Ich wurde stutzig, als ich sah, wie Bertha zum Schrank ging und das Geschirr mit dem Goldrand herausholte, was sie nur zu besonderen Gelegenheiten tat, Tassen, Teller, Kaffeekanne, Sahnekännchen und Zuckerdose, alles ganz vorsichtig, als fürchte sie, etwas zu zerbrechen. Wozu denn so viele Umstände, wollte ich rufen. Doch es hatte mir die Sprache verschlagen.
Wie es schien, wurden mehrere Gäste erwartet. Sie deckte für zwölf, mehr gingen nicht um den Tisch herum. Selbst mit zwölf wurde es schon eng. Ab und an wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen. Wenn es ums Feiern ging, war Bertha immer in ihrem Element. Warum sie weinte, war mir schleierhaft.
Als Erstes kam der Pfarrer. Ich wunderte mich, wieso Bertha ihm nicht sofort die Tür vor der Nase zuschlug. Sie wusste genau, dass ich auf Pastoren allergisch reagierte. Doch sie tat ganz freundlich, ja, sie katzbuckelte regelrecht vor ihm, sagte, bitte, hier entlang, Herr Pfarrer, nehmen Sie doch Platz, Herr Pfarrer, und dann führte sie ihn zu meinem angestammten Platz und brachte ihm ein Glas von meinem besten Sherry. Auf Ihr Wohl, Herr Pfarrer. Dass ich nicht wütend aufsprang und ihn eigenhändig durchs offene Fenster warf, war ein Wunder. Ich regte mich immer auf, wenn es um Kirche und Pastoren ging, und obwohl ich mir jedes Mal sagte, bewahre jetzt bloß die Ruhe, verlor ich am Ende doch immer die Beherrschung. Diesmal blieb ich gelassen. Eine Erfahrung, die mich mit dem neuen, in gewisser Hinsicht sehr eingeschränkten Zustand, in dem ich mich befand, ein wenig versöhnte. Kaltblütig beobachtete ich, wie der Herr Pastor hässliche Flecken im Gesicht bekam, je mehr er dem Sherry zusprach. Geschieht ihm recht, dachte ich und rieb mir die Hände – oder hätte es getan, wenn es mir möglich gewesen wäre. Doch in meinem neuen Zustand konnte ich mich weder erheben noch die Hand rühren, sondern war in allem auf den Beobachterposten verbannt. Ich lag, wie mir jetzt erst bewusst wurde, auf einem seidenen Kissen in einer Art Bett, was mich überraschte, da ja Gäste anwesend waren. Immerhin brannten Kerzen, was die Sache etwas feierlicher machte, auch wenn mich der Geruch der Lilien störte, die jemand hinter meinem Kopf platziert hatte. Ich hatte schließlich nicht Geburtstag. Die Sache mit dem Pfarrer ging mir nicht mehr aus dem Sinn, ich versuchte, Bertha ein Zeichen zu geben, aber sie beachtete mich nicht.
Einer nach dem anderen trudelten nun die übrigen Gäste ein, sie sprachen alle sehr leise, als sie ins Zimmer traten, sogar der Bremer Willi flüsterte, der sonst immer brüllte, als ob er auf dem Markt Fische verkaufen wollte. Dann saßen alle da, nippten an ihren Getränken und blickten betreten zu Boden. So richtig in Schwung kam das Ganze nicht. Indessen war ich zufrieden mit meinem Posten, denn aus der liegenden Perspektive eröffneten sich mir ganz neue Einblicke. Ich sah zum Beispiel, wie der Mauser Sepp unter dem Tisch das Knie der Meyer Käte packte und wie sie es nicht nur zuließ, sondern ihm ihr Knie zuwandte, als wollte sie ihn einladen, noch fester zuzufassen. Das war also die Frau, die mir jahrelang geschworen hatte, niemand als ich dürfe sich in diese Regionen vorwagen. So viel zur Treue der Frauen. Überhaupt war es damit nicht weit her, wie ich erkannte. Der Ganzer hatte immer mit der Tugend seiner Frau geprahlt, aber ich konnte deutlich sehen, wie ihre Hand, je weiter das Fest fortschritt, immer näher zum Rücken des Pastors wanderte, und als sie endlich das verbotene Gelände betreten hatte, predigte er ihr nicht etwa das Ende der Welt, sondern nickte ihr auch noch aufmunternd zu. Eins ist sicher: Wenn sie mich das nächste Mal schief ansieht, werde ich ein paar Worte fallen lassen, die ihr das Blut ins Gesicht treiben sollen. Rache ist süß.
Trotz der gedämpften Stimmung fing das Ganze an, mir Spaß zu machen. Je mehr die Gäste tranken, desto deutlicher kam ihr wahres Gesicht zum Vorschein, Runzeln, Altersflecken, Warzen und Äderchen. Selbst die Meyer Käte, die mir doch immer so knackig erschienen war, entpuppte sich nach drei Glas Sherry als alte Vettel. Sollte ein anderer sich zu ihren Knien vorwagen. Mir war der Appetit vergangen. Ich richtete den Blick auf meine beiden Enkel, die immer so lieb sagten, Opa Martin, bei dir ist es doch am schönsten. Doch auch sie verloren auf einmal alle Unschuld. Hoffentlich kriegen wir was, sagten sie und grinsten wie kleine Teufel. Offenbar schien es darum zu gehen, irgendein Erbe anzutreten, auch die Erwachsenen sprachen über nichts anderes. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es sich um mein Vermögen handelte, das sie zu erben hofften. Moment, dachte ich, da habe ich wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden. Sie taten ja, als wäre ich gar nicht vorhanden. Dann begann Bertha zu weinen.
Hört doch auf, sagte sie, er ist ja nicht mal unter der Erde, und ihr redet nur vom Erbe.
Brave Frau, dachte ich.
Aber Bertha war noch nicht fertig.
Denkt nicht, dass ich traurig bin, sagte sie, ich bin nur mit den Nerven runter. So ein Todesfall bringt einen total durcheinander. Im Grunde sollte ich dem Himmel danken. Ihr wisst alle, wie geizig Martin war. In zwanzig Jahren habe ich kein einziges neues Kleid kaufen können, ich war nie im Theater oder im Konzert, nicht mal im Kino. Damit ist jetzt Schluss. Ich hab es schwarz auf weiß: Der Hauptanteil von Martins Vermögen geht an mich.
Ein allgemeines Geschrei erhob sich, jeder erinnerte Bertha daran, wie er ihr geholfen hatte, weißt du noch, vor vier Jahren, als ich dir die vierhundert Euro vorgestreckt habe, und so weiter und so weiter. Ich lachte mir ins Fäustchen, denn ich wusste ja, dass von einem Vermögen gar keine Rede mehr sein konnte. Innerhalb von einem einzigen Jahr hatte ich alles, was ich in mehr als zwanzig Jahren zusammengespart hatte, ratzeputz ausgegeben. Jeden Freitag gegen elf ging ich in ein bestimmtes Haus, wo jemand auf mich wartete, und natürlich kam ich nie ohne ein Präsent. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Ich habe es nicht bereut. Wenn es gerecht zuginge in der Welt, hätte Ina, die mir so viele Wohltaten erwiesen hat, heute mit am Tisch sitzen müssen. Stattdessen saß der Pfarrer auf meinem Platz, erhob sich und hielt eine Rede. Ich fürchtete, er werde anfangen, von dem Tag zu erzählen, an dem er mich mit seiner Haushälterin erwischt hatte. Doch jetzt nannte er mich ein Vorbild für alle Bürger der Stadt. Wie viel bekam ein Pfarrer für seine Lügen? Umsonst machte er das nicht. Beinah hätte ich laut aufgelacht. Keinen Pfennig würde er bekommen. Es war nichts mehr da. Umgewandelt in Liebkosungen, die kein Himmel mir je würde bieten können. Auch Bertha würde enttäuscht werden. Sie spendierte ja nur so großzügig Kuchen, Brot und Wein, weil sie hoffte, dass ein Vermögen auf sie wartete. Geschieht ihr recht, dachte ich. Hätte sie nicht ein klein wenig traurig sein können meinetwegen? Und die anderen? Nicht die Spur von Trauer. Aber ich würde ihnen den Spaß schon verderben. Es sollte mein letzter Streich werden. Sie würden alle leer ausgehen, sogar Bertha, die gerade eine Goldrandtasse betrauerte, die jemand hatte zu Bruch gehen lassen. Tja, meine Liebe, eine neue wird es nicht geben. Nie mehr.
Im Großen und Ganzen war ich zufrieden mit diesem Fest, zu dem sogar der Pastor gekommen war, der gesagt hatte, er werde mein Haus nie wieder betreten. Er trank seinen Sherry und bekam rote Flecken im Gesicht, die ihn noch hässlicher machten, als er ohnehin schon war. Auch die anderen sahen bald ziemlich derangiert aus: Die Meyer Käte keuchte wie eine, die auf dem letzten Loch pfeift. Der Ganzer Karl saß leichenblass vor seinem Glas, weil er inzwischen gemerkt hatte, wohin die Hände seine Frau unterwegs waren. Wie hatte der sich mir gegenüber immer aufgespielt. Jetzt war er so klein mit Hut. Auch die anderen schrumpften zusehends. Endlich hatte ich sie alle durchschaut. Niemand von ihnen sollte mich in Zukunft mehr einschüchtern. Ich hätte jubeln mögen, dass ich diesen Tag noch erleben durfte. Dass ich bereits tot war, spielte am Ende keine so große Rolle. Nobody is perfect. Von dieser kleinen Misslichkeit abgesehen war es mein größter Tag. Einen schöneren werde ich nicht erleben.


Vita