Wir kannten ihn schon, als wir noch Kinder waren. Er war mit unserem Dorf verwachsen; kein Tag verging, an dem er nicht über unseren Marktplatz den Hügel hoch zur Kirche St. Gertraud geeilt wäre, unter buschigen Augenbrauen auf seinen Weg starrend, den Mund zusammengepresst.

Wenn wir ihm so nahe kamen, dass wir den muffigen Geruch, der seinem Umhang entströmte, wahrnehmen konnten, scheuchte er uns knurrend mit einer heftigen Armbewegung wie lästige Fliegen zur Seite. Nie habe ich ihn lächeln sehen, nie ein freundliches Wort an jemand richten hören. Und das will etwas heißen, stand er doch bei allen kirchlichen Festen dem Pfarrer zur Seite, Jahr um Jahr, Weihnachten, Ostern, Taufen, heilige Kommunion, Hochzeiten. Immer derselbe griesgrämige Gesichtsausdruck, immer dieselben Altmännersandalen. Braun, vorne wie ein Gitter geschlossen, unverwüstlich, darin sehnige Altmännerfüße mit beigen Socken.

Es umgab ihn eine seltsam traurige Unheimlichkeit, so dass wir ihm nicht einmal Streiche spielten wollten. Unserem Pfarrer schon – der war offen, lustig und klar. Aber dem Küster? Niemals.

Unser Dorf ist nicht groß. Ein paar Einfamilienhäuser und fünf Bauernhöfe, ein Wirtshaus, die Kirche. Sie ist aus dem 18. Jahrhundert und Weltkulturerbe, weshalb ein großer Parkplatz vor dem Ortsschild angelegt wurde, um der Touristenströme Herr zu werden. Der Hof meiner Familie, ich habe ihn gerne mit meinem Mann übernommen, hat eine wunderbare Lage: direkt hinter der Kirche, unterhalb des Kirchhügels, und es leben hier vier Menschen, drei Pferde, 11 Hühner, ein Hund und zwei Katzen.

Ja, diese Katzen.

Bella hatte ihren Namen verdient. Eine schwarzglänzende Schönheit mit klugen Bernsteinaugen, lediglich die Pfotenspitzen waren so weiß wie mit Puderzucker bestäubt.

Unsere ganze Familie fragte sich, wie wohl ihre Babies aussehen würden – es konnte nun nicht mehr lange dauern. So machten wir uns auch keine Sorgen, als wir Bella ein paar Tage nicht zu Gesicht bekommen hatten. Auch am dritten Tag nicht; sie würde wohl ein besonders ruhiges Eckchen gefunden haben.

An Tag vier saß Bella deutlich erschlankt in der Küche vor ihrem Napf, ihr beträchtlicher Appetit ließ mich zweimal Futter nachfüllen. Ich selbst hatte leider keine Zeit, und so beauftragte ich meine Töchter, die Augen nach Bellas Versteck offen zu halten. Doch leider ohne Ergebnis.

Am nächsten Tag hatte ich Kirchendienst. In der kühlen, morgendlichen Stille, noch ohne Besucher, staubte ich Kerzenleuchter ab, zupfte Welkes aus dem Blumenschmuck und genoss es, den hohen, hellen Raum ganz alleine für mich zu haben. Einige Minuten in mein Tun versunken, meinte ich, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrzunehmen, lautlos, ein Schatten auf kühlen Fliesen. Ich blickte mich um, vernahm nichts als Weite und Stille und beschloss nach einigen Atemzügen, mich getäuscht zu haben.

Nicht getäuscht hatte ich mich bezüglich der Stimmen, die mit einem Mal aus der Sakristei drangen. Schrubberschwingend näherte ich mich der angelehnten Tür und lauschte: etwas undeutlich zwar, aber ja, das war Griesgram, der etwas von „Blasphemie“ und „ausräuchern“ knurrte, und dann unser Pfarrer mit Kanzelstimme: „Friedhelm, ich muss dich doch nicht an den heiligen Franziskus erinnern! Nichts wird hier ausgeräuchert!“

Während ich noch darüber nachsann, dass der Küster tatsächlich einen Namen hatte, rauschte dieser mit rotem Kopf und muffigem Umhang auf seinen braunen Sandalen an mir vorbei. Der Pfarrer wollte ihm wohl hinterher; lächelte jedoch, als er mich bemerkte, legte einen Finger auf die Lippen und bedeutete mir, ihm um den Altar herum zu folgen. Vor einem der fünf handtellergroßen Lüftungsschächte, die unter den Altar führten, kniete er nieder und deutete hinein.

Und da traute ich meinen Augen nicht.

Im Halbdunkel lagen sie, sechs winzige Katzenbabies, die Augen fest zusammengekniffen, dahinter, ein eleganter Halbkreis, Bella, deren bernsteinkluge Augen zu sagen schienen: Ach, ihr Menschen.

Nachdem wir uns mit knackenden Knien wieder erhoben hatten, wollte ich zu einer Entschuldigung ansetzen. Doch der Pfarrer winkte ab. Er meinte, es sei ja nur eine Frage von Tagen, dann sei das Gotteshaus wieder katzenfrei – und Bellas Babys seien gewissermaßen unter göttlichem Schutz zur Welt gekommen. In diesem Moment erinnerte er mich stark an Don Camillo, diesen streitbaren Padre mit dem großen Herzen.

So besuchte ich jeden Abend das Katzenversteck, und bald konnte ich das leise Maunzen schon beim Betreten der Kirche hören.

Nach einer Woche hörte ich nichts mehr. Nichts, keinen Laut. Kein Kratzen, kein Maunzen.

Ein Blick in den Lüftungsschacht bestätigte: keine Kätzchen, keine Bella, lediglich ein paar feine, schwarze Haare.

Mir wurde kalt. Denn natürlich hatte ich die Worte des Küsters nicht vergessen. Mit Wut im Bauch und Angst im Herzen verließ ich die Kirche und fing an zu rennen, rannte den Kirchhügel hinunter durch den herbstlichen Nebel, durch die Kälte, die an meinen Armen hochkroch, durch Matschpfützen vom gestrigen Regen, rannte, flog beinahe in die Gasse, in der der Küster wohnte. Haus Nr. 11. Der Klingelknopf aus Messing fühlte sich an wie Eis, als ich jetzt Sturm läutete, zweimal, dreimal, ich stampfte noch zusätzlich mit dem Fuß auf den Gitterrost.

Endlich erschien das Griesgramgesicht an dem kleinen Glasfenster in der Tür, an die meine schon erhobene Faust schlagen wollte. Er öffnete, und kaum hatte er die Zornesröte auf meinen Wangen gesehen und meinen völlig aufgelösten Gesamtzustand, hob er einen Finger an die Lippen. Ich keuchte noch „Was …?“, „Wie …?“, bevor er mich ins Haus zog und sorgsam die Tür schloss.

Ich war noch nicht zu Atem gekommen und ließ mich von ihm am Arm ins Wohnzimmer schieben. Vage registrierte ich Wärme, Trockenheit, Behaglichkeit, ein Kaminfeuer.

Aber da war noch etwas.

Ein flacher Korb mit einer roten Decke, darin Bella, schnurrend, um sie ihre entzückenden Jungen. Eine Riesenwelle der Erleichterung schwappte über mich, spülte Angst und Zorn leise fort. Ich starrte auf das friedliche Bild, wandte langsam den Kopf zum Küster, den ich mein Leben lang kannte. Auch er blickte auf die Katzenfamilie. Sein Gesicht versuchte, sich an ein Lächeln zu erinnern.

In die Stille, die nur vom Knistern des Feuers begleitet wurde, sagte er stockend: „Es war so kalt. Und ich habe mich erinnert. Meine Frau, vor vierzig Jahren ist sie gestorben, hat Katzen sehr geliebt. Und ich meine Frau.“


Vita