Was hast du von deinen Erinnerungen, wenn du sie in Plastiktüten steckst, in den Keller bringst und in den Heizraum stellst, als würdest du auf einen strengen Winter warten? Was hast du von den Wangenküssen, wenn du sie mit Schnaps einreibst und später wegwischst? Was machst du mit den Fotos in deinem Kopf, wenn du sie ins Spülwasser eintauchst, als würdest du die Bilder noch einmal neu entwickeln wollen? Was machst du mit den ungeraden Tagen, wenn dir die geraden mittlerweile genauso schief vorkommen?

Im Heizraum ist es angenehm kühl im Sommer, es liegt ein feiner Holzstaub in der Luft, ein feiner Holzstaub in deinen Lungen. Eine chronische Bronchitis seit dem Begräbnis.

Auch die Heiligenbilder in der Küche hast du abgehängt, nur die hellen Stellen auf der Tapete erinnern an sie. Und die Nachbarn fragen sich: Wer beschützt jetzt dein Haus, wenn der Heilige Florian nicht mehr in deiner Küche hängt, und was du machst mit deinen Sonntagvormittagen, wenn alle anderen am Kirchenvorplatz stehen und es ein wenig nach Regen ausschaut.

Die Küsse deiner Kinder, die du erst wieder küsst und umarmst, seit er gestorben ist. Und Zahnpflege jetzt einen anderen Stellenwert hat, Zahnpflege und das Auftragen von Parfum, wenn dich dein Sohn besuchen kommt, wenn deine Schwester mit ihrem Auto in die Einfahrt biegt, schnell noch die Mundspülung, schnell noch die Schnapsgläser in die Spüle stellen und das ganze Haus riecht nach Essen, das zu lange gekocht wurde.

Dein Kopf ist eine Dunkelkammer und jedes zu laute Geräusch reißt die Tür auf, dann zuckst du zusammen und denkst um Gottes Willen und gleich darauf, dass Gott tot ist.

Vorm Einschlafen schreibst du manchmal deinem Sohn „bin ok wie geht’s dir hast du dich gut erholt“ – kein Fragezeichen, auch keine anderen Satzzeichen, du weißt nicht, wo die entsprechenden Tasten sind auf deinem Handy. Das Haus, in dem du einschläfst, ist viel zu groß, denkst du dann. Und kurz denkst du an Selbstmord und daran, dass du morgen das Bett neu überziehen musst, und auch die zweite Decke in deinem Bett und das zweite Kopfkissen in deinem Bett wirst du neu überziehen.

Zum 60. Geburtstag willst du gerne Marihuana ausprobieren, und du sagst das deinem Sohn am Telefon, weil du dir sicher bist, dass er jemanden kennt, der das besorgen kann. Deine Tochter würde es dir wahrscheinlich ausreden, aber deinem Sohn traust du zu, dass er dir Marihuana schenkt zum Geburtstag. Und tatsächlich: Bei seinem nächsten Besuch sitzt ihr nachts auf dem Balkon, ein paar Meter weiter flackert eine Straßenlaterne und du schaust dem Rauch dabei zu, wie er in Richtung Dachbodenfenster aufsteigt.

Irgendwann willst du das Haus kaufen, in dem du aufgewachsen bist. Es ist kleiner als dein jetziges Zuhause, du hättest weniger Arbeit, weniger Heizkosten, auch weißt du nicht, wer darin an was genau gestorben ist. Manchmal bittest du deine Tochter, mit dir hinzufahren, und dann steht ihr vor dem Haus mit den drei großen Birken und du zeigst ihr die Senkgrube, in der damals dein Bruder fast ertrunken wäre. Aber du erzählst die Geschichte so, als würdest du einen Witz erzählen und nur du verstehst die Pointe.

Irgendwann hast du deinen Kindern dein Testament vorgelesen. Du willst nicht, dass es ihnen so geht wie dir damals, als du auf einmal Entscheidungen treffen musstest, als du beim Bestatter zusammengebrochen bist, weil du dich für keinen Sarg entscheiden konntest, ja dir nicht einmal sicher sein konntest, ob du ihn nicht doch lieber verbrennen solltest. Dein Sohn hat den Sarg ausgesucht und das Lokal für den Leichenschmaus. Er war es auch, der direkt nach seinem Tod alle Verwandten durchtelefoniert hat. Seitdem erkennst du seine Stimme nicht mehr, außer er ist im Nebenzimmer.

Und du fragst dich, ob deine Tochter genug isst und ob sie schon einmal verliebt war, und du fragst dich, ob dein Sohn zu viel Bier trinkt und in wen er jetzt gerade verliebt ist, stellst dir alle diese Fragen und dann rufst du deinen Bruder an oder fährst in die Firma, für die du vor deiner Pension gearbeitet hast, und bringst Kuchen mit, bevor du im Supermarkt daneben einkaufst, was gerade als Aktion angeboten wird.

Beim Pfandflaschenautomat triffst du eine alte Bekannte. Sie lebt auch ganz alleine, denkst du dir, seit drei Monaten ist sie auch ganz alleine – und du willst sie kurz umarmen, aber was sollen die Leute denken, also legst du lieber Chips in den Einkaufswagen und zuckerfreies Ketchup. Beim Anstehen an der Kasse hörst du ein Lied im Radio, das dich an eine Zeit erinnert, die du gerne einrahmen würdest.

Der Christbaum, den du im Wohnzimmer aufstellst, wird jedes Jahr ein wenig kleiner, die Beleuchtung immer bunter. Wenn dir eine Kugel runterfällt, schenkst du dir nach und denkst dir: Scherben bringen Glück. Oft lässt du dann eine zweite Kugel fallen, für ein wenig Extraglück. Wenn dann deine Kinder am 24. da sind, müssen sie in der Küche warten, bis du mit der kleinen Glocke läutest, mit der auch schon deine Mutter geläutet hat. Das Wohnzimmer ist dann ganz verdunkelt, nur die bunten Lichterketten leuchten und dann steht ihr ein paar Minuten vor dem Baum, aber egal wie lange ihr da steht – es wird nicht mehr Weihnachten.

Eine Katze solltest du dir zulegen, eine Katze gegen die Einsamkeit, meint deine Tochter, aber die Katze ist drei Wochen später tot, weil sie von unten in den Motorraum deines Autos klettert und du fährst in die Stadt und hörst ihr Miauen nicht, hörst nicht, wie sie langsam an ihren Verbrennungen stirbt, einen knappen Meter entfernt von dir. Du findest sie erst ein paar Tage später. Dein Sohn hat schon wieder vergessen, dass du dir eine Katze zugelegt hast. Deiner Tochter erzählst du, dass sie von einem Auto überfahren worden ist. Zum Muttertag bekommst du Massagegutscheine und einen ewigwährenden Kalender. Du sagst, das wäre nicht notwendig gewesen, wirklich nicht.

Wenn deine Kinder auf Besuch sind, vergisst du manchmal, die Klotür zuzumachen, aber es scheint sie nicht zu stören. Auch dass du manchmal das Salz vergisst beim Kochen, oder der Marmorkuchen immer öfter im Backrohr verbrennt. Sie spielen dann Kartenspiele mit dir, erklären dir die Regeln jedes Mal neu und es kommt sogar vor, dass du gewinnst. Dann schütteln sie den Kopf und du lachst, weil sie in diesem Moment deine Kinder sind, weil du dich daran erinnerst, warum ihr alle da seid, und dann lachst du und spürst dein Zwerchfell und dahinter den Gebärmutterkrebs, der früh genug erkannt worden ist. Heute, ja, heute ist tatsächlich ein gutartiger Tag.

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