Die Olivenbäume sind noch nicht groß genug, um die trockene Erde und die erhitzten Menschen mit ihrem Schatten zu kühlen. Klein und knorrig ragen sie aus dem lehmigen Erdboden hervor, strecken ihre schmalen Blätter der Sonne entgegen, als könnte ihnen die glühende Hitze des türkischen Sommers nichts anhaben. Unter meinem Zopf spüre ich, wie sich die warme Luft staut und keinen Ausweg findet, als hätte jemand eine Plane über mich gelegt und vergessen, sie abzunehmen. Die Händler haben einfache Dächer aus Holzplatten über ihre Stände gebaut, um ihr Obst und Gemüse und vielleicht auch sich selbst zu schützen. Mit der Geduld von Jahren harren sie hinter ihren wackligen Tischen aus, auf denen sie stolze Türme aus ihrer Ernte gebildet haben.

Innen schüchtern, außen selbstbewusst, gehe ich an den Tischen entlang, versuche einzelne Wörter aus den Gesprächen zwischen Verkäufern und Kunden zu verstehen. Teilweise gelingt es mir, doch die vollständigen Sätze entziehen sich meinem angestrengten Verstand, sie streifen meine Ohren und winden sich geschickt wie eine Schlange heraus, ohne viel mehr als ein paar Spuren des vertrauten Klangs zu hinterlassen. Ein fernes Geräusch, mit dem ich aufgewachsen bin, aber doch zu unregelmäßig, um es in Sprache umwandeln zu können.

Das Obst und Gemüse ist sonnengereift und regional, wahrscheinlich sogar bio, aber nicht aus Luxus und Idealismus, sondern weil es nicht anders geht. Regional heißt hier, vom Feld direkt hinter dem Markt und ganz ohne Siegel oder Zertifikat. Vor einem Tisch bleibe ich stehen. Die Auberginen sind hoch aufgetürmt, jede einzelne ist viel kleiner und schmaler als die groß gezüchteten in den deutschen Supermärkten, die einem geschmacklos und rau wie Papier im Mund liegen. Ich möchte eigentlich nur ein halbes Kilo, doch mir fällt die Vokabel für „halb“ nicht ein. Ich gestikuliere und lächle. Der ältere Mann versteht mich nicht, er runzelt seine Stirn, dunkel von der sonnigen Feldarbeit, und hebt seine Hände, rau und zerschlissen vom Ernten. Es ist ungewöhnlich, auf dem Markt nur eine Handvoll Gemüse zu kaufen, also nehme ich ein ganzes Kilo vom Händler entgegen, auch wenn es mehr ist, als ich essen kann.

Mein Türkisch ist auf wackligem Fundament gebaut, nicht erdbebensicher, eher eine Sandburg, die eine Geschichte über die Architektin verrät. Man erkennt, dass sie sich Mühe gibt, man sieht das ein oder andere Türmchen, doch manche Zinnen sind kurz vor dem Einsturz und müssten repariert werden, um sie zu retten, außerdem ist der Garten stark vernachlässigt, und der Bau der Außenmauer wurde noch nicht einmal begonnen.

Sie sehen meine helle Haut und meine grünen Augen, sie hören meinen Akzent und die Unsicherheit meiner Wortwahl. Doch so groß die Auswahl an Lebensmitteln ist, andere Sprachen sind nicht im Angebot, der Reichtum dieser Menschen liegt woanders. Ich sehe sie an, und sie wissen nichts über mich. Ich will ihnen sagen, dass ich keine Fremde bin, dass auch ich in dieses Land gehöre, zumindest zur Hälfte, mindestens mit der Hälfte meines Herzens. Jede Vokabel, die mir fehlt, ist eine verpasste Chance.

Am Ende des kleinen Marktes steht eine Vitrine auf Rädern, die Scheiben sind von einem roten Gestell umrahmt, darin liegt ein Stapel mit großen, runden Teigblättern, in hauchdünner Perfektion und hell wie das Weizenmehl, aus dem sie hergestellt sind. Gebratene Teigtaschen, gefüllt mit Weißkäse und Spinat, tauchen vor meinem geistigen Auge auf, Erinnerungen an die Hände meines Vaters, wie er die Teigblätter in lange Bahnen schneidet und die Füllung mit geübten Fingern platziert. Vor der Vitrine stehend fühle ich mich wohl, fast wie zuhause, und die junge Frau, die dahintersteht, lächelt mich an.

Ich zeige auf den Yufka-Teig und sage: „Bir, lütfen.“ Eins, bitte. Die Frau schiebt eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr und lächelt mich an. Die Tatsache, dass ich offenbar etwas mit den unscheinbaren Teigblättern anfangen kann, zeigt ihr einen Teil von mir, den ich mit Worten nicht ausdrücken konnte. Kochkünste statt Sprache.

„Bir?“, fragt sie und hebt zweifelnd ihre Augenbrauen, sodass ihre dunklen Augen noch größer wirken.

Ich denke an die Olivenhaine, an denen ich vorbeigefahren bin, an das Meer, das nie weit entfernt scheint, an die Sprache, deren Klang ich schon so lange kenne und die mich doch vom Leben hier trennt. Ihre Augen sagen, dass auch sie die verschiedenen Gerichte liebt, dass sie findet, ich sollte lieber mehr Teig nehmen, denn von den knusprigen Schichten könne man nie genug bekommen, dass sie den Teig heute Morgen ganz frisch ausgerollt hat und er sich im Kühlschrank einige Tage hält. Die Zweifel und die Anspannung fallen von mir ab wie reife Oliven von einem Baum.

„Iki“, sage ich schließlich. Zwei. Sie nickt wissend und zufrieden, als hätte sie nichts anderes erwartet. Mit einigen schnellen Handbewegungen, die von Routine erzählen, hat sie den hauchdünnen Teig zusammengefaltet und in eine Tüte gepackt, die sie mir über die Vitrine reicht. Ich weiß, zuhause werde ich den Teig auspacken, so vorsichtig auseinanderfalten wie einen gläsernen Vorhang, und trotzdem wird er unter meinen ungeübten Händen reißen. Ungeachtet dessen vertraut sie ihn mir an, und keine Sprache trennt unser Lächeln mehr.

 

Vita Aylin Ünal:

Ich bin Berlinerin und liebe diese Stadt. Aber Heimat ist manchmal kein geografischer Ort. Beruflich mache ich „was mit Medien“, in meiner Freizeit versuche ich, mich selbst als Autorin und Schauspielerin besser kennenzulernen.