schlimmer noch, die nächsten drei Tage auf dem Cover der Bildzeitung?

„Ich habe dich gar nicht erkannt. Wie geht es deiner Mutter?“
Daniel blinzelte, drehte sich langsam zu dem Typen um. Er kannte ihn nicht. Nie gesehen. Ganz sicher.
Obwohl er nach Alkohol roch, war der Blick des Mannes klar und irgendwie beruhigend.
„Gut“, murmelte Daniel deshalb zögernd.
„Muss mal wieder bei euch vorbeischauen.“ Der Typ sprach ein wenig zu laut, saß breitbeinig und schräg neben ihm, schirmte ihn dadurch von den Jugendlichen ab. Als Daniel hörte, dass die Rufe nachließen und ihr Kichern verebbte, begriff er, wenn auch etwas verzögert: Der Typ wollte ihm helfen.
„Ja, da würde sie sich freuen“, erwiderte Daniel. Sein Mund war so trocken, dass seine Zunge an seinem Gaumen klebte.
Aus den Augenwinkeln sah er, dass die Jugendlichen sich langsam entfernten und sich schließlich etwas weiter vorne hinsetzten. Die Mädchen kreischten, irgendjemand machte Musik an. Sie hatten ihre Aufmerksamkeit anderem zugewandt.
Fünf Stationen später stiegen sie aus. Der Mann blieb so lange neben ihm sitzen. Erst als die Türen sich hinter ihnen geschlossen hatten und die Bahn anfuhr, stand er auf.
„Danke, das … das war nett“, stammelte Daniel.
Der Mann nippte an seinem Bier, ehe er abwinkte. „Kein Ding.“
Damit stellte er seine nun leere Bierflasche an die Wand und verschwand wieder auf seinen Platz.
Als die Bahn das nächste Mal hielt, stürzte die Bierflasche um. Nun rollte auch sie durch die langgestreckte U-Bahn. Damit war die andere Flasche nicht mehr so einsam.

Vita Leander Milbrecht

ist 26 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Berlin. Er hat an der Freien Universität Germanistik studiert und jobbt derzeit in einer Bar. Die vielfältige Inspiration, die Berlin einem bietet, und die Hassliebe, die sie in einem weckt, verarbeitet er in seinen Geschichten.