Eine einfache Frage

„The secrets that old cars would know“
(Marc Cohn, Silver Thunderbird)

Ich bin so müde. Neun Stunden Autobahn fordern ihren Tribut. Die Musik hilft nicht. Auch nicht das heruntergekurbelte Seitenfenster.
Der nächste Parkplatz in tausend Metern. Den Motor aus. Türen verriegeln. Die Sitzlehne nach hinten. Der große Ledersitz der Mercedes-Heckflosse ist beim Fahren eine Plage. Kein Seitenhalt und keine Stütze im Kreuz. Aber man kann sich prima darin räkeln. Ich schlafe fast auf der Stelle ein …

… bis sich ein Ellenbogen schmerzhaft in meine Seite bohrt. Ich bin schlagartig wach. Die Nacht riecht anders. Frisch wie ein Wald nach einem Sommerregen und nicht nach Asphalt und Autoabgasen. Es ist kühl und ich fröstele.

Auch mit dem Sitz stimmt etwas nicht. Er ist durchgesessen, und das Kreuz tut mir fast augenblicklich weh. Ich taste über das Polster. Kein Leder, sondern abgewetzter Stoff. Ich erstarre. Diese Sitze kenne ich. Aber sie sind eine Erinnerung. Ich habe sie vor zwanzig Jahren ausgebaut und gegen die Lederausstattung getauscht.

„Hallo“, sagt eine Stimme vom Beifahrersitz.

Ich zucke zusammen. Diese Stimme. Heller als meine, jünger. Der Mann neben mir wirkt seltsam vertraut. Die Haare etwas länger, der Bart wilder, das Gesicht ein wenig voller.

„Nein!“

„Doch, ich bin’s.“

„Aber du bist ich, ich bin du. Das … das ist unmöglich. Das geht nicht!“ Ich fange an zu stottern.

„Beruhig‘ dich!“ Er berührt mich an der Schulter und lässt seine Hand dort liegen.

„Ich habe dich auf eine kleine Zeitreise mitgenommen. Ich brauche deine Hilfe. Oder du brauchst meine Hilfe. Kommt ganz darauf an, wie man es betrachtet.“

Ich schweige und blicke aus dem Fenster. „Wie geht das überhaupt und wo sind wir?“, frage ich schließlich.

Er lächelt. „Also erstens, es geht mit dem Auto.

„Alte Autos kennen die Geschichten der Menschen, die es benutzt haben. Dieses hier hat übrigens besonders viele Geschichten erlebt. Schließlich ist es ja schon – lass mich überlegen – fünfzig Jahre alt. Und wenn man es ganz fest will, so kann man damit in der Zeit zurück reisen.“ Er stockt, bevor er weiterspricht. „Ach ja, deine zweite Frage: Wir sind in Finnland.“

Die Sommer, in denen ich als Student im Norden gejobbt habe. – Moment!

„Welches Jahr, welcher Monat, welcher Tag?“

„Der 23. August 1995.“

Das ist der Tag, an dem ich es ihr gesagt habe. Mein Gott, ist das lange her. Fast zwanzig Jahre!

Mein Beifahrer sieht mich an: „Ich sehe, du erinnerst dich.“

„Ist sie hier?“

„Ja, sie ist hier. Sie liegt da drüben im Zelt und wartet. Ich, oder besser gesagt du wolltest ihr noch etwas aus dem Auto holen …“

„… aber am liebsten hätte ich den Schlüssel umgedreht und wäre abgehauen.“

„Feigling!“, sagt mein Sitznachbar.

Ich lache spöttisch: „Du redest von dir selber.“

„Von dir aber auch. Denk’ daran. Wir sind ein und dieselbe Person.“

Ich versuche, das Gespräch wieder auf sicheren Boden zurückzubringen: „Du wolltest etwas fragen.“

„Ja, stimmt. Liebst du sie?“

„Damals oder heute?“

„Es ist eine einfache Frage“, antwortet die Stimme vom Beifahrersitz. „Liebst du sie? Das hat nichts mit damals oder heute zu tun.“

„Ja, ich liebe sie!“

„Und was war gestern Abend?“

Ich spüre, wie ich erst blass und dann rot werde. Ertappt, schuldig, abgeurteilt.

„Woher weißt du …?“, stammle ich.

„Du vergisst, dass du mit IHR im Auto gesessen hast. In diesem Auto. Es hat ein Gedächtnis. Ich habe es dir gerade erklärt – nochmal: Liebst du sie?“

„Wen jetzt?“

„Die Frau dort im Zelt.“

Ich nicke.

„Okay, dann werde ich es ihr gleich sagen.“ Er greift zum Türöffner und zögert dann: „Weißt du, noch ist nichts passiert. Ich könnte es ihr auch nicht sagen. Falls du es dir anders überlegst.“

„Eh, mach’ keinen Scheiß! Du bist gerade dabei, die besten zwanzig Jahre meines Lebens zu ruinieren.“

„Soso“, kommt es mit einem süffisanten Unterton vom Beifahrersitz.

Dann knarrt die Federung, die Tür schlägt ins Schloss und ich sehe mir nach, wie ich zum Zelt hinübergehe, vor dem Eingang kurz zögere, schließlich den Reißverschluss des Mückengitters aufziehe und hinter der Nylonbahn verschwinde.

Der finnische Wald summt. Nein, er brummt. Mücken und Bremsen. Das Geräusch der Nacht in Skandinavien. Das Brummen wird immer lauter, schwillt zu einem Donnern an. Ich schrecke auf. Neben mir ragt eine Wand empor. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Zugmaschine eines Sattelschleppers, der auf der Suche nach einem Parkplatz direkt neben meinem Wagen gehalten hat.

Ich stemme mich hoch. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich gerade mal eine halbe Stunde geschlafen habe. Der Beifahrersitz ist leer. Ich lege meine Hand auf die Sitzfläche. Aber das Leder ist kalt. Ich schiebe den Regler der Heizung auf Rot und lasse den Motor an. Wenn ich jetzt losfahre, bin ich in einer Stunde zu Hause. Wir werden noch ein wenig in der Küche sitzen und über den Tag reden. Und dann werde ich ihr eine Geschichte erzählen.

 

Vita Bernd Debus

 

 

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„The secrets that old cars would know“
(Marc Cohn, Silver Thunderbird)

Ich bin so müde. Neun Stunden Autobahn fordern ihren Tribut. Die Musik hilft nicht. Auch nicht das heruntergekurbelte Seitenfenster.
Der nächste Parkplatz in tausend Metern. Den Motor aus. Türen verriegeln. Die Sitzlehne nach hinten. Der große Ledersitz der Mercedes-Heckflosse ist beim Fahren eine Plage. Kein Seitenhalt und keine Stütze im Kreuz. Aber man kann sich prima darin räkeln. Ich schlafe fast auf der Stelle ein …

… bis sich ein Ellenbogen schmerzhaft in meine Seite bohrt. Ich bin schlagartig wach. Die Nacht riecht anders. Frisch wie ein Wald nach einem Sommerregen und nicht nach Asphalt und Autoabgasen. Es ist kühl und ich fröstele.

Auch mit dem Sitz stimmt etwas nicht. Er ist durchgesessen, und das Kreuz tut mir fast augenblicklich weh. Ich taste über das Polster. Kein Leder, sondern abgewetzter Stoff. Ich erstarre. Diese Sitze kenne ich. Aber sie sind eine Erinnerung. Ich habe sie vor zwanzig Jahren ausgebaut und gegen die Lederausstattung getauscht.

„Hallo“, sagt eine Stimme vom Beifahrersitz.

Ich zucke zusammen. Diese Stimme. Heller als meine, jünger. Der Mann neben mir wirkt seltsam vertraut. Die Haare etwas länger, der Bart wilder, das Gesicht ein wenig voller.

„Nein!“

„Doch, ich bin’s.“

„Aber du bist ich, ich bin du. Das … das ist unmöglich. Das geht nicht!“ Ich fange an zu stottern.

„Beruhig‘ dich!“ Er berührt mich an der Schulter und lässt seine Hand dort liegen.

„Ich habe dich auf eine kleine Zeitreise mitgenommen. Ich brauche deine Hilfe. Oder du brauchst meine Hilfe. Kommt ganz darauf an, wie man es betrachtet.“

Ich schweige und blicke aus dem Fenster. „Wie geht das überhaupt und wo sind wir?“, frage ich schließlich.

Er lächelt. „Also erstens, es geht mit dem Auto.

„Alte Autos kennen die Geschichten der Menschen, die es benutzt haben. Dieses hier hat übrigens besonders viele Geschichten erlebt. Schließlich ist es ja schon – lass mich überlegen – fünfzig Jahre alt. Und wenn man es ganz fest will, so kann man damit in der Zeit zurück reisen.“ Er stockt, bevor er weiterspricht. „Ach ja, deine zweite Frage: Wir sind in Finnland.“

Die Sommer, in denen ich als Student im Norden gejobbt habe. – Moment!

„Welches Jahr, welcher Monat, welcher Tag?“

„Der 23. August 1995.“

Das ist der Tag, an dem ich es ihr gesagt habe. Mein Gott, ist das lange her. Fast zwanzig Jahre!

Mein Beifahrer sieht mich an: „Ich sehe, du erinnerst dich.“

„Ist sie hier?“

„Ja, sie ist hier. Sie liegt da drüben im Zelt und wartet. Ich, oder besser gesagt du wolltest ihr noch etwas aus dem Auto holen …“

„… aber am liebsten hätte ich den Schlüssel umgedreht und wäre abgehauen.“

„Feigling!“, sagt mein Sitznachbar.

Ich lache spöttisch: „Du redest von dir selber.“

„Von dir aber auch. Denk’ daran. Wir sind ein und dieselbe Person.“

Ich versuche, das Gespräch wieder auf sicheren Boden zurückzubringen: „Du wolltest etwas fragen.“

„Ja, stimmt. Liebst du sie?“

„Damals oder heute?“

„Es ist eine einfache Frage“, antwortet die Stimme vom Beifahrersitz. „Liebst du sie? Das hat nichts mit damals oder heute zu tun.“

„Ja, ich liebe sie!“

„Und was war gestern Abend?“

Ich spüre, wie ich erst blass und dann rot werde. Ertappt, schuldig, abgeurteilt.

„Woher weißt du …?“, stammle ich.

„Du vergisst, dass du mit IHR im Auto gesessen hast. In diesem Auto. Es hat ein Gedächtnis. Ich habe es dir gerade erklärt – nochmal: Liebst du sie?“

„Wen jetzt?“

„Die Frau dort im Zelt.“

Ich nicke.

„Okay, dann werde ich es ihr gleich sagen.“ Er greift zum Türöffner und zögert dann: „Weißt du, noch ist nichts passiert. Ich könnte es ihr auch nicht sagen. Falls du es dir anders überlegst.“

„Eh, mach’ keinen Scheiß! Du bist gerade dabei, die besten zwanzig Jahre meines Lebens zu ruinieren.“

„Soso“, kommt es mit einem süffisanten Unterton vom Beifahrersitz.

Dann knarrt die Federung, die Tür schlägt ins Schloss und ich sehe mir nach, wie ich zum Zelt hinübergehe, vor dem Eingang kurz zögere, schließlich den Reißverschluss des Mückengitters aufziehe und hinter der Nylonbahn verschwinde.

Der finnische Wald summt. Nein, er brummt. Mücken und Bremsen. Das Geräusch der Nacht in Skandinavien. Das Brummen wird immer lauter, schwillt zu einem Donnern an. Ich schrecke auf. Neben mir ragt eine Wand empor. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Zugmaschine eines Sattelschleppers, der auf der Suche nach einem Parkplatz direkt neben meinem Wagen gehalten hat.

Ich stemme mich hoch. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich gerade mal eine halbe Stunde geschlafen habe. Der Beifahrersitz ist leer. Ich lege meine Hand auf die Sitzfläche. Aber das Leder ist kalt. Ich schiebe den Regler der Heizung auf Rot und lasse den Motor an. Wenn ich jetzt losfahre, bin ich in einer Stunde zu Hause. Wir werden noch ein wenig in der Küche sitzen und über den Tag reden. Und dann werde ich ihr eine Geschichte erzählen.

 

Vita Bernd Debus

 

 

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