Ich starre ins Leere, grübele vor mich hin und denke laut: „Ich wünschte, du wärst bei mir, Mama. Du fehlst mir. Ich vermisse es, mit dir zu lachen. Ich vermisse deine Ratschläge, wenn ich krank bin und ich vermisse die fünfhundert Gramm Pumpernickel, die ich dir immer vom Einkaufen mitbringen sollte. Ich vermisse auch deinen Kartoffelsalat. Ich hätte dich nach dem Rezept fragen sollen, als du mir noch antworten konntest. Heute wäre ein Bissen davon wie ein Seelentröster.“

Tränen laufen mir übers Gesicht, meine Unterlippe zittert und meine Gesichtszüge entgleisen mir, während ich weiterhin ins Leere starre. Die Leere, das bist du, Mama.

Seit du vor vier Jahren an Demenz erkrankt bist, ist nichts mehr, wie es einmal war. „Das geht schleichend“, hatte der Arzt gesagt, aber nach deinem Umzug ins Altenheim ging es dann sogar rasend schnell. Ich konnte dir beim Vergessen zusehen. Dein suchender Blick hat mir bei jedem Besuch das Herz gebrochen.

Am liebsten hätte ich dich wieder mit nach Hause genommen, aber das war undenkbar. Ständig bist du gestürzt, bist nachts aus dem Haus gelaufen und hast dich verirrt. Ach, es hätte ja doch nichts geändert.

Mama, ich hätte nie gedacht, dass mir ein Mensch fehlen kann, der noch lebt. Früher dachte ich: vermissen kann man nur jemand, der gestorben ist oder auf langer Reise. Doch das stimmt nicht.

Es tut weh, Mama. Früher warst du diejenige, die lustige Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgepackt hat, an die ich mich nur noch schemenhaft erinnern konnte oder die erst mit deiner Erzählung wieder aufblühten und an Farbe gewannen. Heute bin ich es, die dich zu erinnern versucht. Ich erzähle dir von Papa, von meiner Kindheit, lustigen Streichen, schwülen Sommerabenden und unserem verstorbenen Dackel Berni.

Manchmal lachst du, weil du dich erinnerst. Manchmal lächelst du und dann weiß ich nicht, ob du es nur aus Höflichkeit tust. Manchmal weinst du, weil dir bewusst wird, was mit dir geschieht. Dann weine ich mit dir, Mama. Und manchmal da schüttelst du verständnislos den Kopf, schreist mich an: „Hau ab, du dumme Kuh!“, und schlägst nach mir. Immer öfter erkennst du mich nicht. Du hast mir so oft gesagt, dass ich der größte Schatz in deinem Leben bin und dir deine Familie alles bedeutet. Heute gehöre ich in manchen Momenten nicht mehr dazu. Ich frage mich, was dann in dir vorgeht.

Erkennst du nur deine jetzt erwachsene Tochter nicht mehr? Die Krankenschwestern erzählen mir, dass du häufig nach deinem „kleinen Mädchen“ suchst, das längst hätte von der Schule zurückkommen müssen. Dann weiß ich, ich bin für dich doch noch da. Ganz tief in dir drin, in deiner Erinnerungskiste. Sie liegt begraben unter spinnenwebartigen Fäden des Vergessens. Aber ich bin noch da. Alle Erinnerungen sind da. Sie vermischen sich bloß wie ein Kartenspiel, tauschen die Reihenfolge, verstecken sich.

Und manchmal tauchen Erinnerungen auf, die du noch nie mit mir geteilt hast. Von deiner Jugendliebe Emil weiß ich erst, seit du mir vor einem Jahr von ihm erzählt hast. Das sind die Momente, in denen mir bewusst wird, dass nicht du dich verlierst, sondern dass ich es bin, die in manchen Augenblicken nicht in deinen Ausschnitt der Vergangenheit passt, in dem du zu dem Zeitpunkt lebst. Du bist orientiert – nur mir gelingt oftmals nicht der Anschluss an deine Zeitzone.

Dieser Gedanke beruhigt mich. Ich sehe dich wieder an. Du bist nicht die Leere. Du blinzelst in die Sonne und lächelst. „Wie geht es dir?“, frage ich und nenne dich bewusst nicht Mama, weil ich nicht weiß, ob du in deiner Welt denn schon Mutter bist. Du wendest mir den Kopf zu und sagst: „Gut. Später gehe ich mit Berni Gassi.“

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