Wenn die Tage Flügel erhalten und mich hinforttragen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Wenn die Stunden nach mir greifen und mich fremdsteuern, ohne meine Einwilligung. Wenn die Summe meiner Worte nicht mehr ausreicht, um die offenen Fragen zu beantworten. Wenn dann nichts wäre, Mauer, Grenze, Netz oder Schlinge. Wenn dann nichts wäre?

Bereits als ich diesen Tag begann, wusste ich, dass es kein guter Tag werden würde. Ich hatte viel zu viele Termine und wusste, dass ich am Ende am Ende sein würde. Erst die Kinder, dann der Arbeitsweg, dann der Job, dann die Kinder, dann der Zahnarzt, dann der Heimweg. So war ich um 08:20 Uhr froh, endlich im Büro angekommen zu sein, und um 12:45 Uhr wiederum froh, die ersten Meetings geschafft zu haben, und um 16:10 Uhr froh, den Zahnarzt verlassen zu haben, und um 16:20 Uhr froh, mit den Kindern im Auto zu sitzen und den Heimweg antreten zu können. Das Radio erzählte eine Geschichte, und der Rücksitz lärmte, als ich dieses Blitzgerät an der Seite stehen sah. Instinktiv wollte ich dir mitteilen, dass du hier nicht zu schnell fahren solltest, und sah mich nach etwas um, was mir später die Beschreibung der Örtlichkeit erleichtern würde. Der Name der Querstraße, die Bezeichnung der

Die Bremse! Nur noch die Bremse!!! Verdammt, ich bremste. Ich bremste, so heftig ich nur bremsen konnte! Doch es half nicht mehr viel. Ich konnte vor meinem inneren Auge bereits unzählig oft abspielen, was sich gleich ereignen würde, bevor es nach diesen Ewigsekunden zu dem Aufprall auf das vor mir (nicht mehr) fahrende Auto kam.

Was nun folgte: Blechschadengucken, Kinderweinentrösten, Warndreieckaufstellen, Telefonierversuche, Ewigkeit, Stau, Unfallgegnerärger, Kälte, Polizei, Dämmerung, Angst.

Ich brauchte drei Anrufversuche, bis ich dich erreichte. Du versprachst zu kommen, und du versprachst zu organisieren, dass die Kinder nach Hause gebracht werden. Weitere unzählige Kaugummiminuten vergingen nicht, bis die Kinder abgeholt wurden und du bereits in völligem Dunkel mit einem Abschleppseil auftauchtest. Ich konnte nicht denken und hatte nicht die Kraft zu widersprechen, als du mich anwiesest, den Wagen abzuschleppen. Natürlich hatte ich das noch nie zuvor gemacht und stellte mich unglaublich dämlich an, ganz zu schweigen davon, dass ich panische Angst davor hatte, mich wieder hinter ein Steuer zu setzen. Doch ich gehorchte, und du gabst hinter mir in dem kaputten Wagen die Bremse …

Später am Küchentisch konnte ich lange meine Fassung nicht wieder gewinnen. Wie sollte ich das nur bezahlen? Wie sollte ich jetzt ohne Auto zurechtkommen? Wie sollte ich mit all diesen Menschen telefonieren? Ich war starr vor Angst und wollte nur noch weinen. Ich nahm die Beine in die Hand und kümmerte mich um die Kinder. Brachte sie zu Bett, kuschelte und sprach beruhigende Worte. Worte, die ich selbst nicht glaubte, aber ich log, dass sich die Balken bogen, und da bemerkte ich endlich, dass wir alle gesund waren, und dankte Gott dafür, dass dem so war.

Neben all dem sah ich dich telefonieren, und du legtest deinen Arm um mich. Du sprachst in nettem Ton mit der Versicherung und regeltest das einfach. Ich saß dann einfach nur da und überlegte wirres Zeug – ein Auto, kein Geld, Urlaub streichen, Fahrt zur Arbeit, Kinder abholen, Zug fahren, nie wieder Auto fahren. Mir wurde immer übler, und ich hätte mich gern übergeben. Verzweifelt suchte ich den Sand für meinen Kopf.

Du unterdessen warst schon wieder am Telefon und sprachst mit Hanno. Er würde mich morgen früh abholen, sagtest du, und dass ich ins Bett gehen solle. Ich schlief nach einiger Zeit ein und wachte immer wieder unruhig auf. Ich sah dich vor dem Rechner sitzen, bis tief in die Nacht. Ich verstand nicht.

Am nächsten Morgen war ich soweit wiederhergestellt, dass man vernünftig mit mir sprechen konnte, und du verkündetest mir deine Pläne: Im Auktionshaus hättest du die passende Schnauze für mein Auto gefunden, passender Typ, Farbe exakt gleich, Kauf angefragt. Wochenende abholen, Transporter geht klar, du kein Kfz-Mechaniker, aber du traust dir das zu. Außerdem hast du gerade frei genommen für heute, willst den alten Wagen anmelden, der noch in deiner Garage steht, ab morgen vorübergehend dieses Auto. Nun fiel mir erst einmal ein riesiger Stein von meinem starren Herzen.

Drei Wochen später waren deine Pläne tatsächlich umgesetzt. Du hattest das ganze letzte Wochenende am Auto verbracht, und als Resultat sah ich den Wagen, an dem nur noch ein leicht zerknittertes Nummernschild daran erinnerte, was geschehen war. Die ganzen Materialkosten konnte ich auftreiben, ohne den bevorstehenden Urlaub absagen zu müssen, und anschaulich war nun wieder alles in bester Ordnung.

Bis auf uns. Jeden folgenden Tag stieg ich angstvoll in mein Auto und hatte Furcht, dass so etwas wieder passieren könnte. Viele Abende erzählten mir die Kinder wieder und wieder von den Erlebnissen, die sich ihnen stark in die Köpfe eingebrannt hatten. Es dauerte viele Wochen, bis die Zeit ihrer Aufgabe gerecht wurde, bis ich anfing, mir zu verzeihen, und faktisch darüber nachdachte, was ich wirklich tun konnte, um nun wieder zu sehen und zu erkennen und um Angst und Furcht abzulegen. Und ich brauchte ein Jahr, um es erzählen zu können, und noch heute sehe ich das leicht zerknitterte Nummernschild.

Und du? Ich sehe dich an. Und du lächelst. Du stehst da wie ein Fels und lächelst. Danke.

 

Vita Anja Hopstock

Die Autorin lebt mit ihrer Familie in ihrer Wahlheimat Karith in Sachsen-Anhalt. Sie arbeitet als studierte Informatikerin. Das Schreiben ist ihre Leidenschaft und begleitet sie bereits seit ihrer Jugend.