Dass ich das noch erleben darf, dass das dass am Anfang und das dass nach dem Beistrich in einem Satz richtig geschrieben sind, fehlen Lektor Hanno Patzer aufgrund fehlender Fehler beinahe die Worte. Das dass, das man früher mit scharfem ß geschrieben hat, ist nach Beistrichen der häufigste Fehler, setzt er in Gedanken bewusst ironisch nach und bringt das Dass-Dilemma damit auf den Punkt. Das dass und der Deppenapostroph, eine Einserbank. Allein die zwei sichern mir meinen Job. Sofern es jemand überhaupt noch wert findet, sein Geschriebenes lektorieren zu lassen. Wie’s scheint, sind Rechtschreibfehler inzwischen nämlich zu Kavaliersdelikten avanciert. Korrekter gesagt devalviert. In Zeiten von Fake News stört es offensichtlich niemanden mehr, dass – da ist es schon wieder! – die vor Fehlern nur so strotzen. Dabei gibt es doch Rechtschreibprogramme. Damit könnte man zumindest das Schlimmste verhindern. Steckt nicht umsonst schon im Namen drin, das Wort Amme. Die hätten echten Nährwert, nachdem so viele dermaßen schwach auf der Brust sind, was die rechte Schreibe betrifft. Aber nein, stattdessen wird im stillen Kämmerlein auf Fehlerteufelchen komm raus dahingetextet und unkontrolliert drauflospubliziert. Schon klar, Fehler sind menschlich. Aber wenn ich sehe, wie vermehrt schlampig und unbeholfen in die Tasten gehauen wird, ohne das Getippte am Display auch nur eines prüfenden Blicks zu würdigen, trifft mich auch nach Jahrzehnten als Lektor immer öfter der Schlag. Umbringen wird mich aber wohl etwas anderes, und zwar meine Apnoe. Da möchte ich mir nicht mal ausdenken, wie viele Prozent der Otto-Normal-Bevölkerung das auf Anhieb richtig schreiben könnten. Oder auch nur aussprechen.

Geht es nach meinem Hausarzt, werde ich mir darüber allerdings bald keine schlaflosen Nächte lang mehr meinen Kopf zerbrechen müssen. Der behauptete letztens allen Ernstes, dass ich gefährdet wäre. Anlagerisiko Bauchfett. Gefolgt von mahnenden Worten. Gesunde Ernährung. Mehr Bewegung. Weniger Alkohol. Mit dem Rauchen aufhören. Ich fragte ihn spontan nach einer Überweisung zum Ohrenarzt. Wir lachten beide. Soll ja angeblich gesund sein. Und Selbsthilfe ist bekanntlich der beste Weg zur Besserung. Als wüsste ich nicht am besten, was mein Körper braucht. Schließlich kenne ich mich von klein auf. Ich habe alle Phasen mit mir durchgemacht. So manche Nacht auch. Damals als Teenager. Vieles wiederholt sich. Die schlaflosen Nächte. Sie häufen sich in letzter Zeit. Und ich dachte, das hätte ich durchgestanden. Habe ich wohl auch. Denn inzwischen verbringe ich sie liegend. Im Bett. Hellwach. What the hell?

Der nächste Tag. Gelaufen statt gejoggt. Hat mir mein Arzt empfohlen. Walken oder Joggen. Wegen dem Gewicht. Oder auch des Gewichts. Und aufgrund der vielen Arbeit im Sitzen. Laufen sei schlecht für die Gelenke, hat er gemeint. Den Sehnen gibt’s der Herr im Schlaf, witzelte ich wohlwissend um mein gestörtes Verhältnis zu geordneter Nachtruhe. Typisches Helene-Fischer-Syndrom, diagnostizierte der Herr Doktor Weiß. Unrhythmische Atemaussetzer. Ein Teufelskreislauf. Im Wachzustand schaffe ich das mit der Atmung unbewusst. Das bedrohliche Schnaufen im Stiegenhaus ist hingegen gesteuert. Bloß nachts, da lungere ich herum und wälze mich in den Bröseln der Kekse, die ich beim Fernsehen noch verschlungen habe. What a peeling! Und rückenfettend zugleich. Dazu vor dem Einschlafen noch ein Coffee to go. Laufen soll ich ja nicht. Während mir 52 Szenen aus dem Film „Schaflos in Seattle“ durch den Kopf gehen, mähen die gezählten Schafe den Rasen. Sie sind allesamt schwarz. Und dunkel die Nacht. Da sind sie grau. Die Katzen. Und mir graut es schon vor morgen. Da muss ich ins Schlaflabor. Verkopft. Verkabelt. Verschlaucht. Am nächsten Morgen geschlaucht aufwachen. Ich weiß eh schon, was da rauskommt: „Herr MMag. Patzer, Sie schnarchen. Das wäre so weit ja noch nicht schlimm.“ Haha, der ist gut. Meine Frau ist da ganz anderer Meinung. „Ihre Atemaussetzer, die machen mir viel mehr Sorgen.“ Na toll, damit lüftet er jetzt aber ein Geheimnis, der Herr Primat. Behandelt er mich womöglich wie einen Aussetzigen? „Alle paar Minuten sind Sie atemlos, die gesamte Nacht hindurch.“

Jawohl, ja, er hat mich ertappt. Ich verbringe jede Nacht mit Helene. Ganz ohne Eifersuchtsszenen von meiner Greta. Die weiß, dass unter meiner Atemmaske alles nur Visage ist. Visage… auch schon wieder so ein Wort, da sind mir schon die kuriosesten Schreibweisen untergekommen, wie Wiesasche. Aber die deutsche Rechtschreibung, die ist ohnehin nicht mehr das, was sie nie war. Auf der wird auch andauernd mit beharrlicher Erfolglosigkeit herumgedoktert. Und zu allem Überdruss führt der deutsche Rechtschreibrat jetzt auch noch das große ẞ ein. Der einzige Buchstabe ohne Großform bislang. Eine jahrhundertelange Benachteiligung ungeheuerlichen Ausmaẞes wurde nun endlich beseitigt. ẞenẞationell! Das bringt’s natürlich voll, wo doch zumindest jedes zweite Wort im Duden mit einem ẞ beginnt. Ganz abgesehen davon brauchen wir nun alle neue Tastaturen. Es lebe die Wirtschaft! Es zetert wie immer der Lektor. Muss ich doch, weil der Grislibär, der ist jetzt auch wieder los. Und Ketschup und Majonäse schreibt man wieder rot-weiß-wie. Aber was rege ich mich auf? Ich hab’s ja schon immer gewusst: Guter Rat ist teuer. Hauptsache, beim Herrn Doktor Weiß werden in Zukunft nicht nur Ernährung und Bewegung großgeschrieben, sondern in diversen Dokumenten und vor allem auf seiner Ordinationsplakette auch sein Nachname, oh Wonne, oh Freude, endlich korrekt mit ẞ.

Ganz ruhig, Bronco! Da muss ich gar nicht erst mehrmals überschnaufen. Das sind die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Mir waren und sind diese Hin-und-Her-Reformen trotzdem viel zu oberflächlich. Daher tauche ich jetzt unter, möglichst lange. Möge die Apnoe mit mir sein. Als mein Steckenpferd bleibt sie mir jedenfalls erhalten, die deutsche Rechtschreibung. Und wer weiß? Vielleicht habe ich ja den längeren Atem und erlebe den großen Wurf bei einer der nächsten Reformen doch noch…


 

Vita

Gerhard Benigni wurde am 26. April 1973 in Villach (Österreich) geboren. Dort lebt, arbeitet und schreibt er auch. Zahlreiche seiner Kurzgeschichten wurden bereits in namhaften Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Seine erste Kurzgeschichtensammlung „Fertigteilparkettboden. Im Niedrigenergiereihenhaus.“ ist 2015 erschienen, sein zweiter Prosaband „Der Usambaraveilchenstreichler auf dem Weg zum Südpol“ 2016 und sein drittes Buch „i“ im Mai 2017.
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