Die Menschen gingen viel zu blauäugig durch die Welt. Sie setzten sich in Flugzeuge und flogen tausende Meter hoch, obwohl ein Fall in die Tiefe tödlich enden würde. Sie fuhren raus auf die hohe See, obwohl der Ozean große Gefahren barg. Sie überquerten Straßen, verließen ihre Häuser oder taten etwas Simples wie Kaffee kochen oder den Fernseher einschalten und waren sich nicht der Tatsache bewusst, dass das Leben unberechenbar war, sich durch unsere Taten plötzlich alles verändern und unser Leben von einem Moment auf den anderen in Scherben liegen konnte.

Auch ich war mal so naiv. Mein Telefon klingelte, ich hob ab und plötzlich fühlte ich mich wie in einem falschen Film. Die Worte, die ich hörte, ergaben in meinen Ohren keinen Sinn. Alles schien wie in einem Nebel, die Worte klangen abgehackt, durch Schluchzer zerstückelt und absolut sinnlos. Ich hörte Fetzen wie „Nina“, „Polizei“ und „nicht mehr am Leben“, aber ich verstand sie nicht. Oder ich wollte sie nicht verstehen, weil sie nicht stimmten, weil das alles nicht sein konnte. Meine Freundin konnte nicht tot sein, ich hatte sie doch erst gestern gesehen, ihre Hand gehalten, ihren Atem an meinem Nacken gespürt, als sie mich zum Abschied umarmt hatte.

Es konnte einfach nicht sein, dass sie tot war, dass sie durch ihre eigene Hand gestorben war, doch diese erbarmungslose Realität drängte sich immer mehr in mein Bewusstsein. All der Nebel und diese Taubheit war mit einem Schlag weg und meine Gefühle brachen über mich ein wie ein Tsunami und begruben mich unter seinen gigantischen Wellen. Ich weinte in lauten Schluchzern immer und immer mehr, der Strom der Tränen schien endlos zu sein. Warum?

Diese Frage schwirrte nun seit fast einem Jahr in meinem Kopf umher und bis heute fand ich keine Antwort darauf. Ich wusste, dass es Nina nicht gut ging. Ich wusste, dass sie seit ein paar Jahren mit Depressionen kämpfte. Sie erzählte mir davon und beschrieb diese Depressionen wie die Dementoren bei Harry Potter, Wesen, die alles Gute und Schöne an Gefühlen und Gedanken in dir auslöschen und man selbst nur noch aus Trauer, Angst und Leere bestand. Vielleicht ging es nicht so viel um das „Warum?“, sondern darum, dass für sie einfach kein „Warum nicht?“ mehr da war.

Hätte ich etwas tun können? Hätte ich etwas anders machen sollen? Hätte ich besser auf sie aufpassen sollen? Hätte ich dies, hätte ich das, hätte, hätte, hätte.

Die „Hätte´s“ füllten meinen Kopf, redeten alle kreuz und quer und schrien mich schließlich an, dass ich alles falsch gemacht habe. Dass ich mehr für sie hätte da sein müssen, dass ich etwas hätte merken müssen, dass ich es hätte verhindern können.

Eine lange Zeit hatten mich die „Hätte´s“ voll im Griff. Ich fühlte mich so schuldig, dass es mich von innen heraus auffraß. Auch an mich kamen die Dementoren näher und näher heran und versuchten mir alles Schöne, was mir im Leben geblieben war, aus mir herauszusaugen, mir zu sagen, ich wäre an all dem Schuld und Nina könne noch leben, hätte ich bloß mehr bemerkt, mehr auf sie geachtet, mehr auf sie aufgepasst.

Ich brauchte lange und sehr viel Hilfe von außen bis mir bewusst wurde, dass es der Dementor war, der immer näher an mich herankam, der mir das einredete und das alles nicht stimmte, dass ich an all dem keine Schuld trug. Dass Nina an einer schweren Krankheit gelitten hatte, die dem Körper zwar nicht schadete, aber eben der Psyche, dass und diese seelischen Schmerzen so schlimm werden konnten, dass die Psyche den Menschen dazu bringen konnte, dem Körper selbst zu schaden oder ihn gar komplett auszulöschen. Nina litt an einer tödlichen Krankheit, an der ich nichts hätte ändern können und an deren Ausgang ich nicht schuld war.

Für diese Erkenntnis hatte ich fast ein Jahr gebraucht, doch heute kann ich sagen, dass dies so stimmt.

Wie lebt man nach so etwas weiter? Als Nina aus meinem Leben gerissen wurde, hinterließ sie ein klaffendes Loch. Sie fehlte mir, wenn ich morgens in die Schule fuhr und sie nicht an der gewohnten Haltestelle einstieg. Sie fehlte mir in meinem Mathekurs, wo ich nun seit fast einem Jahr auf einen leeren Stuhl links neben mir blickte und mir nichts sehnlicher wünschte, als dass sie neben mir säße.

Sie fehlte mir abends zu der Zeit, wo wir früher immer telefoniert hatten. Mir fehlte die Nina, der ich alles erzählen konnte, mit der ich über so vieles lachen konnte. Mir fehlte sie so unglaublich, dass es mir das Herz zerriss, wenn ich nur ihren Namen hörte.

Das klaffende Loch, das sie hinterließ, würde nie mehr komplett verschwinden.

Doch es gab Dinge, die das Loch ein wenig füllten. Sonnenstrahlen am Morgen, die durch mein Fenster fielen und mich sanft aus meinem Schlaf weckten.

Das Lächeln eines guten Freundes, der am Bahnhof auf mich wartete und mich in der Menge der Menschen endlich erkannte. Die Umarmungen derjenigen Menschen, die mir am wichtigsten waren.

Trampolin springen und wieder ein bisschen Kind sein dürfen. Ein Stück Schokolade. Eine Pusteblume, deren Samen man in den Wind pustet, was die Hoffnung weckt, dass Wunder vielleicht wirklich wahr werden konnten.

Seit fast einem Jahr versuchte ich diese Momente zu sammeln und das Loch in mir zu füllen. Ich stand jeden Tag auf, ging zur Schule, versuchte mein Leben weiterzuleben.

An manchen Tagen, an denen die „Hätte´s“ so laut waren und die Dementoren immer näher kamen, war es unglaublich schwer. Doch ich hielt jeden Tag Ausschau nach all diesen kleinen Momenten, die das Loch in mir Stück für Stück füllten und auf diese Weise die „Hätte´s“ und die Dementoren in mir vertrieben und in mir die Hoffnung weckten, eines Tages nur noch eine kleine Narbe in mir zu haben, die nur vage an das Loch, das in mir gewesen war, erinnerte.

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