Sowas passiert nur den anderen.

Ich dachte immer, im Lotto zu gewinnen ist unmöglich. Eins zu eine Million oder so. Auf jeden Fall war die Wahrscheinlichkeit so gering, dass man es gar nicht erst versuchen brauchte. Wer im Lotto gewinnt, darüber entscheidet das Schicksal. Nur meinte es das Schicksal leider nie so wirklich gut mit mir. Ein Lottogewinn stand für mich immer in den Sternen.

Sowas passiert nur den anderen.

Das war fast so unmöglich wie, dass die Eltern sich scheiden lassen. Ich hatte von meinen Klassenkameraden gehört, wie hässlich es dabei manchmal zugehen konnte, und dass die Kinder sich zwischen zwei Seiten entscheiden mussten. Aber sowas würde mir zum Glück niemals passieren. Das war nicht meine Realität.

Sowas passiert nur den anderen.

Wenn jemand stirbt ist das schlimm. Ich war schon auf einigen Beerdigungen von entfernten Verwandten gewesen und es war wirklich immer sehr traurig, das muss ich sagen.

Ich habe jedesmal ein bisschen geweint. Und dann habe ich mich gefragt, warum mein Großonkel bei der Trauerfeier sogar lachen konnte, obwohl doch gerade seine Frau gestorben war. Im nächsten Moment hat er sich eine Träne aus dem Gesicht gewischt und ist Richtung Toiletten veschwunden.

Trauer musste etwas schlimmes sein, das hatte ich schon begriffen. Wenn man jemanden vermisst und er nie wieder zurückkommt. Wenn das dann für immer ist. Aber meine Liebsten waren ja bei mir und gesund.

Sowas passiert nur den anderen.

Und dann wird man plötzlich einer von den anderen. Dann bist du plötzlich einer von denen, die Beileidsbekundungen bekommen und Särge analysieren müssen. Dann bist du plötzlich einer von denen, die bei der Beerdigung ganz vorne sitzen und dem Pastor Anektoden für die Trauerrede erzählen.

Dann bist du dabei, wie der Mensch, den du liebst, in ein Erdloch gehievt wird und sich nicht wehren kann. Und du kannst nicht bei ihm sein und nicht helfen, sondern musst zusehen und sogar noch Erde draufschütten. Und dann verstehst du plötzlich, was Ewigkeit bedeutet und dass das eine verdammt lange Zeit ist.

Sowas passiert allen.

Aber das hilft nicht. Nur weil jeder mal trauert und jeder mal sterben muss, macht es das nicht weniger schlimm. Jetzt ist dein Herz nur noch halb. Wenn überhaupt. Und man ist wütend, dass man noch da ist und kann nicht verstehen, warum das Leben einfach weitergeht, als sei nichts geschehen.

Du versuchst für alle da zu sein. Jetzt ist es wichtiger als je zuvor, dass alle zusammen sind. Naja, alle bis auf den, der in seinem Sarg liegt. Dessen Körper verrottet. Und man muss sich übergeben und kann nicht mehr weinen, weil keine Tränen mehr da sind.

Helfen kann dir niemand. Niemand versteht dich. Niemand versteht, dass man jetzt zu den anderen gehört. Dass man am liebsten den ganzen Tag schlafen würde. Aber ohne zu träumen. Definitiv ohne zu träumen! Und alle schweigen es tot.

Sie bekunden ihr Beileid und bieten vielleicht Hilfe an, aber eigentlich merkst du, dass es allen unangenehm ist. Dass du dich zusammenreißen und nicht so viele Gefühle zeigen sollst. Aber das geht nicht. Man weiß nicht, ob das irgendwann wieder gehen kann.

Wenn jemand im Urlaub ist für eine Woche, dann vermisst man ihn. Wenn jemand für ein Jahr im Ausland studiert, dann sehnt man sich freudig nach dem Tag der Rückkehr. Wenn jemand nie mehr wiederkommt, kann man erstmal gar nicht vermissen. Dann ist man taub. Eine ganze Zeit lang, obwohl man weint. Und man weiß, dass, wenn man wieder was spüren kann, dass es dann noch schlimmer wird. Dass man dann vielleicht verrückt wird. Dass man sich selber fühlt, als sei man tot. Denn eigentlich ist man das auch. Denn es ist ein Teil von dir gestorben.

Irgendwann sagt der Körper dann, dass es nicht mehr geht. Und dein Herz tut weh. Also echt jetzt. Dann kriegt man Kopfschmerzen und Durchfall und bekommt keine Luft mehr. Und man hat Hunger. Hunger und Hunger und Hunger. Und dann wieder nicht. Dann kann man tagelang nichts essen. Aber man kocht. Und lässt alles Geschirr stehen, weil das wegzuräumen, erweckt den Menschen auch nicht wieder zum Leben.

Das geht lange so. Sehr lange. Bis man gar nicht mehr weiß, wie es war, einer von den anderen zu sein. Also den anderen anderen.

Und irgendwan kann man wieder ansatzweise ein Lächeln andeuten. Man kann etwas lachen. Und das darf man auch – das soll man auch!

Dann ist man voller Liebe, wenn man an diesen Menschen denkt. Dann stellt man sich nicht mehr vor, wie er da in diesem Sarg liegt, sondern alles ist warm und hell. Man erinnert sich an das, was man zusammen erlebt hat. Man vergibt sich gegenseitig. Vielleicht hilft es, zu beten, vielleicht aber auch nicht.

Man beginnt mit der Person zu reden, obwohl sie nicht mehr da ist. Und man ist sich sicher, dass sie antwortet. Man kann das sogar hören.

Sowas passiert jedem. Und es fühlt sich immer anders an. Aber nicht gut. Es fühlt sich auf jeden Fall nicht gut an. Es fühlt sich an, als sei man selbst bei lebendigem Leib gestorben. Und man fragt sich, warum gerade einem selbst das passiert.

Warum das nicht den anderen passiert.

Dann freut man sich, dass man sich irgendwann wiedersehen wird. Ganz bestimmt. Und dass die Liebe immer noch da ist. Und immer da war und immer da sein wird. Und dann weint man ein bisschen. Aber dann kann man auch wieder Sachen machen, wie zum Beispiel diesen Text hier schreiben.

Und ich denke:

Mein Herz schlägt für uns beide weiter!

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