Es wird wieder passieren. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich weiß es ganz genau. Sie ist weg. Und wir sind allein. Er und ich. Wie jedes Mal. Er wird es wieder tun. Wie jedes Mal. Und ich kann nichts dagegen tun. Mich nicht wehren. Sonst gibt es wieder Schmerzen. Schmerzen, die ich verdient habe. Weil ich kein braves Mädchen war. Er kommt zu mir und ich möchte etwas sagen, ich möchte schreien, nach Hilfe schreien, nach meiner Mama schreien, doch ich kann nicht. Denn sie ist nicht da. Hat mich allein gelassen mit ihm. Ich möchte wegrennen, doch ich darf nicht. Er ist schneller, er holt mich ein. Und dann gibt’s wieder Schmerzen. Ich möchte flehen, dass er es nicht tut, möchte sagen, dass ich das nicht möchte, aber das bringt nichts. Denn mein Willen hat keinen Wert. Ich bin egal, ich bin nur ein Spielzeug, das er haben möchte. Ich bin nur da, um benutzt zu werden.
Und plötzlich ist er da und er ist überall. Überall Hände, Hände dort, wo ich sie nicht haben möchte, Hände, Hände, überall Hände. T-Shirt und Strumpfhose scheinen verschwunden zu sein, denn plötzlich ist es kalt und er ist überall. Ich habe Angst, ich wage kaum zu atmen, bitte hör auf, bitte, bitte hör auf, aber er tut‘s nicht. Alles in mir verkrampft, ich bin ohnmächtig. Ich kann nichts tun, nichts dagegen tun, überall sind Hände, ich nehme kaum noch wahr wo, ich spüre sie überall, als wäre er überall gleichzeitig. Er ist über mir, er will immer mehr. Immer und immer und immer mehr. Und es reicht ihm nicht, an mir dran zu sein. Es reicht ihm nicht, alles an mir anzufassen, alles an mir zu besitzen, nein, er will auch in mich hinein. In mich eindringen, um mir alles zu nehmen, was je mir gehört hat. Ich gehöre ihm. Mein Gehirn packt alles in einen Nebel, doch es reicht nicht, um all das nicht mitzubekommen. Wie er sich auszieht, wie er in mich hinein dringt. Wie er auf mir liegt, mich mit seinem ganzen Gewicht gegen den kratzigen Teppich drückt. Wie er mir befiehlt, zu tun, was er will. Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Spielzeug. Sein Spielzeug. Und ich muss tun, was er sagt. Sonst gibt es Schmerzen. Und noch Schlimmeres. Ich muss tun, was er sagt, immer und immer wieder. Dinge, die ich nicht tun will. Dinge, die ich nicht zulassen will. Aber das ist egal. Was ich will, war schon immer egal. Es tut weh, so weh, dass ich schreien will, aber das darf ich nicht. Ich möchte weinen, aber das ist auch nicht erlaubt. Keinen Mucks machen, keinen einzigen Mucks. Ganz leise sein. Und aushalten. Irgendwie. Der Nebel wird dichter, der Nebel will mich beschützen, aber er ist nicht stark genug, er ist stärker. Er wird immer stärker sein.
Und irgendwann ist es vorbei. Er lässt mich los, seine Hände verlassen meinen Körper, er ist weg. Weg. Endlich weg. Vorbei. Endlich vorbei. Er geht raus. Ich liege da und kann mich nicht rühren. Alles verkrampft, alles tut weh. Mein Herz schlägt so laut, dass ich Angst habe, dass man es durch die geschlossene Tür hört, und er reinkommt und mich schlägt. Aber er hört es nicht. Langsam kann ich mich wieder bewegen. Es ist vorbei. Aber nur für heute. Nicht für immer. Ich wünsche mir jedes Mal, dass es für immer vorbei ist. Aber das wünsche ich mir schon ganz lange. Meine Mama sagt, wenn man eine Wimper verliert, dann darf man sie wegpusten und sich was wünschen. Ich wünsche mir jedes Mal, dass das aufhört. Dass er aufhört. Aber es hört nicht auf. Ich hoffe, es funktioniert bei der nächsten Wimper.
Später holt mich Mama ab. Es ist schon spät, und ich muss ins Bett. Ich würde gerne sagen, was er macht, aber das darf ich nicht, sagt er. Weil er sonst Mama und Papa und Oma wehtut. Und mir auch. Und er sagt, dass ich das verdient habe. Weil ich ein böses Mädchen bin. Vielleicht hört es auf, wenn ich ein besseres Mädchen bin. Oder vielleicht nach der nächsten Wunschwimper.
Wie man sich denken kann, hat all das nichts geholfen. Kein Hoffen, kein Bangen, keine Wunschwimpern. Es ging weiter so. Jahrelang. Und keiner hat es gesehen. Keiner wollte es sehen. Nach einigen Jahren sind wir umgezogen, und damit hatte diese Hölle endlich ein Ende. Vorerst. Mein Gehirn blendete es komplett aus. An nichts konnte ich mich erinnern. Es war einfach zu viel, zu viel für ein kleines Kind, das all das nicht versteht. Deshalb ließ mich mein Gehirn vergessen, damit ich nicht zugrunde ging daran. Doch irgendwann hörte mein Kopf auf, sich davor zu verschließen, und ließ die Erinnerungen wieder rein. In mein Bewusstsein. Sie kommen überfallartig auf mich, wie ein riesiger Tsunami, der mich überrollt und ertränkt. Ich falle um, mein Körper zuckt und krampft, was das Zeug hält, und ich sehe all das wieder. Was er getan hat. Was er an mir getan hat. Was er in mir getan hat. Was er gezwungen hat, mich zu tun. Es ist, als würde es immer und immer wieder passieren, wobei es schon lange vorbei ist. Die Erinnerungen suchen mich heim bis heute. Er schickt mich jeden Tag durch die Hölle, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Das ist das Schlimme an einem Trauma: Es lässt dich nicht los. Es lässt dich nicht vergessen. Es sucht dich heim und erinnert dich immer wieder an diese Hölle. Diese Hölle ist ein Teil von dir und wird es immer bleiben, und damit musst du dich arrangieren – für den Rest deines Lebens. Man sagt nicht umsonst, egal was die Täter für eine Strafe bekommen – die Opfer haben lebenslänglich.
Er hat keine Strafe bekommen. Ich habe mich nicht getraut. Zu groß ist die Angst, die Angst vor ihm, vor den Erinnerungen, der Polizei, den Befragungen und davor, ob man mir überhaupt glaubt. Ich versuche vorerst, überhaupt mit mir selbst klarzukommen. Ich wollte so oft all dem ein Ende setzen, springen, den Strick schnüren, die Tabletten nehmen, um all das nicht mehr sehen zu müssen, nicht mehr fühlen zu müssen. Doch das Leben wollte mich nicht loslassen, ich überlebte jedes Mal.
Und ich gab ihm noch eine Chance. Ich habe endlich adäquate Hilfe bekommen. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die mich lieben, so wie ich bin, mit all meinen Macken und Problemen. Ich habe mir etwas aufgebaut, was langsam annähernd einem Leben gleicht. Ich muss immer noch jeden Tag kämpfen, gegen die Erinnerungen, die mich einholen, die Flashbacks, die Krampfanfälle, die unaushaltbaren Gefühle und Gedanken, und oft schleicht sich der Gedanke ein, dass es einfacher wäre, alles einfach zu beenden. Aber nein. Das will ich nicht. Ich bin dabei, die schönen Seiten des Lebens kennenzulernen. Ich möchte Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe und die mir das Gefühl geben, ein Mensch zu sein. Ich möchte lachen, Spaß haben und endlich das Gefühl haben, frei zu sein. Sterben wäre einfacher, ja, aber dann hätte er gewonnen, er hätte mich vernichtet. Aber das wird er nicht schaffen. Er wird nicht gewinnen. Denn ich will leben.