Reisen mit leichtem Gepäck.
Auf die Fallhöhe kommt es an. Ich fliege – ich fliege wieder!
Wäre das Wort „damals“ nicht so albern und abgedroschen, weil heutzutage schon inflationär benutzt bei der Betrachtung von Ereignissen, die erst kurz oder nur wenige Jahre zurückliegen – ja, dann würde ich fast schreiben: Damals …Aber es war in meiner Jugend, als wir fliegen konnten, als ich fliegen konnte. Nein, nicht körperlich, aber in Gedanken waren wir, war ich unbesiegbar, unzerstörbar, frei. Über uns, unter uns, neben uns die Welt, die anderen Menschen. Und wir mittendrin – ganz ohne Alkohol und ohne Drogen, nur das natürliche Individuum im Eigenrausch der Unabhängigkeit.

Sicher, sie, die anderen, hatten uns schon einsortiert in ihr ewiges Gefüge, den angeblich großen Plan, die vorgegebenen Abläufe, Grenzen, Regeln, Gesetze – aber was ging uns, was ging mich das an? Grenzen wurden erst später spürbar.

Auflehnung war unser, war mein großes Spiel: Leben, Lernen, Spielen, Reisen, Lieben – was jetzt gefiel, wurde jetzt gemacht. Ohne Rücksicht auf Verluste. Reisen mit leichtem Gepäck. Leben im eigenen Universum …

… wir sind nur Findelkinder,
und wir treiben zum Meer hinunter
wie die Blätter
von den Bäumen am Fluss …
(Silly)

Reisen mit leichtem Gepäck? Mehr war doch nicht, mehr sollte auch nicht sein. Materialistisches war Nebensache.

„Besitze nicht mehr, als du in zwei Koffern tragen kannst.“

Das löste blankes Entsetzen bei Eltern und Etablierten aus. Nur unsere unzähligen Bücher, die wir ständig lasen und horteten, passten nicht in dieses Bild. Nun, die Bücher konnten bis zur Wiederkehr an einem Ort deponiert werden. Nur das wirklich Wichtige im Kopf behalten.

Fakten, Wissen, Erkenntnisse „speichern“ – die Litanei kannten wir schon, auch ohne Ahnung von der technischen Entwicklung der Zukunft. Diese Zukunft – technisch, geistig, materiell – versorgte uns, versorgte mich nach und nach mit Verpflichtungen, Aufgaben, Rollen und Funktionen, machte angreifbar, verletzlich, hinterließ Narben, Schäden innen und außen. Selbst der freieste, mutigste Flieger wurde irgendwann eingefangen, früher oder später, an den Boden gebunden, die Seile immer mehr gekürzt, dann gekappt. Glück hatte, wer dabei keine Bruchlandung erlitt.

Noch einmal: Auf die Fallhöhe kommt es an. Ein Ereignis, ein Absturz, ein Anstoß, eine Gelegenheit … Spring ab, wirf den Plunder deines Lebens über Bord, weg damit, ohne Scheu und Klagen!

Denn wer noch einmal Glück hat, verliert auf dem Weg nach unten den Ballast, die Fesseln. Und kann wieder fliegen. Unabhängigkeit, Abstand zum profanen Leben, Freiraum … Eine Existenz als Beobachter. Distanz am Rand der Welt. Freiheit! Welche schöne Illusion: Fliegen. Leichtsein bis zur Schwerelosigkeit.

Fliegen? Dieses verschrammte, beschädigte Vehikel, das mühsam versucht, den Rest unseres jungen Ichs nach Jahrzehnten noch einmal aus der staubigen Nichtigkeit herauszuheben, soll noch fliegen können – immer und immer wieder?

Egal. Ich liebe es! Selbst wenn es nur eine Illusion bleibt – den Versuch ist es wert, immer wieder, lebenslang.

 

Vita Dirk Göbel