Sebastian wackelte so übertrieben mit der Unterlippe, dass ich mir nur mit Mühe ein Lachen verkneifen konnte. Ich biss mir auf die Zunge und ignorierte ihn, so gut es ging. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die dicke Frau, die bölkend über dem geöffneten Ende des Sargs stand. In der Friedhofssommersonne zeichnete ihr schwarzes Kleid mit jedem Aufschluchzen genauer den darunterliegenden weichen Körper ab und als ich sah, wie ihr Bauchnabel den Stoff verschlang, als wäre er ein kleiner, hungriger Mund, verlor ich die Fassung und stieß ruckartig Luft aus. Die gesamte Trauergemeinde drehte sich augenblicklich zu mir um. Auch Basti war jetzt kurz davor loszuprusten…

„Entschuldigung“, näselte ich. „Heuschnupfen.“

Graue Köpfe wurden geschüttelt und die dicke Frau warf mir auf ihrem Weg zurück in die allgemeine Trauermenge einen missbilligenden Blick zu.

„Mach dir nichts draus“, sagte der Mittsechziger neben mir – er hatte sich als der jüngere Bruder des Toten vorgestellt –, und klopfte mir ermutigend auf die Schulter. „Richard-Friedrich war selbst Allergiker, er hätte das verstanden.“

Aus dem Augenwinkel sah ich Basti fliegenden Schritts über Gräber und Grabsteine davoneilen. Beide Hände hatte er auf den Mund gepresst und obwohl er bereits gut hundert Meter entfernt war und sich hinter einer alten Eiche versteckt hatte, als er zusammenbrach, konnte ich sein Lachen noch deutlich hören. Die Trauernden hingegen schienen nicht bemerkt zu haben, dass gerade einer der vermeintlichen Großneffen des Verstorbenen geflüchtet war. Ich wurde als nächster zum Sarg gewunken. Neben dem Sarg wartete die Witwe und blickte mir aus schwimmenden Augen entgegen.

„Ich habe Sie zwar noch nie zuvor gesehen, aber es ist schön, dass Sie gekommen sind, um Abschied von meinem… meinem… “ Die Alte konnte vor lauter Schluchzen nicht mehr reden. Ich blickte über die Schulter in die Menge. Alle sahen sie mich erwartungsvoll an, also drückte ich das wimmernde Häufchen steifarmig an mich und tätschelte ihr den grauen Dutt.

„Na, na, na. Das hätte – äh – Richard doch nicht gewollt.“

Schon zitterte sie etwas weniger.

„Er war doch eine – äh – Frohnatur! Ein Lebemann!“, setzte ich theatralisch nach.

Die kleine Frau schüttelte sich aus meiner Umarmung und präsentierte mir eine trotzig hervorgeschobene Unterlippe. War meine Ansprache vielleicht doch etwas zu plump gewesen?

„Sie haben völlig Recht! Mein Rifrie wäre sicher furchtbar enttäuscht, wenn er mich so sehen könnte.“

Das plötzlich vor Kraft strotzende Fräulein klopfte mir mit beiden Händen auf die Schultern, als wollte sie mich in den Boden rammen, wischte sich ein paar Tränen aus den aufgedunsenen Augen und schob mich zur Seite.

„Richard, mein lieber, lieber Richard – ihr kanntet ihn doch alle gut – hätte nicht gewollt, dass wir an einem schönen Sommertag in Schwarz um seine Leiche kreisen, wie ein Haufen… Haufen… “

„Schmeißfliegen“, rief Basti aus der hintersten Reihe. Seine Augen waren auch rot, aber sicher nicht vor Trauer.

„Ja! Schmeißfliegen!“, lachte die Alte und schlug sich ein dünnes Fäustchen in die Hand. „Mein Rifrie war eine Frohnatur, ein Lebemann!“

Sie warf mir einen kurzen Blick voller Dankbarkeit zu. „Wisst ihr, was er an dem Tag gemacht hat, als sein Vater beerdigt wurde?“

Die Menge murmelte verwirrt. Einige schoben ähnlich der alten Frau ihre steifen Unterlippen vor, andere verrenkten sich die Augenbrauen vor lauter Pietätlosigkeit und hüstelten empört. Die Alte sah entschlossen in die Menge.

„Er hat gesagt >>Klari, Klaro, Klara!<< – Ja, so hat er mich immer genannt, wenn er gute Laune hatte! >>Wir gehen heute tanzen.  Mein Papa war ein feiner Mann: Breite Brust, starke Arme, donnerndes Lachen, ein echter Koloss und gesoffen hat er wie ein Loch!<< Und gelacht hat mein Richard dabei! Er hat Tränen gelacht.“

Die Alte fasste meine Schulter und sah mir tief in die Augen. „Also lasst uns meinem Richard – einem echten Koloss, mit breiter Brust, starken Armen und einem donnernden Lachen – dieselbe Ehre erweisen. Wir gehen tanzen!“

Und mit diesen Worten klopfte das kleine Fräulein drei Mal auf den schweren Holzsarg und stapfte los in Richtung der Autos, die am Rand des offenen Friedhofsgrüns geparkt standen. Basti marschierte jubelnd mit gehobenen Armen gleich hinterher und auch der Rest der Gemeinde, einschließlich des etwas überrumpelten, aber durchaus erfreuten Pfaffens, folgte der Alten und ließ den Sarg samt Richard neben dem ausgehobenen Grab liegen. Ich sah nochmal zum Toten, zuckte mit den Schultern und lief dann den anderen hinterher. Wir fuhren in die Kneipe, in der Klara und Richard sich kennengelernt hatten, und tanzten, sangen und tranken dort die ganze Nacht mit der Witwe.

Es ist nun ein knappes Jahr her, dass Basti und ich uns das letzte Mal auf eine Beerdigung schlichen. Nach der Begegnung mit Klara war uns nicht mehr danach. Heute sitzen wir wieder in ihrer Kneipe und noch immer hängen lauter schwarz-weiß Bilder vergessener Berühmtheiten an den Wänden, noch immer ist mehr Schaum als Bier im Bierglas und noch immer macht die uralte Nebelmaschine zu dichten Nebel, in dem man kaum atmen, geschweige denn sehen kann. Basti rupft kleine Stücke aus einem Bierdeckel.

„Schon seltsam, oder?“, murmelt er ohne mich anzusehen in sein Glas hinein.

Ich nicke stumm und zeige auf eins der wenigen Farbfotos an den Wänden. Darauf sind Basti und ich mit einer kleinen, lachenden Frau in einem schwarzen Kleid zu sehen.

„Sie! Sie war was besonderes!“, rufe ich der Barkeeperin zu, die nur freundlich nickt und weiter Gläser spült.

„Jawoll!“ Basti hebt mir sein Glas entgegen; seine Unterlippe zittert. Diesmal ehrlich.

„Sie hatte keine breite Brust, keine starken Arme und kein donnerndes Lachen, aber sie war ein echter Koloss und gesoffen hat sie wie ein Loch! Auf Klara!“

„Auf Klara! Eine Frohnatur! Eine Lebefrau!“, brülle ich zurück und stoße mit ihm an.

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