Gestern schleppte meine Tochter einen Weidenkorb voller Birnen in unsere Küche.

„Weißt du, wie die heißen?“

„So wie du.“

„Woher weißt du das?“, fragte sie mit einer weiteren Birne in der Hand und schon wieder mit anderen Sachen beschäftigt. Ich schaute auf die Birnen, und meine Gedanken wanderten zu den Obstbäumen in den Garten meiner Kindheit zurück, in dem ich gemeinsam mit meinen drei Geschwistern groß geworden bin.

Beim Verstecken spielen war der Kirschbaum mein Lieblingsversteck, wenn er voller Kirschen hing und die Stare noch nicht eingefallen waren. Da das aber alle wussten, schauten sie dort immer zuerst nach. Ich kletterte also erst über die Apfelbäume.

Am langweiligsten saß es sich auf dem alten Boskop. Die Äpfel waren knochenhart und bitter. Meine Oma schwärmte von ihrem Boskop und dem Ofen im Winter, in dem sie lagen und gebacken wurden mit Marzipan und Nüssen. Wir hatten Juli, und jetzt waren sie ungenießbar. Der Kornapfelbaum, der erste Apfel im Jahr, hell und klein und schnell zu essen, eignete sich ebenfalls nicht zum lange verstecken. Er war so zurechtgestutzt, damit er sich schnell abernten ließ, ohne noch geheimnisvoll zu sein.

„Kornäpfel werden schnell braun, man muss sie essen während sie noch reif werden“, sagte meine Oma, „die vergehen so schnell.“ Ja das konnte ich auch erkennen.

Das allerbeste Versteck und auch mein Freund war der Birnbaum. Der größte Obstbaum. Dreizehn Meter hoch. Höher als das Haus, in dem meine Oma und meine Familie wohnten. Kletterte ich in die oberste Spitze, blieb ich für eine lange Zeit unsichtbar. Er hatte einen Ästewandelgang wachsen lassen, der sich nach oben hin verjüngte, damit niemand auf ihm zu Schaden kam. Dieser Baum war von meinem Urgroßvater gepflanzt worden. Ein Zeitüberdauerer. Ich gab ihm diese Bezeichnung, weil ich dachte, er würde auch mich überleben, denn Bäume sterben nie.

Schon meine Oma hangelte als Kind auf seinen Ästen, und meine Mutter umfing er mit seinen Astarmen, wie er das jetzt auch bei mir tat. Zwei Kriege und ein Jahrhundert mühelos durchgestanden, ohne auch nur einmal keine Birnen zu tragen. Er unterlag den Jahreszeiten, niemandem sonst.

Seine Rinde war von feinen grauen Linien durchzogen, die Halt gaben beim Um–die-Wette-klettern mit meiner Katze Mimmi. Seine Äste, in denen ich lag, aß und träumte, waren stark wie Elefantenbeine und in sanften Bögen dem Lichte zugekehrt.

Träumen von der Zukunft – wie die mal werden wird und was ich alles sein kann und ob die Erde dann noch ist. Zukunft, ein süßes Wort in meinen Ohren. Wenn ich groß bin …

So groß wie Mama oder Papa, nicht so alt wie Oma und nicht schon tot, wie Opa. Bei mir würde es doch anders sein als bei allen anderen. Anders als bei Katrin, meiner Schwester, bei Maik, meinem kleinen Bruder, und Heiner, der schon nicht mehr Verstecken spielte, weil er jetzt mit Isabelle rumhing.

„Du“, brüllte es hoch, „du bist dran, schläfst du oder was? Der Birnbaum verführt dich immer zum Träumen und dann spielst du nicht mehr, weil dein Geist auf Wanderschaft geht.“ Blödes Volk, dachte ich und nahm mir eine Birne.

Man musste die nehmen, die gerade so reif waren, dass sie schnurpsten, wenn man reinbiss, und noch eine leicht bittere Note neben die Süße setzten, nicht weich durch die Zähne glitten und sich matschig anfühlten. Dann aß ich sie nicht.

„Gute Luise“, so hieß mein Freund. Männlich, egal was die anderen meinten. Mein Freund stand direkt auf dem Misthaufen und hatte nie Nahrungsmangel zu beklagen, und seine Erträge waren legendär. Essen, verkaufen, verschenken und einkochen – seine Früchte schmeckten auch in eingewecktem Zustand. Als Kind dachte ich nicht an Haltbarmachen. Mir war der Sommer nah und der Winter fern, und meine Oma würde schon wissen, was zu tun war. Einkochen nämlich. Aus der Konserve leben, nannte sie das, in Erinnerung an den Sommer, die Wärme, die Leidenschaft und den Überfluss.

Die Konserve bietet eine Möglichkeit, der Frische einen Geschmack zur Seite zu stellen, den es an der Frucht in Wirklichkeit nicht gegeben hat, der sich erst aus dem Einschließen entwickelt. Waren die Erdbeeren aus dem Glas nur eine flüchtige Idee von jenen aus dem Feld? Die Kirschen im Glas zu vergleichen mit frischen?

Im Glas ist mehr Saft, auf dem Baum mehr Freude.

Ich habe die eingesammelten Früchte immer bedauert, wenn sie ihrem Dauerleben zugeführt werden sollten. Schnell griff ich noch in die Schüssel und nahm mir welche heraus, um sie vor dem Konservendasein zu bewahren und sie in ihrer Ursprünglichkeit zu essen.

Außer eben bei den Birnen, da war Einschließen nicht so tragisch.

In einer stürmischen Nacht, Anfang September, schlugen die geschlossenen Fensterläden gegeneinander, pfiff der Wind sein Lied durch die Ritzen des alten Hauses und heulte die Flure entlang, dazu klapperten die Türen in den Angeln und die Hoflaterne schwang ihr diffuses Licht hektisch über das Katzenkopfpflaster des Wäscheplatzes. Ich nahm an, die apokalyptischen Reiter, von denen mir meine Oma vorm Einschlafen erzählte, kämen jetzt samt ihrer Klepper in unser Schlafzimmer galoppiert und führten mich mit davon. Ich zog mich tief unter meine Bettdecke zurück.

In dieser Nacht war meine Oma gestorben.

Am Morgen schien die Sonne hell und freundlich, kein Lüftchen war mehr unterwegs, und meine Oma war nicht mehr meine Oma, sondern eine fremde Unbekannte, die sich in das Bett und das Nachthemd meiner Oma geschlichen hatte und sich nicht rührte, als ich mich neben sie kuscheln wollte.

Sie rührte sich auch nicht, als ich ihr eine Birne brachte, und auch nicht, als ich ihr die Geschichte der Apokalyptischen Reiter erzählte.

Sie sagte einfach keinen Ton und lächelte vor sich hin.

Ich verstand nicht, aus welchem Grund dieser Sturm meine Oma weggeweht hatte, und setzte mich oben in die Spitze der „Guten Luise“. Gemütlich in die Astgabel eingeschmiegt, beobachtete ich das Treiben durch das geöffnete Küchenfenster.

Die Menschen in schwarzen Kleidern und mit weißen Stofftaschentüchern, die sie ab und an unter die rotgeweinten Augen hielten, gingen mit vollen Schüsseln selbstgemachter Salate in das alte Haus. Auf dem riesigen Küchentisch sammelte sich das mitgebrachte Essen. Immer mehr schwarz gekleidete Nachbarn kamen und blieben, so als würde meine Oma zu einem Fest laden. Onkel Gustavs blütenweißes Haar leuchtete aus der Menge heraus. Er stützte sich auf seinen Stock und sah mächtig zerknirscht aus. Selbst aus dieser Entfernung war sein lautes Seufzen zu hören.

Mimmi saß bei mir auf meinem Bauch und schnurrte in mich hinein, schnupperte an meinen Fingern und leckte den klebrigen Saft der Birnen von den Handflächen. Die Spitze des Baumes wiegte mich leicht, und ich aß eine Birne nach der andern.

In einem Monat würde ich sieben. Oma würde nicht mehr dabei sein.

Später verkauften meine Eltern das Haus und der Garten meiner Kindheit war für immer verloren.

Die neuen Besitzer ließen den Birnbaum fällen, damit sie mehr Platz hatten, um das Haus zu erweitern. Ich wünschte denen die Apokalyptischen Reiter auf den Hals, aber die hatten an anderen Stellen der Welt offensichtlich genug zu tun und taten nicht, worum ich sie bat.

Der Garten besuchte mich in meinen Träumen, und manchmal wehten weiße Blüten meines Freundes in Wolken an mir vorbei, und die Spitze, in der ich dann saß, wiegte mich sanft.

Mimmi saß nach solchen Träumen vor mir und starrte mich aus ihren grünen Augen an.

Ich aß ab diesem Zeitpunkt keine Birnen mehr.

„Mama, iss, die schmecken gut! Mach schon, die müssen schnurpsen, wenn man reinbeißt. Wenn sie weich durch die Zähne gleiten, esse ich sie nicht mehr.“

Mit dieser Bemerkung legte mir meine Siebenjährige die Birne in die Hand und lächelte mir zu. Die feste grüne Schale und die Birnenform fügten sich altvertraut wie selbstverständlich in meinen Handteller.

„Weißt du, wie die Birnen heißen, Mama? Wie ich: Luise.“

 

Vita Jana Franke