Claire Walka / Hotel der Träume

Es ist mitten in der Nacht. Ich stehe am Fenster und schaue in die Dunkelheit, auf die Lichter und den Himmel, der schon nicht mehr ganz dunkel ist.
Ich bin im «Hotel Marzeń», einem unscheinbaren Hotel, dem man seine Vergangenheit ansieht. Die ausgeblichenen Tapeten in den Gängen, die nackten Glühbirnen, die altmodisch gemusterten dunklen Teppiche. Es ist, als habe das «Marzeń» seinen eigenen Untergang überlebt.

Hier hört man auf, etwas zu fordern. Von anderen, von sich selbst. Man strebt nach nichts mehr, schon gar nicht, wenn man müde ist. Müde vom Alltag. Zu müde zum Schlafen.

Aus diesem Alltag glatter, makelloser Wände flüchte ich in ein Schlupfloch. Kann in jenem verborgenen Hohlraum frei von Augen und Urteilen endlich ich selbst sein. Durchatmen.

Die meisten Geschäftskollegen bevorzugen Glasfassaden, geräumige Eingangshallen, einen weiten Blick über die Stadt. Pool, Sauna, üppige Frühstücksbuffets.

Von meine Vorliebe weiß keiner.

Auch hier will der Schlaf nicht kommen, ich bin hellwach und zugleich froh, die Bedrängnis losgeworden zu sein. Panik, die mich in sterilen Hotelzimmern überfällt, wenn ich einfach nicht schlafen kann und spüre, dass die Nacht bald vorbei ist. Mein Herz. Sein Pochen.

Im «Marzeń» hört alles Denken auf. Selbst das Wachen ist eine Form von Schlaf, eine Art Trance, ein Übergang.

Ich öffne vorsichtig die Tür und taste mich barfuß durch die schmalen Gänge. Kaum beleuchtet sind sie, man verliert leicht die Orientierung. Alles ist ruhig, so spät ist es also schon, kein Lachen, keine Wortfetzen, keine Musik, nur Stille. Ganz anders als vor ein, zwei Stunden noch.

Vor allem junge Leute steigen hier ab, Backpacker, Studenten, Gruppen auf der Durchreise. Sie alle schlafen, während ich unbemerkt durch Hell und Dunkel gleite. Oder existiere vielleicht nur noch ich in dieser verlassenen Welt?

Aber dann, wie aus dem nichts, steht sie da. Vollkommen in sich gekehrt, weit abwesender als ich. Ihre dunklen Haare sind ganz kurz geschnitten, und große weiße Kugeln hängen an ihren Ohren. Sie hört mich nicht kommen, der Wasserkocher auf dem Flurtisch sprudelt heftig. Als er sich ausschaltet, gießt sie gedankenverloren Wasser in ihre Tasse. Dann erst bemerkt sie, dass sie nicht mehr allein ist, doch statt zu erschrecken, schaut sie mich nur ein wenig scheu an und lächelt. Sie sagt etwas, was ich nicht verstehe. Ich antworte nicht, lächle nur zurück. Da holt sie ein Päckchen Instantkaffee aus ihrer Hosentasche und hält es mir hin. Ich weiß so nicht, was ich tun soll, nehme es, aber ich habe ja keine Tasse dabei. Sie nickt, schaut traumverloren zurück in ihre Tasse und führt sie ganz langsam an den Mund. Sie nimmt einen Schluck, driftet weiter ab, ist wieder ganz woanders. Die Tasse noch an den Lippen, wendet sie sich ab. Sie sieht mich nicht noch einmal an, hat mich längst vergessen. Langsam geht sie davon, Schritt für Schritt, vorsichtig, damit nichts aus der Tasse schwappt, wie eine Seiltänzerin, ruhig und bedächtig. Balanciert ins Undefinierbare, kurz im Lichtstrahl, dann im Schatten, bis sie ganz im Dunkel des Gangs verschwindet. Sich auflöst wie ein Traum.

Ich bleibe im Nebel zurück. Zweifle einen Moment. Vielleicht habe ich mir die Begegnung nur eingebildet. Aber da ist noch das Instant-Kaffee-Päckchen in meiner Hand. Ich trete einen Schritt vor, unter die Lampe. Und dann sehe ich, dass auf dem Tischchen an der Wand, eben noch vom Wasserkocher verdeckt, eine zweite Tasse steht, genauso eine wie ihre. Ich nehme die Tasse und tue, was sie vor mir getan hat. Imitiere sie, ihre Bewegung, ihre Langsamkeit, ihre in sich gekehrte Freundlichkeit. Der Espresso schmeckt angenehm, belebend, beruhigend. Mit der Tasse in der Hand gehe ich davon, die Füße wie sie langsam voreinander setzend. So wandle und wandere ich durch die Windungen des Hotels. Bis ich ankomme. Dort, in meinem Schlupfloch. Wo ich bin, wo ich überlebe. Für eine Nacht, für eine kleine Ewigkeit.

Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, bin ich unendlich müde. Anders müde als sonst.

Ich schaue nicht länger nach draußen, nach drinnen, nicht mehr dahin, wo das Leben spielt. Lege mich einfach nur hin. Schließe die Augen. Vergesse. Und schlafe so tief wie lang nicht mehr.

 

Claire Walka

* 1978 in Stuttgart, lebt und arbeitet als Cutterin, Filmemacherin und Autorin in Hamburg. Ihre Kurzfilme sind international auf Festivals zu sehen, und sie veröffentlichte Kurzprosa und Lyrik in Anthologien und Zeitschriften, z.B. in Federlesen (Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung), Szene Hamburg, DUM, Dachkammerflimmern (Dölling und Galitz Verlag), LUKS-Magazin oder Wer kriegt die Krise (Berliner Wissenschafts-Verlag). Sie ist Mitglied im Forum Hamburger Autorinnen und Autoren sowie im Vorstand des writers‘ room.

Seit Januar 2017 liest und performt sie als Teil von NOiSY HEART bei der Lesereihe Smells like Writers‘ spirit im Kir.

In ihren Filmen und Geschichten geht es oft um zufällige Begegnungen, die Poesie des Alltags, atmosphärische Momente oder abseitige Orte.

www.clairewalka.de

Writers‘ Room: www.writersroom.de

Forum: www.forum-hamburger-autoren.de

 

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