29.5.2003

Wenn er mir seine Geschichten erzählt, lächele ich immer freundlich. Noch kann ich gar nicht alles begreifen, was da über seine Lippen kommt. Und auch wenn ich noch zu klein bin, um all die fernen Länder und Bücher zu kennen, über die er spricht, fasziniert er mich jetzt schon. Ein Kind, dass sonst nie aufhören kann selbst zu sprechen, wird hier vor seinen Augen zur Statue. Wir lachen gemeinsam. Meine Oma will ihn noch aufhalten, seinen Redeschwall unterbrechen, aber ich genieße es leise. Er ist wie ein Buch, dass zu mir spricht.

29.5.2008

Mein kleinerer Bruder und ich wir zanken viel, spielen „Vier gewinnt“ und trinken Cola bei jedem festlichen Anlass, so auch an seinem Geburtstag. Bei Familienfeiern weichen wir ihm beide aus, denn jeder weiß, wer bei Opa in der Ecke sitzt, kommt dort die nächste Stunde lang nicht weg. Er ist zu viel „Schule“ für mich, zu viel „pensionierter Lehrer“ und zu wenig Abenteuer. Ich, der kindliche Rebell, glaube, im Recht zu sein. Weisheit? Erfahrungen? Pah, das brauche ich nicht. Die Welt liegt mir schließlich zu Füßen.

29.5.2014

Inzwischen war ich ein Jahr in den USA, spreche besser Englisch und interessiere mich für Geschichte. Ich gehe auch auf seine alte Schule, auf der er einst unterrichtet hat, kenne einige seiner ehemaligen Kollegen. Wenn ich ihm Photos zeige oder Hausaufgaben vorlese, lächelt er mich an und nickt mit dem Kopf. Er erinnert mich an mein junges Ich von damals. Viel ruhiger ist er geworden und oft merke ich, dass er sich eigentlich an nichts mehr erinnert. Noch hält er die Fassade hoch, will mich nicht beunruhigen. Meine Oma sagt, er könne Bücher nun nicht mehr zu Ende lesen und begänne sie immer wieder von vorne.

Mit der Stille kommen die Wut und die Frustration. Er deutet auf seinen Kopf, flucht leise in einem poetischen Russisch, denn auch er weiß, dass etwas nicht stimmt. Was macht ein Kopfmensch, der plötzlich seinen Kopf verliert? Ihm ist klar, dass er nicht weiß, was er doch wissen sollte, dass er nicht kennt, wen er kennen sollte und wir ihn alle bemitleiden. Wir schauen angespannt zu, denn mehr als abwarten können auch wir nicht.

29.5.2017

Heute feiern wir seinen Geburtstag nicht mehr. Wir sind keine sonderlich sentimentale Familie und so bekam ich eines morgens in der Wüste im Norden Chiles eine E-Mail, dass er übernacht eingeschlafen war. Was nicht als große Überraschung hätte kommen sollen, traf mich dennoch wie ein Schlag.

Manchmal bin ich klammheimlich froh, dass ich ihn in seinen letzten Wochen nicht gesehen habe. Er hat mich immer erkannt, wenn ich dort war, und ich musste nie zusehen, wie sein Körper dem Geist schließlich nachfolgte. Wenn ich zurückblicke, werde ich oft wütend auf mein 12jähriges Ich und all die Möglichkeiten, die es mir versperrt hat.

Wenn ich ihn vermisse, vermisse ich eine Vorstellung von dem, was hätte sein können. All die Projekte und Erkenntnisse, die ich nun nicht mehr mit ihm teilen konnte, die Diskussionen, die wir nie geführt haben. Mir wurde von klein auf gesagt, dass ich ihm aus der Familie am ähnlichsten bin. Und jetzt, da ich dieses Kompliment endlich entgegennehmen kann, ist es zu spät.

Wenn ich ehrlich bin, ist er schon das letzte Mal, als ich ihn sah, nicht mehr der Opa gewesen, der immer noch durch meine Gedanken geistert. Wie ausgeblendet sind die Momente, in denen wir schweigend da saßen, da ich Angst hatte, jede Frage würde ihn daran erinnern, dass er sie nicht beantworten kann.

Als mich mein Vater zwei Monate vor seinem Tod anrief, um zu sagen, dass es ihm schlechter ging, fühlte ich, wie mir die Zeit davonrannte.

Ein Meer zwischen uns, begann ich ihm zu schreiben, einen kleinen Abschied und vielleicht auch eine Entschuldigung dafür, dass ich zu lange zu kindisch war zu erkennen, was für eine außergewöhnliche Persönlichkeit ich da vor mir hatte.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Brief nie richtig zu ihm durchgedrungen ist, ebenso wenig wie mein Gedicht, das ich beigefügt hatte. Mir aber tat es gut, all das noch einmal loszulassen und es in seinen Händen zu wissen.

Immer wenn ich anfange mich selbst dafür zu bemitleiden, wie ich ihm langsam beim Sterben zusehen musste, pfeife ich mich energisch zurück. Was ist mit ihm? Jemand, der drei Sprachen fließend beherrschte, der eine eigene kleine Bibliothek im Kopf beherbergte und eine nie endende Neugier in sich trug, musste zusehen wie sein Ein und Alles, sein Geist, langsam aus den eigenen Fingern glitt.

Vielleicht ist das Sterben sogar schlimmer als der Tod. Wie definieren wir ein lebenswertes Leben, das uns davon abhält, jemanden als tot zu bezeichnen?

 

Niemandem auf dieser Welt hatte ich mehr gewünscht, dass er dieses Leben endlich verlassen konnte. Wir beide haben jemanden vermisst, den es schon lange nicht mehr gab.

Es fällt mir schwer, einen „Todestag“ festzulegen, ein Datum, an dem ich mich an ihn erinnern sollte. Ist es der Tag, an dem er physisch nicht mehr in unserer Mitte saß, oder der Tag, an dem er aufhörte mir Geschichten zu erzählen?

 

Neulich, als ich bei meiner Oma anrief, war seine Stimme auf dem Anrufbeantworter. Auf einmal wurde mir klar, wie allgegenwärtig er immer noch war, auch ohne seine Präsenz an Geburtstagen, Weihnachten oder Familientreffen.

Wenn ich ein neues T-Shirt mir englischer Aufschrift kaufe, denke ich an ihn. Erinnere mich, wie er mir früher stets übersetzt hat, was ich da wie eine Werbetafel mit mir herumtrug.

Oft habe ich auch das Gefühl ihn erst jetzt genauer kennenzulernen, wenn ich die sorgfältig gesammelten Zeitungsartikel oder die in Schönschrift verfassten Kommentare in seinen Büchern finde.

Nie hätte ich gedacht, dass ein Mensch über den Tod hinaus Menschen überraschen und neue Seiten von sich zeigen kann.

Wenn ich ihm also etwas sagen könnte, wäre es das:

Opa, du warst nie die Last, die du geglaubt hast zu sein, und wir vermissen dich sehr.

Ich bin stolz dir mitteilen zu können, dass ich deinen Platz als Stadt-Land-Fluss Gewinner eingenommen habe und auch an deiner Stelle allen mit Geschichte und Sprachen auf den Keks gehe. Ich weiß, wir werden uns wiedersehen und bis dahin wünsche ich dir „warme Füße und einen kühlen Kopf“, wie du immer gesagt hast.

 

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