(1)

Es ist Sonntag. Aus irgendeinem Grunde hast du mich angerufen und willst nun nicht hören, was ich zu erzählen habe. Du fragst mich nach meinem Tag. Er war gut und schlecht. Ich habe mich gefreut und geärgert. Ich war einsam, suchend, kontaktfreudig, wie so oft in letzter Zeit. Aber all das erzähl ich dir nicht, denn ich höre deine Hände über die Tasten am PC huschen, ein Tippen im Hintergrund, das mich nicht weiterreden lässt. Ich sehe deinen Blick Tagesnachrichten lesen und atme unsere Leere durchs Telefon ein. Ich warte darauf, dass etwas passiert. Vielleicht legt jemand einen Schalter um …

(2)

Gestern schlenderte ich über die Lange Gasse, als ich sie im Café am Marktplatz entdeckte. Sie hatte ein blau gepunktetes Kleid an und schrieb unermüdlich dicht gedrängte Buchstaben in ein kleines Buch. Vielleicht war sie in Begleitung, vielleicht war sie allein. Das ließ sich nicht ausmachen. Neben ihr stand ein Wanderrucksack und vor ihr ein Cappuccino. Ihr braun gelocktes Haar war zerzaust. Ihre Brille hatte sie neben der Tasse abgelegt. Ich war erstaunt, wie wenig mich ihr Anblick überraschte, geschweige denn beunruhigte. Ich hoffte bloß, dass sie auch mich erkennen und sie mir eine Zeile in ihren Aufzeichnungen widmen würde.

(3)

Bevor ich das Haus verlasse, überprüfe ich, ob ich den Herd ausgeschaltet habe und ob die Stecker von Wasserkocher und Waschmaschine gezogen sind. Ich schließe die Wohnungstür zweimal ab und verlasse das Haus. Auf dem Weg zur U-Bahn vermeide ich es, auf Gullydeckel zu treten. Am Fahrkartenautomaten löse ich meinen Fahrschein mit dem bereits vorher abgezählten Geld. Ich steige vorne, direkt hinter dem Fahrer ein. Beim Aussteigen lasse ich mindestens eine Person vor, sodass ich nicht auf den Türknopf drücken muss. Bei Dunkelheit fahre ich nicht. Bisher haben all meine Berechnungen gestimmt, und mir ist nie etwas zu Schaden gekommen.

(4)

In Frankfurt kam ich ans Radfahren. Ich fuhr jahrelang auf der falschen Seite des Radwegs, ohne Licht und ohne Helm. Ich nahm einem Porsche-Cabrio die Vorfahrt, der mich als „Öko-Schlampe“ beschimpfte. Ich fuhr bei Rot und gegen die Richtung durch Einbahnstraßen. Einmal fuhr ich auf der linken Seite des Fahrradwegs und wusste, dass hier besondere Vorsicht geboten war, denn abbiegende Autos rechneten nicht mit mir: Ich passte auf und der Autofahrer mit seiner abrupten Bremsung auch, aber die Fahranfängerin hinter ihm nicht. Sie fuhr auf, zerdepperte ihm das Rücklicht und weinte große Krokodilstränen. Seitdem halte ich mich an alle Regeln.

(5)

Frau Schneider war eine sympathische, fröhliche Frau, die jeder gern hatte. Sie grüßte selbst an Regentagen wie der strahlende Sonnenschein, sodass jeder nach einer Begegnung mit ihr entschlossen war, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Eines Tages bekam sie einen Mann und drei Kinder. Zu geben lag in ihrem Naturell, und so wurde sie – ohne es zu merken – die perfekte Hausfrau und Mutter. Ihr Leben bestand aus Kochen, Putzen, Aufräumen und dem Erledigen von diversen Fahrdiensten für die inzwischen jugendlichen Kinder. An einem Donnerstagmorgen stellte sie erschrocken fest, dass sie die alte Frau Schneider vermisste, und verließ das Haus.

 

Vita Ina Maria Simon (* 1978 in Freudenberg)
lebt in Frankfurt am Main. Sie schreibt Miniaturen über Alltägliches. Seit 2016 ist sie Mitglied der Darmstädter Textwerkstatt von Kurt Drawert.

Zu den Texten:

Die Texte stammen aus der Reihe „Hundert“, in welcher jeder Text aus hundert Wörtern besteht.

Die Texte wurden noch nicht veröffentlicht.

Reihenfolge und Auswahl der Texte sind variabel.