Endlich abheben

In ihrer Arbeit verlor Nina oft die Zeit. Die Stunden, Minuten und Sekunden purzelten dann einfach so aus ihrem Kopf heraus, flogen eine Weile durch die Gegend. Mehr als nur einmal hatte Stefan dann das Pflegeheim nach ihr abgesucht. Ein Wunder eigentlich, dass trotz der schweren Aufgaben, die die Pflegerin zu erledigen hatte, der Feierabend von ihr nicht sehnlichst herbeigewünscht wurde.
„Nina, da bist du ja! Schatz, weißt du noch, wir waren zum Essen verabredet“, sagte Stefan schmunzelnd zu seiner Freundin, die im weißen Pflegegewand einer alten Frau in ihr Zimmer half.
„Siehst du – ich sag ja, du hast etwas Besseres zu tun, als mit mir herumzuspazieren“, murmelte die grauhaarige Dame an ihrem Arm.
Nina ignorierte sie, lächelte entschuldigend dem Mann zu, der schon lange aufgegeben hatte, pünktlich bei einer Einladung, in einem Restaurant oder im Kino zu erscheinen.
„Einen Moment, ich bringe Frau Riedl in ihr Zimmer.“
„Schätzchen, die zwei Meter schaffe ich auch mit dem Stock allein – geh ruhig, ich bin morgen genauso da. Ich habe es dir ja gesagt, ich sterbe nicht, bevor ich nicht einmal die Welt von oben gesehen habe. Einmal fliegen … ach“, seufzte Maria Riedl, während sie sich ihren Worten zum Trotz fest an Ninas Arm klammerte.
„So, da wären wir. Ich komme morgen wieder zu Ihnen. Wenn das Wetter passt, gehen wir dann draußen spazieren. Ist ja schön zwischen den Apfelbäumen. Wo würden Sie denn hinfliegen? Ist doch viel gemütlicher hier …“, lächelte Nina geduldig, die den Herzenswunsch der Dame jeden Abend zu hören bekam.
„Na, das ist egal. Einfach einmal die Welt von oben sehen. Ich hätte es viel früher tun sollen, aber es ist nie zu spät. Besser spät als gar nicht. Besser, ich sterbe in der Luft, als mein Leben lang den Boden nicht verlassen zu haben“, erklärte Maria Riedl und ließ sich in ihrem Lesestuhl nieder. „Ich habe dich viel zu lange aufgehalten, Schätzchen, dein Kavalier wartet.“ Mit einem tadelnden Blick fügte sie hinzu: „Wenn du ihn noch länger stehen lässt, sucht er sich vielleicht einmal eine, die ihre Zeit nicht mit alten Frauen wie mir vergeudet.“
Nina schüttelte nur den Kopf, zwinkerte der alten Dame liebevoll zu. Diese wusste ganz genau, dass ihre Pflegerin ihre Lebenserfahrung, ihre Geschichten und Gedanken sehr wohl wertschätzte.

Den Kopf hinter der Speisekarte, legte sich Stefans Stirn in Falten.
„Sag schon, was los ist! – So lange hast du noch nie die Speisekarte studiert!“, forderte Nina ihn auf, nachdem ihm sogar ein tiefer Seufzer entfahren war.
Als würde er hinter einem Schutzschild hervorlugen, ob die Luft tatsächlich rein sei, ließ er langsam die Speisekarte sinken. „Es ist … Diese alte Frau … Ich kann ihren Wunsch zu fliegen irgendwie verstehen. Die Lüfte erobern – der Traum der Menschheit!“ Stefans Gedanken waren unsortiert, trotzdem hatte Nina eine wage Ahnung, worauf er hinaus wollte. Ein bisschen musste sie ihn davor jedoch necken: „Du hasst das Fliegen! Jedes Mal, wenn wir auf dem Weg in den Urlaub sind, beschwerst du dich über die schlechten Airlines, das miese Essen, die trockene Luft …“
„Das ist etwas völlig anderes!“, murmelte er, sah den süffisanten Gesichtsausdruck seiner Freundin und musste lachen. „Da nimmst du mich einfach auf den Arm“, beschwerte er sich, „dabei weißt du immer genau, was ich meine!“
„Ja, du hast Recht … Ich würde ihr ihren Wunsch auch gerne erfüllen, aber sie hat keine Verwandten, die mit ihr fortfliegen würden, und außerdem das lange Warten bei den Sicherheitskontrollen und die unbequemen Sitze und … Ich fürchte einfach, dass es zu viel für sie wäre!“ Ninas Gesicht nahm einen sorgenvollen Ausdruck an.
„Ich glaube, ich habe da eine Idee!“, entwich es Stefan. „Erinnerst du dich an meinen Freund Paul?“
Seine Freundin nickte irritiert.
„Er besitzt ein Sportflugzeug für zwei Personen. Und wenn ich mich nicht täusche, macht er immer bei so einem Benefiz-Fliegen mit. Für behinderte Kin … Ich meine für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Vielleicht kann ich da mit seiner Hilfe auch etwas für alte Menschen arrangieren …“
Ninas Augen weiteten sich. In einem plötzlichen Glücksrausch beugte sie sich über den Tisch und küsste ihn leidenschaftlich. „Stefan, du bist der Beste! Das würde Maria wirklich die Welt bedeuten!“, japste sie voll Freude.
„Lass mich nur schnell telefonieren … Und bestell mir die Spaghetti Carbonara, falls der Kellner kommt.“
„Wusste ich doch, dass du in Wahrheit genau weißt, was du willst!“, schmunzelte Nina, während er, das Handy aus der Hosentasche fischend, aus dem Restaurant marschierte.

„Willst du es ihr sagen, oder darf ich?“, fragte Stefan mit dem breitesten Grinsen im Gesicht.
„Ich will auf alle Fälle dabei sein!“
„Okay, zusammen?“
„Zusammen!“
Das junge Pärchen marschierte freudestrahlend durch den Speisesaal des Pflegeheims.
„Was grinst ihr denn so hämisch, ihr Turteltäubchen?“, fragte Maria Riedl.
„Wir haben gute Neuigkeiten“, meinte die Pflegerin und lächelte, als wäre es ihr eigener Herzenswunsch, der am nächsten Wochenende in Erfüllung gehen würde.
„Hat er endlich gefragt?“, strahlte die alte Dame. „Ich wusste es, ich wusste es – dass ihr doch heiratet! Dass ich das noch erleben darf!“, freute sich Maria Riedl.
Stefan – knallrot angelaufen – erklärte: „Nein, nein, wir wollen nicht …“
„Das ist zurzeit noch überhaupt kein Thema“, protestierte Nina.
„Aber darum geht es ja gar nicht“, widersprach der Mann.
„Was ist es dann?“, nuschelte Maria, nahm sich daraufhin sofort das unangenehm sitzende Gebiss aus dem Mund.
„Ich habe mit einem guten Freund gesprochen – er besitzt ein Flugzeug, und er hat sich bereit erklärt, Sie für eine Runde über die Stadt mitzunehmen, wenn Sie möchten!“, verkündete Ninas Freund feierlich.
Plötzliches Schweigen erfüllte den Tisch. Marias Augen wurden feucht – dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Die Tränen strömten über ihre runzeligen Wangen, die Augen waren nur kleine Schlitze, kaum zu erkennen im faltenüberzogenen Gesicht. Aus dem offenen Mund ragten die wenigen Zähne der 96-jährigen Frau.
Stefan und Nina wechselten einen Blick, der sagte: „Jetzt hat sie den Verstand verloren. Vielleicht war das gar keine gute Idee!“
Das Gelächter hielt an. Zuerst starrte der ganze Raum irritiert zu dem Trio hinüber, dann – nach und nach – stimmten alle – angesteckt von Maria Riedls herzhaftem Gelächter – mit ein.
Erst Minuten später hatte sich die Lage beruhigt, die alte Frau stopfte sich ihr Gebiss zurück in den Mund.
„Das ist ein Wunder! Damit habe ich beim besten Willen nicht mehr gerechnet habe. Ich? In einem Flugzeug?“ Kaum hatte Maria die Worte heraus gepresst, brach sie erneut in schallendes Gelächter aus.
Wieder sahen sich Nina und Stefan an. Dieses Mal war es der Ausdruck, den zwei Menschen teilen, wenn sie etwas wahrlich Gutes zusammen vollbracht hatten.


 

Vita

Viola Rosa Semper, geboren 1996 in Horn, pflückt Ideen aus dem Reich der Fantasie, um sie in die Nährböden eurer Gedächtnisse zu pflanzen und zu pflegen, bis eine ganze Geschichte daraus wächst. Seit 2017 tut sie das hauptberuflich als freischaffende Schriftstellerin und Texterin.
Erzählt wurde allerdings schon viel früher – noch bevor Viola Rosa selbst schreiben konnte, purzelten Märchenfiguren und Abenteuer aus ihrem kaum zu stoppenden Mundwerk. Seit 2015 werden regelmäßig einige ihrer Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Anthologien veröffentlicht, darunter auch „Das alte Fotoalbum“, das den
1. PERGamenta Publikumspreis gewann.
Weitere Texte der in Horn und Wien lebenden Schriftstellerin sind auf http://viola.semper.at zu lesen. Außerdem verfasst sie regelmäßig Reiseblogeinträge für ihren Reiseblog.

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