Sie schritt an Wochentagen den Weg am Strand entlang. Jeden Abend zur selben Zeit. Gegen sechs Uhr, wenn die Sonne unterging. Sein Boot tuckerte, immer wenn sie gerade vorbei ging, in den Hafen. Er rief ihr „Guten Abend, Frau Eleni!“ zu.

Er war stets gut gekleidet. Jedes Mal begleitete ihn nostalgische Musik aus einem Radio. Frau Eleni wusste, er war einer von der seltenen Sorte. Sie lächelte ihm zu und sagte: „Ihnen auch, Kapitän.“ Ab und zu hatte sie auch den Mops ihrer Nichte dabei, wenn diese bei ihr zu Besuch war. Der Kapitän war an den Tagen mit dem Mops besonders glücklich. An einem Tag mit dem Mops strahlte sein altes Seemannsgesicht.

Wir sind beide zu alt, als dass es noch ‘was wird, dachte Frau Eleni, wenn sie den Hafen hinter sich hatte, aber das Tuckern des Bootes noch zu hören war. Ich bin zu alt, dachte sie. Es wäre ein Wagnis. Aber er ist ein Charmeur. Wie er mich damals vor vielen Jahren nach meinem Namen gefragt hat und mir eine Blume schenken wollte … Und sie lachte über sich, aber es war ein gutes, ein lustiges Lachen.

Ein dicker Wasserverkäufer drehte sich zu ihr um. Er musste wohl denken, der Grund ihres Lachens zu sein. Er war wie ein großer Kegel. Sein Körper spannte sich ab den Hüften unfassbar in die Weite. Sein Kopf aber war klein. Er saß seit Jahren neben seinem Kühlschrank, und es schien gut möglich, dass er nie aufgestanden war. Frau Eleni fühlte, was der Verkäufer wegen ihres Lachens denken musste, und kaufte deshalb eine Wasserflasche bei ihm.

„50 Kurus“, krächzte der erleichtert klingende Kegelmann mit seiner mädchenhaften Stimme.

Frau Eleni war ein herzensguter Mensch. Sie liebte es, am Strand zu wandern. Es gab so viel zu entdecken. Möwen, die in den Pfützen auf dem Wanderweg badeten, und kleine Katzen, die zwischen Plastiktüten miteinander spielten, während viele Angler auf den wellenumspülten Felsen ihre Angelruten auswarfen. Kurz vor Sonnenuntergang färbte sich der Himmel und der Horizont verwandelte sich in eine phantastische Welt. Die fernen Wolken ließen einen Dschungel erahnen, oder Frau Eleni stellte sich vor, auf zerklüftete Gebirgsketten zu schauen. Es war mysteriös.

Sie wanderte so gern am Strand, weil sie zu Hause allein war. Abgesehen von ihrer Nichte bekam sie fast nie Besuch. Sie war in ihren mittleren Jahren nach dem Autounfall ihres Mannes verwitwet und hatte sich irgendwann an das Alleinsein gewöhnt. Viele ihrer Bekannten waren tot, oder deren Familien hatten sich ihrer in Pflegeheimen entledigt. Sie verstand die Gründe der Familien und konnte ihnen nicht böse sein. Sie hatte zu lange gelebt, um sich nicht damit abfinden zu können. Gelegentlich traf sie nach dem Gottesdienst in der Kirche auf Frau Helena, mit der sie über Literatur und ihre Nichte sprach. Beide stammten sie aus alten Istanbuler Familien. Die einzige andere Menschenseele, die sie regelmäßig sah, war der junge Hausmeister, der die Einkäufe für die Appartementbewohner tätigte. Nach dem Abendessen zündete sie sich an jedem Tag eine Kerze an, betete und schlief ein.

Als sie an diesem Freitag den Strand entlang wanderte, dachte sie, ihr altes Herz würde aussetzen: Das Boot des Kapitäns tuckerte nicht wie üblich in den Hafen herein. Ist ihm etwas zugestoßen?, dachte Frau Eleni entsetzt. Sie merkte, wie sehr sie sich an den Kapitän gewöhnt hatte. Sein warmes Lächeln, sein Radio, seine Höflichkeit – all das hatte sie liebgewonnen. Und nun wurde ihr klar, dass sie sich über die Jahre verliebt hatte, aber aus Gewohnheit nicht mehr wagte, etwas zu ändern. Sie hatte Angst, denn sie glaubte, ihr altes Herz würde diese Erkenntnis nicht aushalten. Sie hatte Angst, weil er, jetzt wo sie es wusste, nicht da war. Lieber Gott!, betete sie stumm, lieber Gott!

Jemand rief: „Guten Abend, Frau Eleni!“

Sie wandte sich nach der Stimme um. Ein schüchtern lächelnder Kapitän im Anzug winkte ihr vom Boot aus zu. Schöne alte Musik tönte leise aus einem Radio. Er saß an einem mit gebratenem Fisch, Calamares und Meze gedeckten Tisch.

„Frau Eleni, wollen Sie sich zu mir gesellen? Die Fische habe ich heute gefangen.

Ich würde mich sehr freuen.“

Frau Eleni hielt inne. Ein Glück nach all den Jahren wieder lieben zu können, ging es ihr ehrfürchtig durch den Kopf.

„Sehr gerne, Sie Charmeur“, antwortete sie und nahm seine ausgestreckte Hand entgegen, um auf sein Boot zu steigen.

 

Vita Safak Saricicek